"Frauennetzwerke sind das, was alles verändern wird"

Ein feministischer Podcast, bei dem nur Frauen zu Wort kommen? Jeanne Drach macht es mit ihrem "Heldinnen"-Podcast möglich.

„Mir geht es um das Normalste der Welt: Dass Frauen endlich das tun, was sie wollen und auch können. Wir Frauen werden unseren Potentiale nicht gerecht. In jeder von uns steckt so viel mehr. Dreh ruhig mal durch, verlier die Kontrolle, brich die Regeln, hinterfrag Konstrukte, aber trau dich endlich zu tun, was du willst!“ empfiehlt die feministische Performance-Künstlerin Jeanne Drach. Dem Druck der Öffentlichkeit hält sie stand, schließlich ist sie Feministin seit sie vier Jahre alt ist. Dafür wird sie abwechselnd beschimpft oder gefeiert. Weil ihr Frauen in den Medien und Machtpositionen einfach zu wenig präsent sind, hat die Frontfrau der Band „Kids n Cats“ 2017 mit „Jeannes Heldinnen“ den ersten Podcast ins Leben gerufen, der sich ausschließlich einer weiblichen Perspektive widmet. Die Courage, das Wirken und die Offenheit seiner Protagonistinnen macht den Podcast „Jeannes Heldinnen“ zu einer Art feministischem Zaubertrank, einer Kraftkammer zum Mut-Tanken. Nicht nur Drach selbst fühlt sich nach 25 Minuten im Talk mit ihren außergewöhnlichen Gesprächspartnerinnen von innen gestärkt. Die WIENERIN hatte viel Spaß daran, der Interview-Expertin einmal selbst das Micro unter die wundervolle Nase zu halten.

"Alles, was ich tue, ist feministisch"

"Netzwerken ist das allerwichtigste!"

WIENERIN: Du sagst, man braucht mehr Mut. Warum?

Jeanne Drach: Wir sind heute ständig und die ganze Zeit von Angst umgeben sind. Wir fürchten uns vor dem Fremden, vor uns selbst; wir haben Angst vor der Krankheit. Angst davor, von Männern gleich als Hysterikerin abgestempelt zu werden, nur weil wir unsere Meinung kundtun. Es wär alles viel einfacher, wenn wir das tun würden, was wir können, was wir gut finden und was für uns richtig ist. Was ich zeigen will, ist, dass jede Person viel kann und sich mehr einfach mehr trauen muss. Also: Lass dich nicht von irgendwelchen Konstrukten oder Regeln abschrecken! Es geht nicht nur darum, was die Gesellschaft glaubt uns Frauen zutrauen zu können, sondern darum, was wir uns selbst zutrauen.

WIENERIN: Woran liegt es, dass Frauen sich nicht zutrauen ihre Vorstellungen zu verwirklichen? Anders gefragt: Was hindert Frauen daran, ihre Potentiale zu nutzen?

Es ist eine Mischung aus unterschiedlichen Faktoren. Es sind gesellschaftliche Faktoren und Angst. Angst davor zu scheitern. Ich kenne genug Frauen, die unglaublich talentiert sind, sich aber trotzdem nicht „trauen“. Sie trauen sich beispielsweise nicht, eine Band zu gründen, weil sie glauben, dass sie das „noch nicht gut genug können“. Auch ich selbst, obwohl ich mich als sehr freien Menschen betrachte, habe Grenzen und bin von der Gesellschaft beeinflusst. Dann stellt ich mir die Frage: Geht mir das zu weit? Schaff ich das? Oder geb ich auf und geh-lieber-schlafen.

Man muss offen genug sein, seine Meinung zu ändern und die Stereotypen, die man mit sich herumschleppt, zu dekonstruieren.

von Jeanne Drach, Performance-Künstlerin
Internationales Bandprojekt "Kids n Cats"

Was haben deine „Heldinnen“, also die Frauen, die du für deinen Podcast interviewst, gemeinsam? Was bedeutet der Begriff „Heldin“ überhaupt für dich?

Der Begriff der„Heldin“ isttatsächlichproblematisch. Ich bin ohnehin dafür Begrifflichkeiten ständig zu hinterfragen und mit neuen Inhalten zu füllen. Dasselbe gilt übrigens für das Wort „Frau“ oder den Begriff „stark“. Für „Jeannes Heldinnen“ suche ich mir Frauen aus, die mich durch ihren Charakter oder die Bereiche, in denen sie wirken, inspirieren oder faszinieren. Was sie trotzdem alle gemeinsam haben, ist, dass ich mich nach dem Gespräch mit ihnen gestärkt fühle. Das ist ein aufbauendes „Wow!-all-das-ist-möglich-Gefühl“ und kein kleinliches „Was-hab-ich-im-Gegensatz-zu-ihr-schon-geleistet?“-Gejammer.

Du bist selbst Frontfrau der Band „Kids n Cats“. Du schreibst die Texte, singst und sagst, wo es in der Band langgeht…

Der Kern der Band besteht aus Marten Kaffke und mir. Als Bandleader sind wir also zu zweit. Am 25. April.2019 kann man "Kids n Cats" übriges im Rahmen des Electric Spring Festivals zwischen 20:45 bis 21:45 auf der Hofbühne live erleben. Die Musikbranche, aus der ich komme, ist leider immer noch ein „Boys Club“. Die Männer stehen nach wie vor zu stark im Fokus. Es sind immer die Männerbands, die dominieren. Die Ausrede, dass es keine guten Musikerinnen gibt, lass ich überhaupt nicht gelten. (Bühnen)Techniker nehmen dich als Frau auch nicht ernst. Es tut daher so gut, sich mit Frauen beruflich auszutauschen und sich gegenseitig Tipps zu geben. Das ist es für mich: Frauennetzwerke, sind das, was alles verändern wird. Wenn nämlich viele Frauen aufeinander treffen, die eine ähnliche Vision haben – es muss nicht die gleiche sein – dann verändert sich alles.

Wien ist deine Heimatstadt. Du bist hier geboren, hast aber viele Jahre im Ausland verbracht z.B. in Frankreich, den USA, Algerien und dem Senegal. Was ist deine kulturelle Identität oder findest du diese Frage rassistisch?

Das ist problematisch.

Dann beantworte die Frage nicht!

Ich finde es problematisch, dass diese Frage rassistisch sein soll, weil ich dieselbe Frage auch immer stelle. Es ist doch spannend, wenn Personen aus unterschiedlichen Kulturen kommen, wie sich ihre kulturelle Identität zusammensetzt und aus sie aus den einzelnen Kulturen und mitnehmen. Abgesehen davon, muss man Fragen stellen dürfen ohne Angst davor zu haben, etwas Falsches zu sagen. Wir tragen alle Stereotypen mit uns herum oder Gedanken, die Menschenverachtend sind. Ich find es wichtig, diesen Teil in uns nicht zu ignorieren, sondern unsere Meinung zu ändern. Das ist überhaupt das Wichtigste: Man muss offen genug sein, seine Meinung zu ändern und die Stereotypen, die man mit sich herumschleppt, zu dekonstruieren. Fragen nicht zu stellen oder sich selbst zu verbieten, bestimmte Dinge anzusprechen, halte ich für extrem gefährlich. Zu Missverständnissen kommt es sowieso. Deswegen kommt es immer auf den Kontext an. Abgesehen davon ist Identität nicht etwas Punktuelles oder Statisches, sondern verändert sich ständig.

 

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