"Frauen sollten mehr Filme über Männer machen"

Das einzige Lebensziel der Frau ist: ein Mann. Zumindest in der Romantic Comedy, wo traditionelle Rollenbilder immer noch zelebriert werden. Wir haben bei der Filmkritikerin Alexandra Zawia nachgefragt: Geht das nicht auch anders?

Romantic Comedy

Er schaut sie an. Sie schaut ihn an. Meistens regnet es. Dann nähern sich ihre Münder einander. Großaufnahme. Die Luft knistert vor Leidenschaft, als sich die Lippen zum dramatischen Crescendo endlich berühren... uuund: Cut! In der romantischen Komödie ist das Leben noch einfach. Da sind Männer Männer, Frauen Frauen und die Küsse am Ende zwar ohne Zunge, aber trotzdem mindestens der Beginn einer ewig währenden Liebe.

Traditionelle Rollenbilder sind der Grundstein der romantischen Komödie. Ohne Liebe geht nämlich nix, und die gibt es auf der Leinwand nur in der hierarchischen Mann-Frau-Dynamik. Er stark, sie schwach. Er gefestigt, sie immer ein bisschen verloren. Wir haben mit der Filmjournalistin und Kritikerin Alexandra Zawia darüber gesprochen, warum die Frau im Film auch als Hauptfigur nicht aus der Nebenrolle darf, was das mit uns in der Realität macht und warum an allem die Wirtschaft schuld ist.

Wie ist sie denn so, die Frau in der romantischen Komödie?

Alexandra Zawia: Sie ist das Ideal der männlichen Ergänzung, sie funktioniert meist immer noch nur als Gegenstück zum Mann. Auch als Hauptrolle wird sie erst in der Dualität mit dem Mann zu einer volleren Figur. Das gilt selbst für vermeintlich unkonventionelle Versionen der romantischen Komödie, wie es etwa Produktionen mit Amy Schumer oder Lena Dunham sein wollen. Auch hier strebt die Frau am Ende nach 'der erfüllenden' Beziehung mit einem Mann. Davor ist sie entweder unglücklich, verpeilt oder auch karrieretechnisch mega erfolgreich: Einer Frauenfigur in der romantischen Komödie wird immer eine Entschuldigung mit eingeschrieben, warum sie alleine ist. Diese Klischees werden nicht aufgebrochen. Selbst in den so genannten "Mann-Kind-Komödien" von Judd Apatow ("Dating Queen", "Jungfrau, 40, männlich, sucht ...") nicht, das bleibt bestenfalls halbherzig.

Wie schon früher bei den "Bridget Jones"-Verfilmungen?

Genau! Anfangs war diese Figur ein bisschen die „echtere“, hat sich halt mit Schoko beschmiert oder mal gefurzt und war eben auch ein bisschen pummelig - als ob das irgendwie bemerkenswert oder bahnbrechend wäre. Das war schon 2001 ein pseudofeministischer Ansatz, traf aber ein – vor allem bei Frauen - wachsendes Bedürfnis, nicht ständig „unerreichbare Idealfrauen“ vorgesetzt zu bekommen. Dass sie dann am Ende aber doch wieder nur einen Mann haben und heiraten will, erlebt man dann wie einen Backlash. Es ist intensiv klischeebeladen.

Was macht das mit uns als Gesellschaft?

Wir kriegen über den Film und über das Kino mit, was als romantisch angesehen wird. Besonders die Geschlechterdynamik ist da ein wichtiger Punkt. Wir lernen, wie wir als Frau zu sein haben, uns zu verhalten haben. Was als schön gilt, was als sexy gilt und eben auch was als romantisch gilt.

Es ist aber natürlich leichter stark und selbstbewusst zu sein, wenn man dem Schönheitsideal entspricht.

von Alexandra Zawia

Wir kennen das Bild der zarten, unterwürfigen Frau in der Filmgeschichte. Ich sehe hier sogar wieder eine Rückentwicklung. Zwar wird die Frau vermehrt als stark und selbstbewusst dargestellt, sie muss aber trotzdem dem Schönheitsideal entsprechen. Es ist aber natürlich leichter stark und selbstbewusst zu sein, wenn man dem Schönheitsideal entspricht. Hier kann Film mehr leisten.

