Frauenparadies Island: Sind hier wirklich alle gleich?

Seit über 100 Jahren kämpfen Frauen in Island für ihre Rechte. Heute gilt Island als Vorzeigemodell für Gleichstellung. Aber leben die Isländern wirklich in einem Land der Gleichen?

Equality now!

Hoch oben im Norden, dort, wo es im Winter lange dunkel bleibt und auch im Sommer nicht warm wird, da wohnen Gleiche unter Gleichen. Zumindest, wenn es nach der Statistik geht. In keinem anderen Land sind Frauen und Männer so gleichgestellt wie in Island. So steht es im Global Gender Gap Report, mit dem Ökonom*innen des Weltwirtschaftsforums jedes Jahr den Grad der Gleichberechtigung in 149 Staaten messen. Auch 2018 führte Island das Ranking an - zum neunten Mal in Folge.

Für seine Frauenpolitik bekommt das Land viel Anerkennung. "Paradies für Frauen" oder "the best place to be a woman" heißt es etwa im deutschen Spiegel oder im britischen Guardian. Vor 39 Jahren wählten die Isländer*innen eine Frau zur Präsidentin, die erste Präsidentin weltweit. Die regierende Premierministerin Katrín Jakobsdóttir ist eine glühende Feministin und Islands Gesetzeslage gilt als vorbildlich.

Das gleichberechtigte Island: Alles nur Schein?

"Ein Paradies für Frauen?", sagt Tatjana Latinović und zieht die Augenbrauen hoch. Seit Juni ist die gebürtige Kroatin, die sich wie alle Isländer*innen nur beim Vornamen rufen lässt, Vorsitzende der ältesten Frauenorganisation des Landes. In dieser Funktion berät sie die Regierung, wenn es um die Gleichstellung von Männern und Frauen geht. Nun soll sie einer Journalistin aus Österreich erklären, warum das in Island besser funktioniert als anderswo. Sie sagt: "Ich will keine Spielverderberin sein, aber das mit dem Paradies ist eine zwiespältige Sache." Wieso?

Wer mit Aktivistinnen und Wissenschaftlerinnen spricht, der wird eine Antwort auf diese Frage bekommen - und gleichzeitig viel über feministische Kämpfe lernen. Island ist in vielem eine Ausnahme: Hier leben nur knapp 350.000 Einwohner*innen, das sind etwas mehr als in Graz. Dennoch taugt Island als eine Art Versuchsanordnung: Hier lässt sich im Kleinen beobachten, wie Gleichstellung möglich wird - aber auch, wie sehr die Umsetzung feministischer Forderungen an ihrer Verwertbarkeit hängt. Und dass davon nicht alle im gleichen Ausmaß profitieren.

Als die Frauen in Island streikten

Die amtierende Premierministerin Katrín Jakobsdóttir ist noch ein Kleinkind, als Island für einen Tag stillsteht. Am 24. Oktober 1975 treten 90 Prozent aller Frauen in einen Streik, den sie als "Frauenruhetag" bezeichnen: Sie gehen nicht zur Arbeit, sie putzen nicht, sie kümmern sich nicht um die Kinder. "Einige Männer sprechen heute noch von diesem ,langen Freitag'", sagt Gerður Steinþórsdóttir. Sie ist damals 31 Jahre alt, Mutter und Lokalpolitikerin. Gemeinsam mit acht Frauen erstellt sie im Juni des Jahres eine Petition: "Warum ein Frauenruhetag?" Als Gerður die Petition verfasst, gibt es in Island keine Kinderbetreuung, es ist erlaubt, Frauen schlechter zu bezahlen als Männer, und obwohl sie als Politikerin im Stadtrat von Reykjavík sitzt, steht nur der Name ihres Mannes im Telefonbuch.

