Frauenkampf oder Kampf für Frauenrechte?

Die Netzfeministinnen als Hetzfeministinnen und das Tamtam wer wo und warum beim "Women's March on Washington" dabei sein darf. Solidarität? Schwierig.

Was genau ist der Unterschied zwischen der „Judäischen Volksfront“ und der „Volksfront von Judäa“? Und was passierte eigentlich mit der „Populären Front“? Tja, das sind echt keine einfachen Fragen, daher wurden sie im Weltklasse-Film „Life of Brian“ von der britischen Komikertruppe Monty Python auch nicht beantwortet. Aber man sah, dass die sich immer weiter differenzierenden Protestbewegungen gegen die übermächtigen Römer alle Engagierten viel Energie kosteten. Energie, sich voneinander abzugrenzen.

Seit ein paar Tagen muss ich immer wieder an dieser Szene denken.

Wer sind die Hetzfeministinnen?

Warum? Weil ich mit großem Erstaunen lese, wie sich Feministinnen in Deutschland, aber auch in den USA derzeit recht herzhaft „differenzieren“. Da gibt es die Altfeministinnen rund um Alice Schwarzer, die dieser Tage nicht nur das 40-jährige Jubiläum ihres Magazins Emma feiert, sondern auch die Gelegenheit nützt, sich gegen die Netzfeministinnen, dort „Hetzfeministinnen“ genannt zur Wehr zu setzen. Die jungen Frauen in Berlin würden gerne mit Unterstrichen und Sternchen schreiben, sie würden sich einer gendergerechten Sprache bedienen, der selbst Akademiker nicht mehr folgen könnten. Kurzum: Das seien Frauen, die sich in eine Elite-Bubble rund um Anti-Rassismus und sexuelle Identitäten zurückgezogen hätten, mit feministischen Grundwerten hätte das alles nur mehr am Rande zu tun und sie wären eher ein „Tribunal“ als eine Solidargemeinschaft.

Zitat: „Die einzig wahre Wahrheit wird vorgegeben, Diskussionen sind nicht erlaubt. Unabgesichertes Denken schon gar nicht. Jede noch so geringe Abweichung wird im Keim erstickt.“ Diese Netzfeministinnen, die sich rund um die seit 2013 bekannte Anne Wizorek versammelt haben, sehen das freilich anders und sich selbst sowieso nicht als „Erben“ einer Alice Schwarzer. Diese junge Truppe spricht sich für einen liberalen Feminismus aus. Was darunter gemeint ist, ist nicht immer ganz klar, das stimmt. Aber sie haben die #aufschrei und #ausnahmslos-Debatten losgetreten - und mit beiden Initiativen wurde Alltags-Sexismus in ganz neuer Qualität und sehr breit diskutiert. Anne Wizorek aber meint auch, dass ein Burkaverbot (damit ist die Vollverschleierung gemeint) kontraproduktiv sei, weil sie den Frauen die Möglichkeit nähme sich zu „emanzipieren“. Liberal? Feministisch? Völlig bescheuert? Egal welches Label man solchen Aussagen gibt, Feministinnen wie Alice Schwarzer werden dies niemals befürworten.

Alle gegen den Pussy-Grabscher?

Aber das ist ja nicht der einzige Grabenkampf unter Feministinnen. Am 21. Jänner 2017 findet die vielleicht größte Protestveranstaltung für Frauensolidarität und gegen Sexismus der letzten Jahre statt: Der Women's March. Von Washington bis Wien soll es mehr als 380 Protestmärsche geben, in Wien wird er um 12 Uhr vor der Wiener Karlskirche gestartet. Das scheinbar Vereinende: Die inakzeptable sexistische Rhetorik des neuen US-Präsidenten Donald Trump hat zusammengeschweißt. Super. Man will zwar explizit nicht gegen Trump demonstrieren, aber sich für Frauenrechte aussprechen. Nur so einfach geht Feminismus 2017 scheinbar nicht, denn im Vorfeld gab es ziemliche Brösel. Nämlich mit Frauen, die sich vor den „Pussy grab-Kommentaren“ von Trump zwar genauso ekelten, aber auch in einer Pro-Life-Gruppe waren, also einer Initiative, die gegen Abtreibung ist. (Sehr schön nachzulesen auch in einem Kommentar von Presse-Journalistin Anne-Catherine Simon) Die Einwände der Gruppe á la „Wir sind nicht Pro-Life-Aktivistinnen, die auch Feministinnen sind. Wir sind in erster Linie Feministinnen“ blieben aber ohne Wirkung. Diese Frauen wollte man nicht beim #womensmarchonwashington. Auch gut. Oder nicht?

Wer deutet richtig was Frauen wollen?

Nicht. Ganz und gar nicht. Und zwar deshalb nicht, weil mit all diesem Gezerre um die Deutungshoheit von Feminismus wieder einmal ein ganz hartnäckiges Vorurteil gegenüber Frauen bestätigt scheint: Dass es Frauen scheinbar unmöglich ist, dauerhaft solidarisch zu sein. Dass die ideologische Exaktheit scheinbar über dem Bedürfnis nach Gleichstellung steht. Und damit die Debatte seltsam akademisiert. Sie zu etwas macht, das sie nicht sein soll. Eine elitäre Veranstaltung, bei der normale Frauen nicht mehr mitkönnen. Das ist leider nicht ganz so lustig, wie eingangs bei der Szene von Life of Brian. Denn im echten Leben passiert folgendes: Männer, die um ihre patriarchalen Privilegien bereits fürchteten, können sich so wieder entspannt zurücklehnen und – wenn sie Lust haben – den Frauen beim Streiten zusehen. Wahrscheinlicher aber werden sie einfach ihr Ding weitermachen. Ungestörter als je zuvor.

 

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