Das Argument, das dann kommt ist: Das will ja keiner sehen.

Es ist immer ein bisschen eine Gretchenfrage - wer war zuerst da, das Publikum oder der Film. Aber es gibt eine Wechselwirkung und der Kunst darf schon die Rolle zukommen, mit Klischees zu brechen oder andere Typen zu manifestieren und in die Masse zu bringen.

Wir sprechen hier auch von US-Produktionen. Dort sind Filme ganz stark auf ein Publikum zugeschnitten. Gezeigt wird, was erwartet wird: traditionelle Rollenbilder und traditionelle Happy Ends. Es gibt ganz wenig Aufbruchsversuche, gerade in der romantischen Komödie riskiert man nichts. Da steckt viel zu viel Geld drin. Das, was wir an Rollenbildern in romantischen Komödien präsentiert bekommen, hängt sehr intensiv mit Wirtschaft und Kapitalismus zusammen. Wir sehen: Das Kernideal Familie lässt sich nicht tilgen. Das hat weitreichende Folgen, wirtschaftlich und sozialpolitisch. Es bestimmt, wer heiraten darf oder nicht, wer steuerliche Vergünstigungen bekommt, wer im Notfall ins Krankenzimmer darf, bis hin zu wer welche Angebote für etwa Familienurlaube bekommt.

Als KonsumentIn bemerkt man das gar nicht.

Natürlich nicht. Das ist auch der Unterschied zur Werbung. Dort sieht man auch nur normschöne Frauen. Aber die Werbung deklariert sich wenigstens als solche. Man weiß: Es ist was getrickst. Im Film ist das anders. Der Film kommt daher, als würde er mir eine Geschichte erzählen. Neuere Produktionen versuchen gar, vorzugaukeln diese Geschichte sei noch näher an weiblichen Realitäten dran. Dann wird aber hinterrücks über kleine Mechanismen das traditionelle, konservative Rollenbild transportiert. Das ist schwer aufzubrechen. Es passiert im Arthouse-Kino, aber das ist kein Massenmedium.

Selbst wenn die Frau die Hauptrolle ist, wird sie erst in der Dualität mit dem Mann zu einer volleren Figur.

von Alexandra Zawia

Gibt es ein gutes Beispiel für Romantik im Film, das nicht übergriffig ist?

Bessere Darstellungen von Romantik findet man eher in Filmen, die nicht als Romantic Comedy deklariert sind. Die bergen viel tiefere, vielschichtige, rührendere und realistische Romantik. Das Drama „If Beale Street Could Talk“ ist ein gutes aktuelles Beispiel, wie Romantik im Film funktionieren kann. Das ist natürlich keine romantische Komödie, aber diese Liebesgeschichte vor dem Hintergrund der Black-Lives-Matter-Debatte ist eine Wucht.

„If Beale Street Could Talk“ ist ein Filmdrama des oscarprämierten Regisseurs Barry Jenkins ("Moonlight"), das auf dem gleichnamigen Roman des Bürgerrechtsaktivisten James Baldwin basiert.

Es erzählt die Geschichte einer von Rassismus, Gewalt und Vorurteilen bedrohten Liebe zwischen Tish und Fonny, die im New Yorker Stadtteil Harlem leben. Tish ist schwanger, als der unschuldige Fonny von einem rassistischen Polizisten verhaftet und trotz Alibi wegen der Vergewaltigung der Puertoricanerin Victoria Rogers ins Gefängnis muss. Tish und ihre Familie kämpfen mit allen Mitteln um Fonnys Freilassung.

Romantische Liebe passiert fast ausschließlich zwischen Mann und Frau. Dabei gibt es ja eine Nachfrage. Die Netflix Produktion "Sense8" hatte einen erstaunlich diversen Cast und Beziehungen, die nicht heteronormativ sind, ganz selbstverständlich gezeigt. Als die Serie eingestellt wurde, gingen die Fans auf die Barrikaden. Wie kann man solche Formate in den Mainstream holen?