Der Streik war die Initialzündung für frauenpolitische Meilensteine, die im Rückblick als logische Abfolge erscheinen: 1976 erließ das isländische Parlament ein Gesetz zur Gleichstellung von Männern und Frauen. Vier Jahre später wurde Vigdís Finnbogadóttir, eine geschiedene Frau und alleinerziehende Mutter, Islands erste Präsidentin. 2003 schließlich kam ein Elterngesetz, das Männer in die Pflicht nimmt. Väter dürfen ihren Anspruch auf Elterngeld seither nicht mehr auf die Mütter übertragen. Sie müssen selbst zu Hause bleiben, sonst ist das Geld weg.

"Isländische Frauen sind sehr selbstbewusst", sagt die deutsche Autorin Anne Siegel, die sich in ihren Romanen mit der isländischen Gesellschaft beschäftigt. Warum ist das so?" Wir haben früh gezeigt, wie groß der Beitrag ist, den wir für die Gesellschaft leisten", sagt Gerður Steinþórsdóttir. "Und wenn man etwas oft genug sagt, dann bleibt es irgendwann hängen." In Island gibt es gut vernetzte Frauenorganisationen, die für ihre Anliegen regelmäßig auf die Straße gehen. "Wir haben eine starke Frauenrechtsbewegung, die seit über 100 Jahren kämpft", sagt Tatjana Latinovic. Ihr Erfolg hing aber auch von einem anderen Faktor ab: An die Spitze des Global Gender Gap Reports rückte Island, als das Land am Boden lag.

Die Krise ist männlich

Im Oktober 2008 stand Island vor dem Bankrott. Die Banker des kleinen Landes hatten so waghalsig spekuliert, dass das gesamte Finanzsystem ins Wanken kam. "Es war ein System von 'Höher, schneller, weiter!'", sagt Anne Siegel. Und es war ein männliches. Nach dem Kollaps stand ein kleines Netzwerk aus einflussreichen Bankern und Politikern am Pranger - und vor den Gerichten: Es waren fast ausschließlich Männer, die das Land mit riskanten Anlagestrategien ruiniert hatten. Die Frauen, so hieß es in Medien und Öffentlichkeit, sollten es nun aus dem Abgrund führen.

"Die Krise öffnete ein Window of Opportunity", sagt die Soziologin Þorgerður Einarsdóttir. Sie forscht seit 20 Jahren zur Geschlechtergerechtigkeit in Island. Als die damalige Regierung unter der Finanzkrise zusammenbrach, wählten die Isländer*innen Jóhanna Sigurðardóttir, eine 66-jährige Sozialdemokratin und offen lesbisch, zur Premierministerin. Im Parlament saßen erstmals mehr als 40 Prozent weibliche Abgeordnete, und an die Spitzen von zwei der drei größten bankrotten Banken rückten ebenfalls Frauen. "Dinge, die zuvor heftig umstritten waren, wurden nun möglich", sagt Þorgerður.

In Island dürfen die Frauen an die Macht

2013 trat in Island eine Geschlechterquote in Kraft: Seither müssen Firmen mit mehr als 50 Angestellten mindestens 40 Prozent Frauen im Vorstand haben. Dann, vergangenes Jahr, erließ das Parlament ein Gesetz, mit dem Firmen dazu verpflichtet wurden, nachzuweisen, dass sie ihre Mitarbeiter*innen gleich bezahlen - unabhängig von deren Geschlecht.

Die Finanzkrise war eine Chance, sie hat Feminist*innen gleichzeitig aber in eine paradoxe Situation gebracht. In einer Studie hat Þorgerður Einarsdóttir Zeitungsartikel und Parlamentsdokumente aus dieser Zeit ausgewertet. Sie zeigen, welche Argumente im Kampf für Geschlechtergerechtigkeit am überzeugendsten waren. "Es hieß, Frauen sollten mehr Macht bekommen, weil das der Wirtschaft und der Gesellschaft nütze", sagt sie.

