Frauennachtquartier Favorita: Niemand soll draußen schlafen müssen

Bis zu 50 obdachlose Frauen in den Wintermonaten ein Bett für die Nacht. Zwischen verdeckter Wohnungslosigkeit und einem männlich dominierten öffentlichen Raum ist ein geschützter Schlafplatz für sie eine wichtige Unterstützung.

Obdach Wien Nachtquartier Favorita

Monika ist 45 Jahre alt und hatte in ihrem Leben noch keine eigene Wohnung. 16 Jahre lang lebte sie mit ihrem Lebensgefährten, nach der Trennung bei einer Freundin, danach mit einem neuen Partner, der Anfang des Jahres starb. Seitdem ist Monika obdachlos. Seit zwei, drei Wochen, sagt sie, hat sie ein Bett im Frauennachtquartier Favorita in der Wiener Laxenburgerstraße.

Im Zuge der Wintermaßnahmen von Obdach Wien, die von Ende Oktober bis Anfang Mai laufen, bietet das Nachtquartier Favorita 50 geschützte Schlafplätze für obdachlose Frauen. Ab 18.15 Uhr ist die Tür geöffnet, um 8 Uhr morgens ist das Quartier wieder geschlossen – bis zum nächsten Abend.

Die Zimmer sind für sechs bis acht Frauen ausgelegt, neben den Stockbetten stehen große Trolleys und Reisetaschen. In den Urlaub fährt hier niemand, vielmehr geht es um das Wahren des Scheins: „Kein Mensch, der auf der Straße lebt, will, dass man es ihm oder ihr ansieht“, erzählt Alejandro Viveros, Teamleiter im Obdach Favorita. Neben Duschen und Waschmaschine werden ein warmes Abendessen und ein Frühstück serviert, die Frauen können sich auch selbst etwas kochen.

Weibliche Wohnungslosigkeit ist oft versteckt

43 Prozent der von Armut und sozialer Ausgrenzung betroffenen Menschen in Österreich sind Frauen. Männer sind mit 33 Prozent seltener vertreten. Tendenziell gehen Frauen anders mit Obdach- und Wohnungslosigkeit um als Männer. Sie versuchen möglichst lange, ihre Situation zu verbergen und eine scheinbare Normalität aufrecht zu erhalten. Sie suchen eher bei Familienmitgliedern, Freund*innen oder Bekannten Unterstützung als bei sozialen Einrichtungen. Die Folge: Betroffene Frauen sind vom guten Willen anderer abhängig und begeben sich in eine verdeckte Wohnungslosigkeit. Ähnlich ist es bei Zweckpartnerschaften, die mit Männern eingegangen werden, um eine Unterkunft zu haben. Problematisch sind dabei die Erwartungen von Gegenleistungen an die Frauen, die bis hin zu Erfahrungen von körperlicher und sexueller Gewalt reichen können.

Obdach Wien Nachtquartier Favorita

Das Frauennachtquartier Favorita bietet seinen Gästen einen Raum, der nicht von Männern dominiert wird. „Viele der Frauen haben in der Vergangenheit Gewalterfahrungen gemacht, unangenehme männliche Blicke sind da noch das Geringste“, erzählt Gabriele Mechovsky, Teamleiterin des Chancenhaus Obdach Favorita für Frauen und Familien. „Sie sind deshalb besonders bemüht, einen sicheren Platz, zumindest für eine Nacht, zu finden.“

Niemand soll draußen schlafen müssen

Insgesamt gibt es 1.494 Betten, die im Rahmen der Wiener Wohnungslosenhilfe in den Wintermonaten zur Verfügung gestellt werden. Das oberste Ziel. Niemand soll in der kalten Jahreszeit auf der Straße übernachten müssen. Obdach Wien, einer der Partner*innen der Wohnungslosenhilfe, erweitert von 30. Oktober 2019 bis 4. Mai 2020 sein bestehendes Angebot um eine Wärmestube und mehrer Not- und Nachtquartiere wie das Favorita. Die Erweiterungen sind Teil des Winterpakets, das der Fonds Soziales Wien heuer bereits zum zehnten Mal schnürt. Was 2009 spontan aus der „Uni brennt“-Initiative entstand, ist heute fixer Bestandteil der Wiener Wohnungslosenhilfe. Aus den 50 zusätzlichen Schlafplätzen von damals sind 2019/2020 rund 900 Nacht- und Notquartiersbetten geworden. Sie ergänzen die 600 niederschwelligen Plätze im Regelangebot, die ganzjährig bei Obdach Wien und anderen Trägerorganisationen der Wohnungslosenhilfe zur Verfügung stehen. Menschen, die etwa aus psychischen Gründen keinen Schlafplatz in Anspruch nehmen wollen, werden von Straßensozialarbeiter*innen betreut und mit kältefesten Schlafsäcken versorgt.

Wenn das Nachtquartier Favorita untertags geschlossen hat, arbeitet Monika ehrenamtlich beim Samariterbund, geht spazieren oder trifft Freund*innen. Ihr großer Wunsch fürs nächste Jahr ist eine eigene Wohnung. Wie genau die aussieht, ist Monika egal. „Hauptsache, eine eigene Wohnung.“

 

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