Frauen sind oft zu leise: Wie werden wir laut?

Ob im Beruf oder öffentlichen Raum: Frauen werden oft überhört, sind oft zu leise - im buchstäblichen Sinn. Dabei ist unsere Stimme so wichtig für unsere Selbstsicherheit und Wirkung auf andere. Ein Selbsttest beim Vocal Coaching.

Vocal Coaching lauter werden

Ruhig, sympathisch, bedacht, lustig - das sind in etwa die Begriffe, die fallen, wenn andere versuchen, mich charakterlich zu beschreiben (und dabei nett sein wollen). Fest steht: Als "laut" wurde ich definitiv noch nie bezeichnet. Immer die Ruhige und Brave zu sein kann Vorteile haben: So wurde während der Schulzeit immer meine beste Freundin ermahnt, wenn wir mal wieder in der letzten Bankreihe getratscht haben - obwohl ich den Unterricht natürlich genauso gestört habe wie sie. Generell erspart man sich eine Menge Ärger, wenn man einmal den Stempel "still" abbekommen hat: Man eckt seltener an, verschwindet schnell in der Masse und gibt anderen weniger Angriffsfläche.

Ich habe allerdings schon früh gemerkt, dass Leisesein mir auch ganz schön oft im Weg steht. Stellten LehrerInnen eine Frage in die Klassenrunde und ich war zu 99 Prozent sicher, die Antwort zu kennen, hätte ich trotzdem nicht die Hand gehoben -im Nachhinein ärgerte ich mich dann, es nicht getan zu haben.

INTROVERTIERT VS. SCHÜCHTERN

Die Begriffe Introversion und Extraversion stammen vom Psychoanalytiker C. G. Jung. Ist jemand introvertiert, so kosten Reize von außen viel Energie. Deshalb ziehen sich Introvertierte gerne zurück, um ihre Batterien wieder aufzuladen. Aber auch ein introvertierter Mensch hat extrovertierte Anteile und kann sehr wohl aus sich herausgehen.

Im Gegensatz zu Introvertierten ziehen sich schüchterne Menschen aus Unsicherheit zurück und leiden unter diesem Rückzug. Sie mögen es nicht, wenn sie im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stehen, und fühlen sich dann gehemmt. Eine große Rolle spielt dabei die Angst vor der Bewertung durch andere.

Wie werde ich lauter?

Nun stelle ich mir die Frage: Kann man Lautsein lernen? Auch noch im Erwachsenenalter? Nives Farrier findet ganz klar: Ja! Sie ist Vocal Coach, Mentaltrainerin sowie psychologische Beraterin in Ausbildung und hilft Menschen, ihre Stimme zu entdecken, lauter zu werden und auf diese Weise ihr Auftreten zu stärken. Als ich eine Vocal-Coaching-Einheit mit Nives vereinbare, weiß ich noch nicht genau, was mich erwartet - vielleicht besser so. Ich bin ziemlich sicher, dass sie mich auch singen hören möchte, was mich bereits vorab mit leichter Panik erfüllt.

Showtime!

Kaum im Proberaum angekommen fragt mich Nives, welchen Song ich denn gerne performen würde. "Ähm, öh, na gut, vielleicht Put Your Records On?" Ehe ich mich versehe, habe ich ein Mikro in der Hand (oh Gott!) und die ersten Töne von Corinne Bailey Raes 2000er-Soul -Pop-Hit dröhnen aus den Boxen. Die Liedzeilen des Songs flimmern über den Monitor; zögerlich singe ich die ersten Takte. Erwartungsvoll und gleichzeitig angsterfüllt blicke ich in Nives' Richtung.

"Cool!", sagt sie, "du bist voll musikalisch! Du weißt schon genau, wo du hinmusst." Mir fällt ein kleiner Stein vom Herzen. Ihr ist aufgefallen, dass ich beim Singen recht zurückhaltend und (Überraschung!) eher leise war - das soll sich mithilfe der folgenden Übungen aber schnell ändern.

Als Erstes arbeiten wir an der Stimmfreiheit, wofür wir die Körperhaltung in Angriff nehmen. Ziel ist die flexible Stabilität, also ein fester und sicherer Stand, ohne zu versteifen - in etwa, als würde man in der ruckelnden U-Bahn fahren und versuchen, nicht hinzufallen; die Beine also ein bisserl breiter als gewohnt hinstellen und die Knie leicht anwinkeln. Nives versucht, mich in meiner neuen Haltung umzuwerfen, ich muss standhalten. Klappt schon mal ganz gut!

Wir Frauen werden nach dem Ideal von Romy Schneider sozialisiert.

von Nives Farrier, Vocal Coach

Als Nächstes steht Rufen auf dem Programm. Wir müssen uns erst mal daran gewöhnen, laut zu sein, erklärt mir Nives - das wird uns nämlich im Laufe des Lebens (gerade als Frau) nach und nach abtrainiert. Eigentlich bringen wir als Kinder bereits alles mit und starten mit der perfekten Stimme. "Urlaut, perfekte Atmung, alles funktioniert -und dann wird von der Gesellschaft draufgehaut", erklärt sie. "Sei nicht so laut!", bekämen Kinder regelmäßig zu hören, vor allem Mädchen werde schon viel zu lange eingetrichtert, nur brav und höflich zu sein -und am besten nur etwas zu sagen, wenn's unbedingt sein muss. "Wir Frauen werden nach dem Ideal von Romy Schneider sozialisiert ", sagt Nives: "Klinge wie ein kleines, schüchternes Kind." So sei es kein Wunder, dass etliche Frauen rund vier Töne über ihrer eigentlichen Brusttonlage sprechen - was in der Regel weder angenehm beim Sprechen noch beim Zuhören ist. Gerade fürs Singen, aber auch fürs Selbstbewusstsein generell wäre es allerdings wichtig, seine Stimme zu erheben und einfach auch mal laut zu sein. Also üben wir es.

