Frauen im Krieg: Wie kann es nach dem Krieg weitergehen?

Vier Frauen sprechen mit uns darüber, wie das Leben für sie weitergeht, nachdem sie einen Krieg überlebt haben – und warum es für sie keine Option ist, darüber zu schweigen.

Illustration: Margarita Epshteyn flüchtete gemeinsam mit ihrer 12jährigen Tochter und Neugeborenem aus der Ukraine nach Österreich.

Krieg verändert alles. Von einem Moment auf den nächs­ten ist das Leben, wie man es kennt, ­Geschichte, und es gibt keine Möglichkeit, die Vergangenheit jemals wiederherzustellen. Krieg verändert jeden Menschen, der damit in Berührung kommt – er trifft einen wie ein Hammerschlag, hart und unvorbereitet, und man trägt ihn für immer in sich. Krieg wird zu einem Teil von einem. Darüber berichten die vier Frauen aus Syrien, der Ukraine und Srebrenica, die mit uns darüber sprachen, was danach kommt.

Wie geht es weiter, wenn alles ver­loren ist? Wohin mit all der Liebe, der Wut, der Angst und dem Trauma, die keinen Platz mehr haben? Selma, Sophiya, Margarita und Shahla erzählen davon, wie man die schützende Taubheit, die viele mit Kriegserfahrung überfällt, wieder loswird, welche Kraft Kunst und Aktivismus dabei haben und wieso Krieg für Frauen immer anders ist als für Männer.

Lieben im Krieg

Die syrische Autorin Shahla Ujayli beschreibt in ihrem Roman Unser Haus dem Himmel so nah das Leben von Frauen und Männern im krisen­gebeutelten Syrien:

"Vor dem Krieg habe ich in einem modernen Land gelebt. Ich war eine normale Frau, die über ihre Bestimmung im Leben nachgedacht und für ihre Zukunft gekämpft hat. Auch heute kämpfe ich – doch der Unterschied ist: Damals kämpfte ich mit Hoffnung. Seit dem Krieg ist alles zerstört. Ich versuche jetzt, mit meinen Büchern Veränderung und Hoffnung zu vermitteln und sie zu erreichen. In Wahrheit fühlt sich aber alles in mir wie Leere an.

Ich denke, dass wir Frauen im Krieg tapferer sind. Wir halten unsere Sitten und die Moral am Leben. Doch leider verändern sich während des Krieges nicht nur die Menschen – auch die Liebe und das Leben sind anders. All das endet jedoch nicht. Das heißt, Menschen verlieben sich, suchen Partner*innen fürs Leben. Manchmal hoffen sie auf Liebe, um einen Ausgleich zu dem zu haben, was sie in der Zeit des Kriegs erleben. Denn im Krieg ist Liebe bedingungslos und tiefer als in einem Land ohne politische Konflikte – selbst in der Familie oder in Freundschaften."

Ich versuchte verzweifelt, zu entscheiden, was ich tun sollte, um meine Kinder in Sicherheit zu bringen.

von Margarita Epshteyn

Aus der Ferne

Margarita Epshteyn flüchtete ­gemeinsam mit ihrer zwölf­jährigen Tochter Sophiya und ihrem neu­geborenen Sohn Miron aus der ­Ukraine. Ihren Ehemann musste sie in Kharkiv ­zurücklassen.

"Bevor der Krieg begann, führten wir ein ganz normales Leben und hatten gerade mit dem Bau unseres Hauses begonnen. Im Jänner sagte ich zu meinem Mann, wir sollten uns mit der Fertigstellung des Hauses beeilen, ich würde im November gerne meinen Geburtstag dort feiern. Jetzt bin ich hier und mein Mann ist dort und wir wissen nicht, wie die Zukunft aussehen wird."

Ich sehe all diese Schönheit in Wien, aber in meinem Inneren ist nur Leere.

von Margarita Epshteyn

"Am Tag des Kriegsbeginns schaute ich die ganze Nacht Nachrichten und hörte, als Putin um vier Uhr morgens die ‚Operation‘ begann. Schon eine Minute später schlug die erste Bombe im Haus neben uns ein. Wir nahmen die Kinder und den Hund und rannten los zum Haus meiner Großmutter, die einen Keller hat, wo wir bleiben konnten. Ich versuchte verzweifelt, zu entscheiden, was ich tun sollte, um meine Kinder in Sicherheit zu bringen.

Nach 50 Tagen in Kharkiv brachte uns mein Mann zur Grenze. Er durfte sie nicht überqueren, also ließen wir ihn zurück. Er ist jetzt gerade bei der Arbeit. Jeden Morgen und Abend telefonieren wir und ich habe viele Telegram- und Facebook-Gruppen, die darüber informieren, wenn eine Rakete startet oder Bomber kommen. Dann rufe ich ihn an, um ihm zu sagen, dass er jetzt nicht zur Arbeit gehen soll. Es ist sehr schwer, getrennt zu sein. Wir sind hier sicher – aber dort ist mein Zuhause. Ich bin hier ganz allein. Ich sehe all diese Schönheit in Wien, aber in meinem Inneren ist nur Leere. Hier ist nicht mein Zuhause. Ich möchte zurückgehen."

Gedanken in Bildern

Sophiya Epshteyn ist zwölf Jahre alt. Als sie nach ihrer Flucht die Schule in Gramatneusiedl beginnt, erkennt der Direktor ihr Talent und veranstaltet eine Ausstellung ihrer Zeichnungen.

„In der Ukraine ging ich gern zur Schule, hatte Freund*innen; dann wurde mein kleiner Bruder Miron geboren. Wir verbrachten jedes Wochen­ende mit der Familie und Freund*innen. Und dann, von einer Minute auf die ­nächste, haben wir das alles verloren. Zuerst fühlte es sich wie ein böser Traum an, aber er hörte einfach nicht auf. Am Abend vor dem Angriff schauten wir Zeichentrickfilme und gingen ins Bett.

Dann änderte sich alles. Wir hörten Bomben, Schreie, und wir mussten loslaufen. Ich hatte so viel Angst. Unser Stadtteil wurde angegriffen, also gingen wir zum Haus meiner Urgroßmutter; sie hat einen Keller. Wir schliefen wochenlang auf dem Boden, in unseren Mänteln und ­Mützen. Dort habe ich Bilder gemalt. Ich zeichne gerne. Ich kann mich ablenken, indem ich einfach über die Zeichnung nach­denke. Aber es ist schwer für mich zu begreifen, dass alles, was wir hatten, verloren ist..."

Den vollständigen Artikel findest du in der aktuellen Wienerin Ausgabe!

 

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