"Frauen schämen sich für Obdachlosigkeit, Männer schieben es auf andere"

Im Gegensatz zu obdachlosen Männern, sind Frauen für die meisten oft unsichtbar. Ihre Geschichten hat Regisseurin Valerie Kattenfeld in einem Theaterstück verarbeitet.

Die WIENERIN porträtiert ein Jahr lang 30 Frauen, die uns beeindrucken.

Valerie Kattenfeld’s Arbeit als Regisseurin und Autorin bewegt sich an der Schnittstelle von Kunst und sozialem Bereich. Sie entwickelt Theaterprojekte mit Jugendlichen, Geflüchteten, wohnungslosen Menschen & professionellen Darsteller_innen. Mit der WIENERIN spricht sie über Selbstbestimmung, mutige Frauen und darüber, was Theater heute leisten kann.

Dein jüngstes Projekt, das Stationentheater Meisterinnen der Unsichtbarkeit, lässt eine Schauspielerin (Ingeborg Schwab) eine fiktive Biografie erzählen, die du aus Interviews mit wohnungslosen Frauen zusammengestellt hast. Das Publikum geht mit der Schauspielerin durch die Stadt und erfährt wo man sich reinschleichen kann um zu duschen, wie eine Wohnungsbesichtigung abläuft wenn man keine Sicherheiten zu bieten hat oder wo man gratis etwas zu essen bekommen. Wie kam deine Idee bei den wohnungslosen Frauen an, die du getroffen hast, an?

Die, die mitgemacht haben, fanden es natürlich gut. Ich habe in sozialen Einrichtungen für wohnungslose Frauen vorgestellt. Einige waren zurückhaltend, aber vielen hat es, glaube ich, auch gut getan, über ihre Geschichte zu sprechen. Und sie haben so viel zu sagen! Ich finde es so wichtig, das Theater direkt als Sprachrohr zu nutzen für alle, die sich ausdrücken möchten. Anstatt immer nur über die anderen zu sprechen. Deshalb arbeite ich fast ausschließlich mit authentischem Material, weil mich die Dinge interessieren, die tatsächlich passieren und zwar aus der Perspektive der Beteiligten, die in den Probenprozess mit eingebunden werden. 2014 habe ich im Rahmen von Macht / schule / theater mit 19 Jugendlichen das Stück Wütende Fäuste, Sprechende Hände entwickelt. Die haben es genossen, sich auf der Bühne auszutoben, haben geschimpft und geschrien, mit Sachen geworfen und flammende Reden über die Ausrottung der Haie gehalten. Und ihr wichtigstes Anliegen: endlich mal mit allen Klischees über die "Jugend von heute" aufräumen.

Und wie fanden die Meisterinnen der Unsichtbarkeit deine Umsetzung ihrer Erzählungen?

Ich glaube, sie waren alle erst einmal sehr von der schauspielerischen Leistung von Ingeborg Schwab begeistert. Ingeborg wurde ja mehrfach von Zuschauern gefragt, ob sie wirklich obdachlos ist. Ich habe von allen Interviewpartnerinnen die Rückmeldung bekommen, dass sie sich gut repräsentiert fühlen, dass sie das Stück zum Lachen gebracht hat, aber auch sehr berührt.
Bei manchen Stellen war ich mir nicht sicher, ob wir das so direkt verwenden dürfen, aber dann haben mich die Frauen darin bekräftigt: das muss gesagt werden! Bitte lass das drinnen.


Warum legst du den Fokus auf Frauen?

Wegen diesem Aspekt der Unsichtbarkeit. Ich habe bei Supertramps bemerkt, dass sich lange nur Männer gemeldet haben, keine Frauen. Ich fand das seltsam und habe begonnen zu recherchieren, warum das so ist. Und habe erfahren, dass es bei Frauen oft viel mehr mit Scham verknüpft ist, als bei Männern. Sie empfinden die Wohnungslosigkeit viel mehr als ihr eigenes, persönliches Versagen während Männer es weiter von sich wegschieben und sagen, die Gesellschaft ist Schuld. Männern sieht man es oft auch mehr an, also man sieht in der Öffentlichkeit mehr obdachlose Männer. Frauen sieht man es vielfach nicht an, weil es ihnen so wichtig ist, dass es niemand bemerkt. Sie scheinen auch in den Wohnungslosen-Statistiken weniger auf, weil sie Hilfe oft nicht in Anspruch nehmen. Sie bleiben anonym und suchen sich andere Möglichkeiten, wie eben zum Beispiel Zweckbeziehungen mit Männern einzugehen, um einen Notschlafplatz zu haben.

