Frauen müssen umdenken

Medienwissenschafterin Brigitte Theißl über ein soziales Erbe, das uns bei der Lohngerechtigkeit im Weg steht.

Wir alle sind durch eine geschlechtliche Sozialisation, durch gesellschaftliche Normen geprägt, wir ordnen uns in ein System ein und reproduzieren es zugleich. Diese Prägungen können wir nicht einfach abschütteln. Es wäre schlicht illusorisch, anzunehmen, man könne sich auf individueller Ebene aus geschlechtlichen Rollenzwängen einfach so befreien. Neben vielen anderen Faktoren braucht es unter anderem eine geschlechtersensible Pädagogik, die Kinder von klein auf mit einem emanzipatorischen Ansatz unterstützt. Dennoch denke ich, dass wir unser eigenes Verhalten beobachten und reflektieren können. Eine Freundin hat mir neulich erzählt, dass sie sich Sorgen machte, dass sich ihr Mann in der Karenz langweilen würde. Neun Monate „nur" mit dem Kind zuhause sein? Dass sie sich zuvor ebenso lange „nur" um das gemeinsame Kind gekümmert hatte, musste sie sich erst ins Gedächtnis rufen.

Wir Frauen fühlen uns gerne für alles verantwortlich. Da ist es hilfreich, Grenzen zu setzen und sich bewusst zu machen, dass frau eben nicht für das Wohl ihrer gesamten Umgebung verantwortlich ist und ebenso das Recht hat, auf eigene Bedürfnisse zu achten und Forderungen zu stellen.

Aktuell werden frauenpolitische bzw. feministische Errungenschaften von verschiedenen Seiten wieder in Frage gestellt. Die Gruppe der Maskulinisten, die Männer zu den „wahren" gesellschaftlichen Verlieren erklärt, ist sehr klein, dennoch sind ihre Botschaften gefährlich, da sie mit Mitteln der Vereinfachung und der Dramatisierung arbeiten und damit durchaus Anklang finden. Männer (und Frauen), die antifeministische Gefühle hegen, bringen ihnen Sympathien entgegen und tragen ihre Rhetorik in den gesellschaftlichen Mainstream.

Widerstand gegen Frauenpolitik bzw. Feminismus ist aber nicht neu - die vielen Errungenschaften sind nicht einfach so passiert, sondern mussten hart erkämpft werden. Trotz aller Fortschritte ist die Gleichberechtigung offensichtlich noch immer nicht in den Köpfen vieler Menschen angekommen. „Wir haben schon alles erreicht" ist ein Mythos.

Außerdem werden in öffentlichen Debatten um die Gleichstellung oft nur Mittelstandsfrauen der Mehrheitsgesellschaft betrachtet: Was für sie gilt, gilt für Migrantinnen und andere Gruppen, die mehrfach diskriminiert sind, aber oft nicht. Hier ist es wichtig, über den eigenen Tellerrand zu blicken und sich solidarisch zu zeigen in einer Gesellschaft, in der sich immer tiefere Gräben auftun, was die Verteilung von Wohlstand betrifft.

Antifeministische Positionen sind recht einfach zu entkräften. Aber auch Feministinnen müssen nicht immer er- und aufklären. Auf meinem feministischen Blog werden immer wieder dieselben platten Parolen und wenig gehaltvolle Belehrungen gepostet, mittlerweile lösche ich solche Kommentare oder gehe zumindest nicht argumentativ auf sie ein. Es ist nicht meine Aufgabe, Menschen aufzuklären, die sich zu Geschlechterthemen nicht informieren oder informieren wollen.

Ein Problem der feministischen Szenen ist, dass sie aktuell sehr stark zersplittert sind. So wichtig und wertvoll die Vielfalt der verschiedenen Strömungen ist, so sehr kann es doch an gemeinsamer Schlagkraft mangeln. Natürlich gibt es die Erkenntnis, dass ein „Wir Frauen" äußerst problematisch ist und bestimmte Gesellschaftsgruppen ausgeblendet werden, aber ich denke, dass Solidarität gerade in Zeiten wie diesen von großer Bedeutung ist. Zudem braucht es eine Auseinandersetzung mit anderen gesellschaftspolitischen Bewegungen. Vor dem Hintergrund einer Wirtschaftskrise, dem Sozialabbau und einer immer größer werdenden Kluft zwischen Arm und Reich scheint die Kategorie Geschlecht in Bezug auf eine gesellschaftliche Segmentierung in den Hintergrund zu treten. Und trotzdem müssen Sexismus, Rassismus und Homophobie immer wieder aufs Neue angeprangert werden. Die deutsche Piratenpartei hat erst jüngst gezeigt, wie ein angeblicher „post-gender"-Entwurf aussieht: In der Neo-Partei sitzen fast ausschließlich Männer, sexistische Sprache wurde bereits mehrfach dokumentiert und in der „AG Männer" werden männerrechtliche Positionen verhandelt.

Dass nun auch Männlichkeiten öffentlich diskutiert werden, ist sehr begrüßenswert. Traditionelle Männlichkeitsbilder schaden Männern wie Frauen - eine emanzipatorische und pro-feministische Männerbewegung haben wir dementsprechend dringend nötig. Männerrechtler gehen aber leider in eine andere Richtung und wähnen sich als Opfer des Feminismus, der nie etwas anderes wollte, als gleiche Rechte für alle. Progressive Männer(forscher) sollten also Unterstützung von feministischer Seite erhalten, überhaupt ist es notwendig, dass Frauen sich lautstark in politische Debatten einmischen. Es gibt in Österreich viele Vereine, NGOs und Frauennetzwerke, in denen man sich einbringen kann. Dort kann man unter anderem ein solidarisches Gefühl erleben, das auch im Privat- und Berufsleben stärkt. Frauen, raus aus der Vereinzelung!

Brigitte Theißl ist Medienwissenschafterin, Öffentlichkeitsarbeiterin und Bloggerin.

Sie lehrt derzeit an der Universität Klagenfurt und betreibt zusammen mit zwei Kolleginnen den Verein „Genderraum“.

Brigitte Theißl unterhält auch den feministischen Blog - Denkwerkstattblog
 

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