Netflix hat hier eine gute Entwicklung gestartet. Serien haben plötzlich den Anspruch, wirklich gut geschrieben und produziert zu sein. Gerade Mini-Serien stehen einem Mainstream-Film um nichts nach. Dramaturgie, Skript und Cast sind oft großartig. Hier besteht das Potential mit kontinuierlicher Arbeit etwas zu verändern - gerade auch, weil es ein Massenmedium ist. Auch „To All The Boys I've Loved Before“ war ein schönes Beispiel, im Genre der Teenage-Rom-Com überkommene Muster zu revidieren.

Dieser Umbruch jetzt, Stereotype aufzubrechen und Rollen neu zu definieren, dauert aber ungleich länger, als es gedauert hat, das etablierte Rollenbild zu verfestigen. Als nach den Kriegen die Wirtschaft wieder in Schwung kam, waren es die Männer, die zur Arbeit gingen, und die Frauen, die auch wegen fehlender Möglichkeiten zur Kinderbetreuung daheim blieben. So wurden ökonomische Strukturen automatisch zu sozialen Strukturen. Das Kino hat damals nicht versucht, diese Strukturen aufzubrechen. Warum auch? Es gab diesen Diskurs nicht.

Die Filmbranche ist ja sehr männlich geprägt. Es arbeiten immer noch viel weniger Frauen im Film.

Es gibt weniger Regisseurinnen, weil Frauen noch aufholen müssen, das ist ein Prozess. Die Entwicklung des Kinos hängt mit der wirtschaftlichen Entwicklung zusammen. In den 1980ern gab es in Österreich einen Schub, auch durch die Familienrechtsreform. Aber solange Frauen überdurchschnittlich für die Kinderbetreuung zuständig sind, solange Männer nicht verstanden haben, dass sie als Väter dieselbe Verantwortung haben, wird Frauen das tendenziell schwieriger gemacht. Der Mann empfindet seine Rolle in der Gesellschaft immer noch als „Ernährer“ und „Macher“. Das hängt natürlich auch mit dem tatsächlichen Gender Pay Gap zusammen. Darüber müssen wir zum Beispiel reden. Kunst und nicht zuletzt Film, kann und muss genau da ansetzen, auch die Rolle des Mannes neu zu definieren.

Wir müssen darüber reden, wie der Mann seine Aufgabe in der Gesellschaft empfindet. Kunst, und nicht zuletzt Film, kann und muss da ansetzen.

von Alexandra Zawia

Wie kann der Film da ansetzen?

Diese Dynamik zwischen Mann und Frau im Film muss sich verändern. Sie wird oft mit archaischen Mustern und Sex argumentiert. Man meint, dass das soziale Gefüge, also schließlich: eine Gesellschaft nur funktioniere, wenn der Mann der Stärkere ist. Natürlich gibt es physiognomische Merkmale von Mann und Frau, dass sie sie da oder dort mehr Muskeln aufweisen oder dass sie ineinander passen. Aber die Romantik darum herum ist konstruiert. Romantik im Film sollte auch mit dem schwachen Mann und der starken Frau dargestellt werden. Das geschieht aber nicht.

Solche Brüche konventioneller Konstruktionen werden immer ins Lächerliche gezogen.

Genau, da sind wir wieder bei der Komödie. Im romantischen Drama dürfen Männer sehr wohl schwach sein, in der Komödie ist der schwache Mann immer der Loser. Das ist problematisch, nicht zuletzt weil die Komödie eine größere – und intensivere - Breitenwirkung hat, als ein Drama.

Ein Ansatzpunkt in der romantischen Komödie wäre also, das traditionelle Rollenbild lächerlich zu machen.. Das sind einstweilen Wunschgedanken, aber solche Drehbücher müssen geschrieben werden, sie müssen gefördert werden und dann muss es Kinos geben, die das spielen.

Würden Frauen andere Filme machen?

