Frauen unter 29 wählen "blau". Warum plötzlich?

Am jugendlichen Aussehen des Spitzenkandidaten kann es nicht gelegen haben, dass Frauen unter 29 die FPÖ auf Platz 1 wählten. Woher kommt also die neue Liebe junger Frauen für die Freiheitliche Partei? Wir haben mit Politikwissenschafterin Judith Goetz darüber gesprochen.

In den letzten Jahren konnte man sich über ein Grundprinzip bei WählerInnen-Analysen sicher sein: Frauen wählen eher links, Männer eher rechts. Doch wer sich die Ergebnisse der Nationalratswahl im Detail ansieht, wird merken: Dieses Prinzip geht 2017 irgendwie nicht mehr auf.

Denn am 15. Oktober wählten laut "FM4" österreichische Frauen unter 29 die FPÖ in ihrer Altersgruppe zur stärksten Partei und das, obwohl die Freiheitlichen im Wahlkampf kein frauenpolitisches Profil zeigten. Stattdessen wurde, wie schon zuvor, mit Angst gegenüber "den Fremden" gespielt – und das kommt auch bei Frauen immer besser an.

"Die Flüchtlinge sind schuld" - oder etwa nicht?

Laut Judith Goetz, Literatur- und Politikwissenschaftlerin, ist der Rechtsruck unter Frauen kein gänzlich neues Phänomen. Die Barriere rechts zu wählen sinkt stetig: Stimmten bei den Nationalratswahlen 2013 laut dem Sora Institut nur 9 Prozent der unter 30-jährigen Frauen für die FPÖ, waren es 2014 bei den EU-Wahlen schon 16 Prozent. Besonders spannend ist, dass der Rechts-Trend damit schon vor Beginn der Flüchtlingsbewegung in Österreich einsetzte.

Als 2015 die Flüchtlinge nach Österreich kamen, war der Rechtsruck also schon längst im Gange. Das gute Abschneiden der FPÖ also ausschließlich auf die Flüchtlingsbewegung zu schieben wäre der falsche Weg.

"Ein Großteil der FPÖ WählerInnen sieht der Zukunft grundsätzlich pessimistisch entgegen und ist mit dem aktuellen Status Quo unzufrieden. In den dafür festgemachten Ursachen spielen auch Themen wie Sicherheit oder Migration eine entscheidende Rolle, die sich hervorragend dafür eignen, Ängste vor mangelnder sozialer Absicherung etc. zum politischen Thema zu machen", so Goetz.

Besonders die Angst vor sexuellen Übergriffen hat sich die FPÖ in diesem Wahlkampf erfolgreich zu Eigen gemacht. Dabei wird die Bedrohung mit sexualisierter Gewalt einzig "auf als migrantisch ausgemachte Männer" projiziert, meint Goetz. Diese rassistische Hetze geht seit den Übergriffen in der Kölner Silvesternacht für die FPÖ voll auf. Die geschaffenen rassistischen Schreckensbilder der "übergriffigen migrantischen Männerhorden" haben ihre Spuren in den Köpfen der Wählerinnen hinterlassen, glaubt die Expertin.

Mehr lesen: Übergriffe in Köln: Wir brauchen eure Scheinheiligkeit nicht

Goetz sieht aber noch ein weiteres Problem in der Tatsache, dass Frauen im rechten Milieu so lange von Medien und Politik übersehen wurden. Das Bild der rechten Polit-Mannschaft, das in der Öffentlichkeit vorherrscht, ist nämlich gar nicht so männlich geprägt, wie viele glauben.

Und das wurde in den letzten Jahren zur wachsenden Herausforderung, weiß Goetz, die auch Mitglied des Forschungsnetzwerks Frauen und Rechtsextremismus ist: "Durch die Vernachlässigung von Frauen als Akteurinnen des Rechtsextremismus fehlen entsprechende geschlechtsspezifische (sozialarbeiterische) Angebote und Programme für Frauen, die die Wahrscheinlichkeit verringern könnten, dass Frauen sich rechtsextremen Einstellungen zu wenden bzw. diese entwickeln".

Frauen wählen FPÖ: Ein Trend für die Zukunft?

Der rapide Wachstum der weiblichen Wählerschaft, gibt natürlich für die Zukunft zu denken. Ist "blau wählen" jetzt "in"? Goetz warnt zwar davor einem "Automatismus zu verfallen", glaubt aber dennoch, dass die aktuelle politische Lage in Österreich entsprechende Entwicklungen begünstigt.

Entscheidend für die Stimmung unter den Wählerinnen wird sein, wie sich die politische Lage in den nächsten Jahren entwickelt und ob die zukünftige Regierung die Wünsche und Hoffnungen der WählerInnenschaft wirklich erfüllen kann.