Was rufen wir?"Oida!!" "Und zwar wie ein betrunkener Prolet in der Disco", sagt Nives. Das Wiener Dialektwort eignet sich aufgrund der Vokalfolge besonders gut. Schon geht's los: "Oida!!", ruft Nives. "Oida!!", rufe ich ihr entgegen. "Lauter! - Oida!!!" Um den Körper noch mehr mitzunehmen, drückt sie mir eine Bowlingkugel in die Hand, die ich während des Rufens schwingen soll, und weiter geht's. Anfangs komme ich mir bei der ganzen Sache noch ziemlich komisch vor, nach ein paar Minuten finde ich allerdings Spaß daran und duelliere mich mit meiner Stimmtrainerin im Proletenstyle. Neben "Oida!" rufen wir uns nach kurzer Zeit auch "Wääähhh!" und " Yooo!" entgegen und ich merke, wie mir das Lautsein immer leichter fällt, und freue mich insgeheim schon darauf, dem nächsten Typen, der mich beim Fortgehen anrempelt, ein lautstarkes "Oida!" ins Gesicht zu brüllen.

"Österreicher sprechen, ohne die Zähne auseinanderzubewegen"

"Wir werden deinen Song jetzt rufen, wie wir gerade auch 'Oida!' gerufen haben - es wird nicht schön sein, wahrscheinlich sogar ziemlich hässlich", erklärt mir Nives die nächste Aufgabe. Wie zwei Frauen, die beim Karaokeabend zu tief ins Glas geschaut haben, schmettern wir also Raes Put Your Records On gemeinsam noch einmal. Ein bisschen möchte ich im Boden versinken, gleichzeitig finde ich es -zu meiner eigenen Überraschung - irgendwie auch ziemlich cool, einfach mal richtig schiach zu klingen und den eigenen Perfektionismus über Bord zu werfen.

Ein weiterer Tipp von Nives: Mund aufmachen. Gerade in Österreich seien wir sehr mundfaul, erklärt sie mir. "Die meisten Österreicher können sprechen, ohne die Zähne auseinanderzubewegen." Im Alltag also am besten immer wieder daran denken, Worte deutlich zu artikulieren, und den Mund beim Singen ordentlich aufmachen. Nives: "So, als würdest du in einen Apfel beißen."

3 Tipps, um Stimme und Selbstbewusstsein zu stärken:

RUFEN. Am besten ein vokallastiges Wort wie "Oida". Den Körper für mehr Klang dabei mitnehmen!

UM 20 PROZENT LAUTER SPRECHEN. Beim Gespräch mit FreundInnen oder in der Arbeit - ein bissi lauter geht immer und stärkt das Auftreten.

ARTIKULIEREN. "Wos host g'sogt?!", entgegnet dir bald keine*r mehr: Deutlich zu sprechen sorgt für mehr Präsenz und besseres Verstandenwerden.

Waldi, wo bist du?!

Die Trainerin rät mir (und eigentlich jedem*r), täglich für rund fünf Minuten zu rufen (nicht zu schreien!). Wem das Rufen daheim unangenehm ist, weil die Nachbar*innen mithören könnten oder das Baby schläft, der*die kann ja auch mal bei der Autofahrt oder beim Spaziergang üben. "Fahr in die Natur und tu so, als würdest du deinen Hund rufen: 'Waaaldiii, wo bist du?!' Ganz egal, Hauptsache laut!", lautet Nives' Ansage. "Lautsein ist auch extrem beruhigend", sagt sie - "deswegen ist es so super, wenn man auf Partys geht und einfach mal laut jubeln und singen kann."

Ich versuche, Nives' Rat zu beherzigen, und erinnere mich in den darauffolgenden Tagen regelmäßig ans Rufen: Ich rufe unter der Dusche, beim Staubsaugen und beim Schnippeln von Gemüse. Zu Beginn meiner Übungsphase fühle ich mich relativ bescheuert, mit der Zeit gewöhne ich mich aber daran und merke, dass meine Stimme tatsächlich lauter und voller klingt und ich immer freier werde. In Gesprächen mit anderen bemühe ich mich, meine Worte deutlicher zu artikulieren und allgemein ein wenig lauter zu sprechen, als ich es sonst tun würde. Ich bilde mir ein, dass meine Gegenüber mir aktiver zuhören und seltener nachhaken, weil sie etwas nicht verstanden haben.

Klar ist: Selbstwertgefühl baut sich nicht von heute auf morgen auf. Wer jedoch nachhaltig etwas verändern und gerne ein bisserl lauter werden möchte, sollte Stimmtraining nicht unterschätzen - durch regelmäßiges Üben stellt sich Gewohnheit ein und die Angst vor Lautsein und Auffallen wird immer kleiner. Und: Es macht (nach der ersten Überwindung) tatsächlich ziemlich viel Spaß. Echt wahr, Oida!

 

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