Waren an dich als Regisseurin auch bestimmte Hoffnungen verknüpft?

Es ist eine große Verantwortung, weil es ein großes Vertrauen ist, das sie mir geschenkt haben. Ich habe so intime Geschichten gehört und musste oft schlucken. Ich habe mich dann gefragt, was macht man jetzt damit und wie macht man es so, dass niemand bloßgestellt wird, dass Respekt bewahrt wird und dass es auch nicht zu schwer fürs Publikum ist, weil dann kann es niemand nehmen. Das ist eine Balance, die man schaffen muss. Wenn man mit authentischem Material arbeitet, muss man geschickt auswählen. Dabei kann man leicht in Fallen tappen. Wir haben uns zum Beispiel entschieden, das Thema psychische Erkrankungen auszusparen, das in der Wohnungslosigkeit eigentlich ein sehr großes ist. Aber das ist nichts was man schnell mal so nebenbei erwähnen kann, das ging nur ganz oder gar nicht.
Für eine der Frauen ist in Verknüpfung mit der Premiere ein großer Wunsch in Erfüllung gegangen: ihre Schwester ist extra aus der Schweiz angereist, nachdem sie sich drei Jahre nicht gesehen hatten. Das hat mich unheimlich gefreut.

Du hast auch selber 48 Stunden auf der Straße verbracht. Welche Erkenntnisse hast du dabei gewonnen?

Es war ein Selbstversuch, um zumindest ein bisschen ein Gefühl für einen Alltag auf der Straße zu bekommen. Ich habe mir Sardinenkonserven von der Kirche geholt, war im Caritas Frauenwohnzimmer, am Praterstern, habe am Rathausplatz Becher gesammelt und habe mich heimlich in einem Sonnenstudio geduscht. Man wird trickreich. Die Frage ist: Wie findet man Wege, um in Wien durchzukommen? Es ist auch das, was ich an den wohnungslosen Frauen cool finde. Sie kennen Tricks und haben Connections von Leuten, wo sie wissen, da kann ich gratis rein. Eine unangenehme Erfahrung hatte ich am Naschmarkt. Ich wollte am Abend zu einer Vernissage, weil ich wusste, da gibt es gratis Essen und Trinken. Ich brauchte aber etwas Frisches zum Anziehen. Ein ca. 50-jähriger Mann hat meine Situation mitbekommen (nachdem ich Verkäufer_innen gefragt habe, ob sie mir etwas schenken würden, weil ich kein Geld habe). Der Mann hat mir anzüglich zugezwinkert und mir dann ein T-Shirt gekauft. Als er mir noch mehr kaufen und mich auf ein Getränk einladen wollte, habe ich abgelehnt. Ich musste insistieren, damit er mich in Ruhe ließ, er hat sich offensichtlich mehr als ein rein verbales Dankeschön erwartet. Bei mir war es ja nur ein Experiment, ich hätte das jederzeit abbrechen und nach Hause gehen können. Andere Frauen sind auf solche Zweckgemeinschaften angewiesen, da geht es dann auch um mehr, als ein T-Shirt und ein Getränk an der Bar...

