Frauenpolitik, eine sehr laute Baustelle

Frauenjahr 2018? Während uns einerseits ein frauenpolitischer Rückschritt bevorsteht, tut sich auf der anderen Seite genau das Gegenteil. Feministische Frauen und Männer schließen sich zusammen, um gemeinsam zu kämpfen.

Wir müssen uns gemeinsam wehren!" Es ist eine kämpferische Ansage, mit der der Vorstand des Frauen* volksbegehrens bei der Generalversammlung an sein Publikum appelliert. Denn viele fragen sich jetzt: Wie geht es in Sachen Frauenpolitik weiter? Die Debatte der letzten Monate zeigte: Frauenrechte sind zwar Thema - jedoch scheinbar wieder verhandelbar. Denn was bleibt von großen Schlagzeilen wie jenen rund um #metoo, bei der Frauen von Übergriffen erzählt haben, wirklich übrig? Ist es ein Aufschrei, ist es nur "hysterisch" oder ist es heute schlechter denn je? Und die wichtigste Frage: Gibt es ein Miteinander, das auch Männer einschließt? Gibt es eine konstruktive Zukunft?

Das sind Fragen, denen sich auch das Frauen*volksbegehren stellen muss. Dessen Sprecherin Schifteh Hashemi seufzt erst mal: "Der Backlash in der österreichischen Frauenpolitik ist spürbar." Die Zahlen geben ihr recht: Der Global Gender Gap Report 2016 des Weltwirtschaftsforums stellt Österreich ein schlechtes Zeugnis aus. Das Land rutschte um 15 Plätze auf Rang 52 ab. Geht es in dem Tempo weiter, wird es noch 170 Jahre dauern, bis Frauen und Männer in Österreich die gleichen Chancen erhalten. Eine schwarz-blaue Regierung und geplante Kürzungen im Sozialbereich tun ihr Übriges, um die Stimmung zu drücken. Doch der Backlash bietet auch Chancen:"Wir müssen zwar jetzt um bereits errungene Rechte wieder kämpfen, aber wir spüren auch, dass sich gerade immer mehr Frauen organisieren."

Keine rosige Gegenwart für Frauen in Österreich

Ein Zusammenschluss, der so begrüßenswert wie notwendig ist. Denn die Gegenwart sieht für Frauen nicht gerade rosig aus, weiß die Ökonomin Katharina Mader. Sie forscht an der WU Wien zur Verteilung von unbezahlter Arbeit. Darunter fallen Tätigkeiten im Haushalt, Kinderbetreuung und die Pflege von Angehörigen. Noch immer werden zwei Drittel davon von Frauen erledigt. "In den letzten 20 Jahren hat es zwar eine Verbesserung gegeben, jedoch handelt es sich nach wie vor um eine stereotypische Aufgabenverteilung. So sind Frauen meist für Kochen und Kinderbetreuung zuständig, während sich Männer eher um Reparaturen und Gartenarbeiten kümmern", erklärt Mader. Solche Zuweisungen spiegeln sich auch in der Erwerbsarbeit wider, wo vermeintlich typische Frauenberufe schlechter bezahlt werden als typische Männerberufe.

Im Vergleich zu meiner Jugendzeit kann ich kaum eine Bewusstseinsänderung in dieser Hinsicht feststellen.
Journalistin Elfriede Hammerl über #metoo

Diese Lohnunterschiede nehmen laut Katharina Mader bei der Aufteilung von unbezahlter Arbeit ihren Ursprung. "Wenn eine Frau mehr Sorgearbeit erledigen muss, wirkt sich das auf ihr Anstellungsverhältnis aus. Arbeitet sie deshalb weniger, hat sie weniger Einkommen und somit auch weniger Entscheidungsmacht. Das ist ein Teufelskreis!" Damit sich daran etwas ändert, braucht es laut der Ökonomin eine staatlich geregelte Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich. "In den meisten Fällen reduzieren nämlich nur Frauen nach einer Schwangerschaft ihre Arbeitszeit, um Zeit für die Kinderbetreuung zu haben. Männer hingegen erhöhen die Arbeitszeit, damit es sich finanziell ausgeht. Beide sind benachteiligt", erzählt sie. Um eine faire Verteilung zu erreichen, sind laut Katharina Mader aber weitere Gleichstellungsmaßnahmen nötig.

Trotzdem hält sich weiterhin hartnäckig der Glaube, dass Frauen alles erreichen können, wenn sie wollen. Etwas, das Schifteh Hashemi vom Frauen*volksbegehren selbst lange geglaubt hat. Bis sie ins Berufsleben eingestiegen ist: "Der Realität wurde ich mir erst so wirklich bewusst, als ich in meinem Job auf unerklärliche Widerstände gestoßen bin", erinnert sich Hashemi. Frauenpolitische Baustellen gibt es hier zur Genüge: Die Lohnschere muss geschlossen, die Zahl der Kinderbetreuungsplätze ausgebaut werden, und man muss noch mehr in Gewaltschutz investieren. Das Bewusstsein darüber machte sie zur Feministin. Heute setzt sich Hashemi vor allem für jene ein, die weniger privilegiert sind. Für sie eine feministische Verantwortung - die übrigens allen Geschlechtern nützt. Denn von einer vernünftigen Frauenpolitik würden auch Männer profitieren.