Ich denke schon, dass Frauen einen anderen Blick haben, sowohl auf Frauen als auch auf Männer. Als Regisseurin, als Drehbuchautorin gehen sie anders an Frauenfiguren heran. Sie können ja ihre eigene Lebensrealität nicht ausblenden, das fließt in ihre Kunst mit ein. Also hinterfragen sie eher die Darstellung von Weiblichkeit: Muss eine Frau darüber definiert sein, dass sie Titten oder einen Arsch hat, also einem visuellen Ideal entspricht - oder kann sie auch über den Intellekt definiert und als Schönheit dargestellt werden, wie das bei männlichen Figuren ja durchaus der Fall ist. Die sind dann souverän oder intellektuell.

Natürlich gibt es auch Männer, die einen feministischen sowie emanzipierten Blick einzunehmen versuchen - das funktioniert meiner Erfahrung nach aber nur in Beratung mit einer Frau.

Wie kann man das aufbrechen?

Der Blick einer Frau auf Männerfiguren kann viel offenbaren. Er kann zeigen, was falsch läuft und was ideal wäre. Ich wünsche mir also, dass mehr Frauen romantische Komödien über Männer machen.

Also quasi ein Female Gaze?

Ja, aber nicht exploitierend, wie es der Male Gaze ist. Banal gesagt, meine ich, dass Frauen ruhig mal ein paar idealisierte Männerfigur schreiben sollen. Das kann ruhig utopisch sein, das Kino braucht auch Utopien. Im Hinblick auf emanzipierte Rollen sollten sie aber erreichbar sein. Und sie müssen freilich auch beworben werden.

Der Begriff „Male Gaze“ stammt ursprünglich aus der Filmtheorie. Er beschreibt die Darstellung von Frauen und der Welt aus einer cis-männlichen, heterosexuellen Perspektive, die Frauen als sexuelle Objekte zur Befriedigung des männlichen Betrachters darstellt.

Ist die Gesellschaft bereit dafür?

Das ist immer ein bisschen die Frage nach der Henne und dem Ei. Soll Kino das produzieren, was die vermeintliche Gesellschaft vermeintlich will? Oder sucht man im Kino nicht auch nach Leitbildern, Idealen, Möglichkeiten, also nach Visionärem, das einem Größeres aufzeigt. Sicher hat Kino heutzutage bei weitem nicht mehr den besonderen Stellenwert, den es in seiner Anfangszeit hatte. Aber ich denke schon, dass gerade die Generationen bis 40 dazu bereit sind, Rollenklischees aufzubrechen und sich dafür auch an Filmen zu orientieren.

Wie könnte eine gleichberechtigte Zukunft in der Rom Com aussehen?

Rom Coms wollen das Prinzip des Eskapismus bedienen, daran ist nichts Schlechtes. Sie müssen dabei aber auch glaubwürdig bleiben, sonst springt das Publikum ab. Haben Rom Coms überhaupt nichts mit der Lebensrealität von Frauen – aber auch jüngeren Männern – zu tun, dann werden sie für emanzipierte, feministische Zuseher einerseits uninteressant, fördern aber andererseits den Backlash in traditionelle Muster. Die Zukunft der Rom Coms könnte – und sollte – daran liegen, sich die allgemeine Verunsicherung verantwortungsvoll zunutze zu machen. Also in emanzipiert definierten Idealen die Sehnsucht nach Sicherheit zu stillen. Dazu braucht es auch Männer in Hauptrollen, die selbstverständlich vorleben, dass das Rollenbild ein anderes sein kann.


Wir dürfen nicht aufhören, den Status Quo zu hinterfragen: Was sind die Bilder, die wir sehen? Wer hat sie gemacht? Wie machen sie uns als Frau und als Mann? Und wie können wir das ändern?

Im historischen Special "Über-Bilder: Projizierte Weiblichkeit(en)" widmete sich die Diagonale 2019 der Repräsentation und der Narration von und mit um Frauen im Film, denn: "Kaum einem Thema widerfuhr in den letzten Jahren in der Filmbranche größere Aufmerksamkeit als jenem des Verhältnisses zwischen den Geschlechtern im Allgemeinen und der Frage nach der Rolle der Frau im Speziellen." Ausgehend von einem Essay der Filmjournalistin Alexandra Zawia und der Autorin Michelle Koch debattierten FilmkennerInnen in jeweils einem Programmslot über Frauenbilder, Rollenverteilung und Vorstellungen von Weiblichkeiten.

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