"Was die Gesellschaft nun braucht, ist, die besonderen Fähigkeiten von Frauen zu nützen", sagte etwa die ehemalige Sozialministerin 2009. Oder Halla Tómasdóttir, bekannte Geschäftsfrau, spätere Präsidentschaftskandidatin und damals CEO des einzigen Investmentfonds, der die Krise überlebt hatte: Frauen würden anders denken als Männer und so die finanzielle Situation von Unternehmen verbessern, erzählte sie dem britischen Radiosender BBC. Frauen als die besseren Kapitalisten. Was aber, wenn das nicht stimmen sollte?

Ist das mit der Gleichstellung jetzt gut oder schlecht?

Die Forschung ist sich in dieser Frage uneins. Es gibt Studien, die besagen, dass die Geschäfte besser laufen, wenn viele Frauen in Führungspositionen sind. Andere wiederum kommen zum Ergebnis: Firmen machen nicht automatisch mehr Gewinn, wenn sie von Frauen geführt werden. "Die Forderung nach Gleichstellung mit besonderen Fähigkeiten von Frauen zu begründen ist riskant", sagt Þorgerður Einarsdóttir. "Es gibt Politikerinnen und Politikern die Möglichkeit, diese Rechte wieder abzuschaffen, sollte sich das Gegenteil herausstellen."

Hat das Argument dem Kampf für gleiche Rechte letztlich geschadet? Wenn man Þorgerður diese Frage stellt, ist sie zunächst still. "Frauen waren damit bisher am erfolgreichsten", sagt sie schließlich. Diese Argumentation habe den Weg geebnet, sowohl für die Frauenquote als auch für die Nachweispflicht über gleichen Lohn. Gleichzeitig haben davon aber nicht alle im selben Ausmaß profitiert. Für ihre Vorträge hat Þorgerður deshalb eine PowerPoint-Präsentation erstellt: Sie zeigt Islands feministische Meilensteine, aber auch den hohen Anteil an unbezahlter Hausarbeit, den Frauen nach wie vor leisten, oder Islands stark segregierten Arbeitsmarkt.

Warum wir intersektional denken müssen

Das alles bezieht das Weltwirtschaftsforum nicht in seine Messungen mit ein. Es bedeutet: Obwohl Island an der Spitze des Rankings steht, arbeiten Frauen vor allem im Gesundheits-und Bildungswesen. Die Löhne sind dort um einiges niedriger als in jenen Branchen, in denen mehrheitlich Männer beschäftigt sind. Daran werden auch Quoten für Vorstände nicht viel ändern. "Die Quotenregelung richtet sich in erster Linie an Frauen aus der Oberschicht", sagt Þorgerður. Die Segregation am Arbeitsmarkt mit Frauen in schlecht bezahlten Jobs habe in den vergangenen Jahren zugenommen.

"Wir müssen aufpassen, dass wir unsere Kämpfe nicht nur für privilegierte Frauen führen", erklärt Tatjana. Im September hat sie auf einer internationalen #MeToo-Konferenz in Reykjavík gesprochen und dort die Geschichten von migrantischen Frauen aus Island erzählt. "Was wir von ihnen gehört haben, war um einiges brutaler als das, was wir kannten", sagt sie. In einer Facebook-Gruppe berichteten rund 660 Frauen von sexueller Belästigung, physischer Gewalt und Vergewaltigungen - in der Familie und bei der Arbeit.

"Was viele der Geschichten ausmachte, war: Die Gewalt hatte System", sagt Tatjana. "Vielen Frauen wurde damit gedroht, sie den Behörden zu melden, sollten sie sich beschweren." In Island werden inzwischen einige Wirtschaftszweige von Migrant*innen getragen: Sie stellen fast 70 Prozent aller Arbeitskräfte in der Fischindustrie, im Reinigungsgewerbe oder im Tourismus. Die Löhne in diesen Branchen seien in den vergangenen Jahren gesunken, oft würden Arbeitsverträge fehlen. Im Kampf um Gleichstellung müsse man auch in diese Richtung schauen, sagt Tatjana. "Denn was bringen Frauenrechte, wenn sie nicht für alle gelten?"

 

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