"Das Bild des dominanten Alphamännchens muss abgelöst werden"

Psychologe Romeo Bissuti erlebt das hautnah. Er leitet das Männergesundheitszentrum MEN, wo er sich unter anderem mit Gewaltprävention beschäftigt und Beratung und Workshops für Buben und Männer anbietet. "Die größte Herausforderung ist, konservative Männlichkeitsbilder aus den Köpfen der Teilnehmer zu bekommen. Erst dann kann sich nachhaltig etwas verändern." Bissuti wünscht sich in Zukunft mehr Männer, die bewusst eine geschlechterdemokratische Haltung einnehmen und sich solidarisch mit Frauen zeigen. "Es wäre schön, wenn eine Vielfalt von Männlichkeit das Idealbild des dominanten Alphamännchens ablöst." So würde sich nicht nur die Zahl der Gewaltübergriffe, sondern auch der soziale Druck auf Männer reduzieren, meint er.

»Arbeit. Egal, ob Wirtschaft oder Politik -Spitzenpositionen in Österreich sind nach wie vor von Männern dominiert. Hier braucht es Quotenregelungen.

»Familie. Eine hohe Teilzeitquote und ökonomische Abhängigkeit: Es muss mehr leistbare Kinderbetreuungsplätze geben, damit Frauen Vollzeitjobs ausüben können.

»Gesundheit. Armut und soziale Benachteiligung haben langfristig Auswirkungen auf die Gesundheit. Alleinerziehende, Pensionistinnen, Migrantinnen und Asylwerberinnen sind besonders betroffen.

Ein Thema, das den Frauenrechtsdiskurs der letzten Monate bestimmt hat, war und ist sexuelle Belästigung. Durch die #metoo-Bewegung, bei der Tausende Frauen von sexualisierter Gewalt berichtet haben, wurde das massive Ausmaß des Problems öffentlich. "Eine längst überfällige Diskussion", findet Elfriede Hammerl, Journalistin und Feministin. Sie setzt sich seit Jahrzehnten für Frauenrechte ein und legt mit ihrer profil-Kolumne immer wieder den Finger in Wunden. Groß verändert hat sich in den letzten Jahrzehnten jedoch nicht viel, meint sie: "Im Vergleich zu meiner Jugendzeit kann ich kaum eine Bewusstseinsänderung in dieser Hinsicht feststellen. Der einzige Unterschied: Heute wird öffentlich über Belästigung geredet. Früher wurde es verschwiegen." Sie ist pessimistisch, dass #metoo zu einer ernsthaften Veränderung führen wird: "Wenn man sich die Reaktionen und Postings ansieht, dann ist das eher deprimierend. Es geht nur darum, unter der Flagge der Meinungsfreiheit Sexismus zu verbreiten."

"Die breite Masse der Männer macht sich Gedanken, ob sie Frauen überhaupt noch ansprechen darf"

Romeo Bissuti befürchtet ebenfalls, dass die Diskussion vom eigentlichen Problem ablenkt: "Die breite Masse der Männer macht sich Gedanken, ob sie Frauen überhaupt noch ansprechen darf. Bei #metoo geht es aber um sexuelle Belästigung und Gewalt am Arbeitsplatz. Eine gemeinsame solidarische Haltung wäre wichtig." Die Aktion sei zwar wichtig, driftet aber teilweise in eine falsche Richtung ab.

Gewalt, Arbeit und Gesundheit: Das sind alles Themen, bei denen der Hut brennt. Doch Frauenpolitik wird den Regierenden laut Elfriede Hammerl auch in der nächsten Legislaturperiode unwichtig sein. "Oder eben nur unter dem Blickwinkel einer Retro-Familienpolitik stattfinden. Das Frauenbild der FPÖ ist hinreichend bekannt. Sebastian Kurz hat zwar junge Mitstreiterinnen, aber wirklich feministisch ist keine davon", lautet ihr Fazit.

Wir müssen wachsam bleiben

Auch für sie gibt es nur eine Lösung: sich zusammenzuschließen. "Solidarität hat einen hohen Wert in meinem Leben insgesamt, aber speziell auch, was feministische Anliegen betrifft. Auf der einen Seite war ich zwar immer eine Einzelkämpferin, aber ich wollte nie in einer isolierten Blase sitzen. Solidarischer Zusammenhalt ist zentral." Das bedeutet für sie auch, die Lebensrealitäten der oft zitierten "Supermarktkassiererin" zum Thema zu machen. "Qualifizierte junge Frauen am Land, die Kinder haben, finden kaum Arbeitsplätze. Ich kenne einige, die dann im Supermarkt schlichten, weil es sich sonst nicht ausgeht", sagt sie. Institutionelle und flächendeckende Kinderbetreuung würde das Problem lösen. "Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie sollte zwar Männer wie Frauen beschäftigen, aber in der Praxis bleibt es an den Frauen hängen", kritisiert Hammerl.

Doch immer mehr Frauen und Männer arbeiten im Hintergrund daran, ein besseres, gleichberechtigtes Leben für Menschen in Österreich zu ermöglichen. Auch im Packhaus, einem Co-Working-Space im dritten Bezirk in Wien und Sitz des Frauen*volksbegehrens. Pläne auf Flipcharts warten hier darauf, von vielen engagierten Menschen umgesetzt zu werden. "Wir müssen wachsam bleiben." So lautet also das Credo von Schifteh Hashemi. 2018 - das 100-jährige Jubiläum des Frauenwahlrechts - wird zeigen, welchen frauenpolitischen Kurs Österreich einschlagen will. Der Appell der Engagierten klingt einfach: Nutzen wir unsere Stimmen, sonst tun es andere. Oder um die feministische Pionierin Johanna Dohnal zu zitieren: "Nur eine Frauenorganisation, die lästig ist, hat eine Existenzberechtigung." Lästig sein ist nicht bequem, aber für die Vision einer gleichberechtigten Gesellschaft zahlt es sich aus.

Dieser Text erschien in der Print-Ausgabe der WIENERIN 01/2018 und wurde für den Weltfrauentag leicht adaptiert.

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