"Frauenkrankheiten müssen endlich ernst genommen werden!"

"Frauen neigen dazu, sich selbst runterzuspielen: Alles andere ist wichtiger als sie selbst." Alexandra Kautzky-Willer erklärt, warum Frauenkrankheiten kein Mythos sind.

Schatz, ich hab Migräne.“ Dass dieser Satz als angebliche Ausrede von Frauen, die gerade keine Lust auf Sex haben, in den allgemeinen Zitatefundus eingegangen ist, spricht Bände: Migräne ist etwas, das Frauen zugeschrieben wird. Und sie ist nicht das einzige Leiden, das man gerne mal mit „typisch Frau“ kommentiert.
Wahrheit oder Mythos? Gibt es – abgesehen von PMS und anderen leicht nachvollziehbar exklusiv weiblichen Beschwerden – tatsächlich Unterschiede zwischen den Geschlechtern, wenn es um Krankheiten geht? Und wenn ja, warum ist das so? Sollte die Behandlung dann auch unterschiedlich erfolgen? Solche Fragen gehören zum Fachgebiet von Alexandra Kautzky-Willer, Professorin für Gendermedizin an der Medizinischen Universität Wien. Sie ist die erste (und einzige) Professorin auf diesem Gebiet in Österreich. Uns hat sie erklärt, welche medizinischen Folgen der „kleine Unterschied“ haben kann.

Medizin Mann


„Gendermedizin beschäftigt sich mit Unterschieden zwischen Männern und Frauen betreffend Gesundheit, Krankheitssymptomen, Prävention, Behandlung und Todesursachen“, erklärt Alexandra Kautzky-Willer. „Natürlich werden auch die Gemeinsamkeiten gesehen, wir sind ja alle Menschen. Aber die Unterschiede, also die Dinge, die eine differenzierte Diagnostik und Behandlung erfordern, werden hervorgehoben. Das Ziel ist, eine bessere medizinische Versorgung sicherzustellen.“

Störfaktor Frau

Was heute als anerkanntes Fachgebiet gilt, hat seine Anfänge in der Frauengesundheitsbewegung der 1970er-Jahre. Später, in den 1990er-Jahren, wurde erstmals kritisiert, dass viele Studien nur männliche Teilnehmer zuließen (und meist nur weiße Männer mittleren Alters). Frauen wurden ausgeschlossen, da sie aus Sicht der Industrie mehr „Störfaktoren“ besitzen: Sie können etwa während einer Medikamentenstudie schwanger werden oder Hormonschwankungen in verschiedenen Zykluswochen können die Ergebnisse beeinflussen. Auch die hormonelle Situation vor und nach der Menopause spielt eine Rolle. Pharmafirmen müssten für Frauen mehrere Studien in unterschiedlichen Lebensphasen durchführen, um exakte Ergebnisse zu bekommen, meint Kautzky-Willer. Inzwischen hat sich einiges geändert, bei Studien zu Diabetes, Blutfettwerten und Medikamenten ist das weibliche Geschlecht aber immer noch zu weniger als 50 Prozent vertreten. Der Grund: Aufwand, Geld – und die Angst, Marktanteile zu verlieren: Firmen befürchten Kundenverluste, wenn rauskommt, dass ein Produkt bei einem Geschlecht nicht gut wirkt. Dabei, so Kautzky-Willers Argument, wären zugeschnittene Therapien ein neues Marktsegment.



Kleine Unterschiede

„Die Wirkung der Medikamente ist bei beiden Geschlechtern dieselbe“, so die Medizinerin, „aber es gibt Unterschiede darin, wie rasch sie wirken und abgebaut werden.“ Neben Hormonen spielt der höhere Anteil an Fett bei Frauen eine Rolle, da dort die Medikamente gespeichert werden. Frauen haben auch weniger Magensäure und die Nieren scheiden langsamer aus. Weil die Dosis dann nicht stimmt, spüren Frauen öfters Nebenwirkungen, nämlich zu 70 Prozent häufiger. „Viele Aspekte, die wir in der Gendermedizin finden, sind Aha-Erlebnisse“, sagt Kautzky-Willer.

Gutes Gespür

Gute Ärzte zeichnen sich dadurch aus, dass sie mit Patientinnen ein ausführliches Gespräch führen, in dem es auch um die medizinische Vorgeschichte geht. Leider passiert das nicht immer. Und Gendermedizin sickert erst langsam ins Bewusstsein ein. Inzwischen werden auf den Unis in Wien und Innsbruck in allen Bereichen auch gendermedizinische Aspekte mitgelehrt.

Ernst nehmen

Generell gilt: Erzählen Sie beim Arzt auch Dinge, die er eventuell nicht abfragt, wie Schwangerschaften und deren Verlauf, Kinderwunsch, Erfahrungen mit Medikamenten und so weiter. Alexandra Kautzky-Willer rät, sich vor dem Arztbesuch eine Liste mit Beschwerden anzulegen, damit man im Gespräch nichts vergisst. „Frauen neigen dazu, sich selbst runterzuspielen: Alles andere ist wichtiger als sie selbst“, sagt Kautz­ky-Willer. Wichtig also: Seine Beschwerden ernst nehmen! Man soll auch explizit einfordern, genau untersucht zu werden, wenn man selbst etwa einen bestimmten Verdacht hegt. Und achten Sie darauf, dass wirklich alle physischen Krankheiten ausgeschlossen wurden, bevor sie psychische Beschwerden diagnostiziert bekommen.

Nachfragen

Bei Medikamenten rät Kautz­ky-Willer, genau nachzufragen, ob für Frauen etwa eine andere Dosierung gilt. Bei einigen steht das bereits im Beipackzettel, etwa bei Diabetes-Medikamenten oder blutdrucksenkenden Mitteln. Spezifische Medikamente extra für Frauen oder Männer gibt es aber nicht, betont die Expertin. Dennoch sind Mediziner natürlich dafür ausgebildet, zu wissen, wann man welches Medikament geben kann, denn es gibt ja viele geschlechtsunabhängige Faktoren, die eine Rolle spielen.

 

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