Ob Frauen in Österreich in den nächsten Jahren tatsächlich bessere Verhältnisse vorfinden werden, bezweifelt die Polit-Expertin. Zwar brüstet sich die FPÖ gerne mit dem "Schutz der Frauen", feministische Anliegen stecken selten dahinter. Stattdessen handelt es sich hier um eine Instrumentalisierung frauenpolitischer Themen zum politischen Selbstzweck. "Die 'Frauenunterdrückung' wird beispielsweise in erster Linie als Resultat von 'Einwanderung von Menschen aus patriarchalen Kulturen' behandelt, also über das Kopftuch oder Zwangsheirat thematisiert, strukturelle Diskriminierung hingegen weitgehend geleugnet und auch Benachteiligung von Frauen in der österreichischen Gesellschaft kaum bis gar nicht behandelt", meint Goetz.

Dabei wird gerne vergessen, dass ein fortschrittliches und selbstbestimmtes Leben selten das Frauenbild ist, das die Freiheitlichen für "ihre" Österreicherinnen vor Augen haben. Selbst der vermeintliche Schutz von Frauen wurde in der Vergangenheit mit Aussagen wie "Frauenhäuser zerstören Ehen" (2012, FPÖ Amstetten) vehement in Frage gestellt.

Genug vom Feminismus-Gerede?

Trotz der erstärkten medialen Aufmerksamkeit für den Feminismus scheint die FPÖ mit ihrer Warnung vor dem "Gender-Mainstreaming" und der "linken Gleichmacherei von Mann und Frauen" besonders bei Frauen Gefallen zu finden.

Mehr lesen: Die FPÖ und ihre rückständige Frauenpolitik

Vielfach scheint in der österreichischen Gesellschaft (wirtschaftlichen Daten zum Trotz) der (Irr-)Glaube vorzuherrschen, die Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen sei eh schon erreicht. Es brauche keinen Feminismus, keine Angleichung der Geschlechter, wie es die FPÖ gerne formuliert.

Laut Goetz ist es nicht die attraktive rechte Frauenpolitik, die den starken Ruck nach rechts erklärt, sondern ein "gesamtgesellschaftlicher Backlash", der die FPÖ für Frauen schließlich wählbar machte: "Mittels des Credos 'gleichwertig aber nicht gleichartig' werden Frauen und Männern nach wie vor bestimmte Aufgaben und Rollen in der Gesellschaft zugeschrieben. Der Kampf gegen Feminismus eint dabei durchwegs unterschiedliche politische Lager und ist auch in der vermeintlichen Mitte der Gesellschaft weit verbreitet".

Schwarz-Blau: Was heißt das für Frauen?

Dieser durch die Gesellschaft erwünschte Rückschritt könnte schließlich dazu führen, dass lang erkämpfte feministische Errungenschaften in der nächsten Legislaturperiode einen Rückschlag erleben.

Dies wird, so Goetz, in den Bereichen "effektiver Frauenförderungsmaßnahmen wie Quotenregelungen, Gender Mainstreaming oder auch die Bemühung um Gleichstellung und Gleichberechtigung von LGBTQI-Personen" Spuren hinterlassen. Sowohl die ÖVP (jetzt: Liste Kurz), als auch die FPÖ sprachen sich in der Vergangenheit gegen Quoten für Frauen in Spitzenpositionen aus, die "Ehe für alle" ist für beide Parteien ebenfalls kein Thema.

Mehr lesen: Warum die Frauenquote in Aufsichtsräten ein wichtiger Schritt ist

"Insofern müssen wir uns frauenpolitisch leider in jedem Fall auf Verschlechterungen durch die mögliche schwarz-blaue bzw. türkis-blaue Regierung einstellen, in der selbst feministische Errungenschaften wie die Fristenlösung wieder zur Diskussion gestellt werden könnten. Zwangsberatungen vor Schwangerschaftsabbrüchen fordert die FPÖ bereits jetzt schon", fasst Goetz abschließend zusammen.

Ob junge Frauen angesichts dieser Entwicklungen nach Ablauf der ersten türkis-blauen Regierungsperiode den Freiheitlichen an der Wahlurne weiterhin ihr Vertrauen aussprechen, bleibt also abzuwarten.

Judith Goetz ist Literatur- und Politikwissenschaftlerin und Mitglied der Forschungsgruppe Ideologien und Politiken der Ungleichheit (www.fipu.at) sowie des Forschungsnetzwerks Frauen und Rechtsextremismus (www.frauen-und-rechtsextremismus.de). Im Herbst 2017 erscheint der von ihr mitherausgebene Sammelband „Untergangster des Abendlandes. Ideologie und Rezeption der rechtsextremen ‚Identitären‘“.

 

Aktuell