Frauen spielen in mehreren deiner Projekte eine große Rolle…

Ja, absolut! In Last minute Lady oder Wer ist Lucia vom Unter St. Fight Club geht es um eine junge Frau, die hin und hergerissen ist zwischen dem Anspruch, es immer allen Recht zu machen und dem Bedürfnis, ihre eigenen Impulse auszuleben, die sie permanent unterdrückt.
In dem Tanztheaterstück Fleisch habe ich mich mit dem Themenfeld Schönheitsindustrie und Werbemaschinerie auseinandergesetzt. Ich finde es anstrengend, dauernd eingetrichtert zu bekommen, wie man als Frau auszusehen hat. Dem wollte ich etwas entgegensetzen. Und das war perfekt, wir haben Soho in Ottakring (Anmerkung: Kulturfestival in Wien) eröffnet und jemand aus dem Gesundheitsministerium hat es gesehen. Daraufhin wurden wir zu einer Enquete im Ministerium als künstlerisches Rahmenprogramm eingeladen. Körper.Frauen.Politiken war das Thema. Als ich dort hörte, dass es schon Stringtangas für fünfjährigen Mädchen gibt, habe ich mir nur noch an den Kopf gegriffen...

Leute, die nicht vom Theater sind, in deine Projekte zu involvieren, scheint für dich wichtig zu sein…

Ich experimentiere gerne mit Formen, es ist immer wichtig zu schauen, welches Thema welche Form braucht. Ich würde nicht sagen, ich mache nur das. Aber ich mag es, Zuschauer_innen herauszufordern. Dass sie nicht im dunklen Zuschauer_inneraum verschwinden. Ich will sie einladen, mitzureden, vielleicht ein bisschen provozieren, in Aktionen einbinden. Vor allem habe ich den Anspruch, dass meine Projekte nachhaltig sind, wie bei Meisterinnen der Unsichtbarkeit. Da trinken wir am Ende im Park mit dem Publikum einen Tetrapack Wein und beantworten Fragen und diskutieren bis uns zu kalt wird.


Was kann Theater deiner Meinung nach bewirken?

Ich glaube, es kann ein Verständnis schaffen für Lebenswelten, die vielen fremd sind. Egal ob es um Flüchtende geht, um Obdachlosigkeit, um Häftlinge… mich interessieren die marginalisierten Gruppen, die von der Gesellschaft an den Rand gedrängt werden und mit denen viele nichts zu tun haben wollen. Ich finde es wichtig, ihnen eine Bühne und ein Sprachrohr anzubieten. Und einfach mal zu sagen: Schau, das sind die Lebensgeschichten, das sind Menschen wie du und ich mit den selben Ängsten und Hoffnungen, mit den selben Familienproblemen. Wir teilen ja als Menschen vieles, das uns ganz stark verbindet. Grundsätzlich begreife ich Theater als Begegnungsraum, wo Menschen zusammenkommen können, die sich sonst vielleicht nicht begegnen würden. Damit in weiterer Folge Verständnis und Toleranz geschaffen wird.

Du schreibst, performst selber, inszenierst. War das immer schon dein Wunsch?

In der Schulzeit war ich schon bei einer Theatergruppe und ich habe beschlossen, das will ich machen. Ich habe Theaterwissenschaften studiert und, learning by doing, viel assistiert nebenbei. Irgendwann habe ich angefangen, meine eigenen Sachen zu umzusetzen, dann habe ich 2011 den Jungwild Preis gewonnen und das hat mir einen guten Rückenwind gegeben.

Was sind denn die Vor- und Nachteile des freischaffenden Arbeitens?

Das Schwierige ist, dass man für jede einzelne neue Idee einen Antrag stellen muss und hofft, dass man Geld kriegt. Manchmal funktioniert das, manchmal nicht. Es gibt viele Ideen, die nicht umgesetzt werden können, weil kein Geld da ist. Man muss ständig dranbleiben und das ist manchmal ermüdend. Ich war jetzt lange in der glücklichen Situation, nebenbei einen Teilzeit Job zu haben, also ich hatte existenzielle Absicherung. Das ist aktuell nicht mehr so, also mal schauen, wie es weitergeht. Derzeit plane ich einen längeren Auslandsaufenthalt, bei dem ich mich mit Theaterschaffenden in Israel, Iran und Vietnam austauschen möchten und die ebenso mit authentischem Material arbeiten, was ja der Schwerpunkt meiner Theaterarbeit ist.
Es wäre schön vielleicht mal an einem Haus zu arbeiten, als Regisseurin, Dramaturgin oder Kulturvermittlerin. Weil ich es wichtig finde, dass die Häuser sich öffnen. Da passiert eh schon viel, am Burgtheater gibt es jetzt das Donaustadtprojekt, im Festspielhaus St. Pölten gibt es tolle Vermittlungsprogramme. Es öffnet sich immer mehr, das empfinde ich als eine gute Richtung. Vorteil in der freien Szene ist, dass man mehr Möglichkeiten hat, nicht so elitär zu sein. Ich kann mir auch aussuchen, mit wem ich zusammenarbeite.

6 Fragen an Valerie Kattenfeld

Was hast du von einer Frau im Leben gelernt?

Ich habe sehr viel von Cecily Corty gelernt, die mich in die Vinzi Rast als Projektleiterin für integrative Kulturworkshops geholt hat. Von ihr habe ich gelernt, dass man mit Liebe und Beharrlichkeit weiter kommt als mit Ego aufblasen und Ellbogentechnik.

Wer oder was kotzt dich an?

Generell die egoistische Haltung in unserer Gesellschaft. Dass wir alle so auf Angst getrimmt werden. Uns wird ständig Angst gemacht, dass uns jemand etwas wegnehmen könnte und wir am besten unsere Besitztümer und Landesgrenzen schön zusammenhalten und ja nichts abgeben.

Was bedeutet Feminismus für dich?

Feminismus bedeutet für mich im besten Sinne, seinen eigenen Weg zu gehen. Sich nicht kleinreden zu lassen und ruhig groß zu träumen. Es gibt diesen Satz, wenn Leute nicht über deine Träume lachen, dann sind sie nicht groß genug. Und ich habe das Gefühl, dass Frauen sich oft von vornherein schon ein bisschen kleiner machen, was nicht notwendig ist. Es ist, glaube ich, wichtig, ganz bei sich zu bleiben, sich zu spüren und auch den Mund auf zu machen und auf den Tisch zu hauen. Was ich auch nicht immer kann! Aber mit jedem Mal üben wird es leichter.

Warum würdest du nicht mit deiner Großmutter tauschen wollen?

Meine Oma ist leider gestorben als ich vier Jahre alt war, ich kannte sie nicht wirklich. Ich weiss aber, dass sie ein sehr eloquenter Mensch war und auch so ein Hau-drauf. Sie ist am Heldenplatz gestanden und hat zwischen all den Nazis als einzige gerufen: Nieder mit dem Hund! Nieder mit dem Hund! Und ich dachte: "Wow, meine Oma muss eine extrem starke Frau gewesen sein". Als Antwort auf die Frage, warum ich nicht mit ihr tauschen wollen würde, kann ich sagen, dass ich es nicht erleben will, wie eine Masse von Menschen um mich herum instrumentalisiert wird.

Welche Frage oder welcher Frage sollte sich eine Frau in 30 Jahren nicht mehr stellen müssen?

Ob sie gleich viel verdient wie ein Mann und ob sie über ihren eigenen Körper bestimmen darf.

Welches Ereignis hat dich im vergangenen Jahr bewegt?

Mich haben die ganzen Geschichten, wo Polizisten unnötigerweise Menschen umbrachten, in den USA, aber auch in Österreich gab es Fälle, die allerdings schon länger zurückliegen, sehr bewegt. Das war Anlass für mich, ein Theaterstück über Polizeigewalt zu schreiben. Es heißt "Hauptsache was tun" und bezieht sich auf den Fall in Krems, wo ein Teenager von einem Polizisten im Supermarkt erschossen wurde.

MEISTERINNEN DER UNSICHTBARKEIT

ein Stationentheater im öffentlichen Raum

Unterwegs in der Stadt, ohne feste Adresse: Ein Stationentheater führt zu den privaten und öffentlichen, sicheren, gefährlichen und solidarischen Orten obdachloser Frauen in Wien.

Aufgrund des großen Erfolges Wiederaufnahme von 17. bis 19. November 2016, jeweils um 14h.

Infos zu Treffpunkt und Tickets: www.kunstspiel.at

 

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