„Frauen, hört auf, eure Männer zu entschuldigen!“

WIENERIN-Redakteurin Katrin Halbhuber findet es schade, dass Frauen und Männer in Sachen Karenz noch immer nicht an einem Strang ziehen. Denn schließlich haben sie einen gemeinsamen Gegner.

Dieser Text entstand vor vier Jahren, im November 2015. Viel hat sich seitdem nicht geändert - deswegen sprechen wir am WIENERIN #aufstand am 17.11.2019 auch über Elternschaft und darüber, warum sogar die gleichberechtigsten Paare ab dem ersten Kind in konservative Rollenbilder rutschen – wissenschaftlich belegt. Diskutier und hinterfrag mit uns Ideen und Konzepte des Familienlebens - über alternative Familienmodelle bis zu einem vielfältigen Blick auf die Mutterrolle. Mit Keynotes, Vorträge und ganz viel Austausch. Mehr dazu? Schau mal hier.

Warum Elternschaft gleichberechtigt sein sollte

Neulich im Schwimmbad. In der Garderobe treffe ich zufällig auf eine ehemalige Mitschülerin aus dem Gymnasium. R. versucht, ihre Kinder in die Badehosen zu kriegen, ich, meinen Sieben-Monatsbauch in die Schwangerschaftshose. Die Wiedersehensfreude ist groß, wir waren nie beste Freundinnen, mögen uns aber gerne. Sie fragt mich mit ehrlichem Interesse nach Kind Nummer 1, Schwangerschaft Nummer 2, was es wird, wie es mir geht. Sie erzählt, dass ihr zweiter bald in den Kindergarten geht und wie sehr sie sich schon darauf freut. Ich erzähle, dass ich nach dem Mutterschutz tageweise wieder arbeiten gehen werde, weil Mann in Elternteilzeit und dann auch, wie beim ersten, ein Jahr komplett in Karenz.

Und los geht’s: Was jetzt kommt, höre ich nicht zum ersten Mal, es fühlt sich an wie die Rechtfertigung gut ausgebildeter Frauen, die ihren Job gerne machen – aber halt trotzdem "die Frau" sind: „Na, suuuper, das ist ja toll. Na bei uns wäre das nicht gegangen, weißt eh, der XY, mit seinem Chef hätt‘ das nicht geklappt, der ist ja in der Privatwirtschaft.“ Mir lag ein patziges „Na meiner ist auch kein Beamter, dem war’s aber halt einfach wichtig“ auf der Zunge, ich hab es runter geschluckt. Denn meine Schulfreundin, die Kinder umziehend vor mir kniet und sich eben so ehrlich über meine Schwangerschaft gefreut hat, hat nichts Böses im Sinn. Und trotzdem möchte ich sie rütteln: „Hör auf, deinen Mann zu rechtfertigen! Fordere stattdessen ein, dass halbe-halbe endlich mal wirklich möglich sein muss!“

Wer jetzt schon dabei ist, mich als „männerfeindliche Emanze“ abzustempeln, tut mir großes Unrecht: Es geht mir hier nicht darum, die „Männer in die Pflicht zu nehmen“, nein, es geht darum, dass es endlich möglich gemacht werden muss, dass Männer ihre Rechte als Vater wahrnehmen können!

Gleiches Recht auf Elternzeit - ohne Einbußen!

Ich möchte R. rütteln, weil ich der Meinung bin, dass wir Eltern bei den Themen Karenz und Gleichberechtigung einander nicht mit Rechtfertigungen und Entschuldigungen erklären sollten. Denn mit diesen Entschuldigungen nehmen wir denjenigen aus der Verantwortung, der sich eigentlich genau darum kümmern muss: den Staat. Statt uns mit gebeuteltem Blick darüber auszutauschen, wie schwer alles ist, sollten wir den Mut und das Selbstverständnis haben, von unseren Politikern einzufordern, das Thema endlich so zu regeln, dass jede Mutter und jeder Vater frei entscheiden kann, ohne Einbußen, ohne Nachteile.

Privatwirtschaft, Staatsbedienstete, Selbstständige: Genauso, wie von Frauen nicht erwartet werden sollte, dass sie die komplette Karenzzeit übernehmen, müssen Männer auf der anderen Seite Karenzzeit machen können, ohne von ihren Vorgesetzten belächelt oder unter Druck gesetzt zu werden.

Vorausgesetzt, sie möchten das auch. Natürlich wird es auch genügend Männer geben, die halt einfach nicht in Karenz gehen wollen. Finde ich nicht gut, kann ich aber respektieren, weil: freie Entscheidung.

Möglich, dass das auch bei Schulfreundin R. in Wahrheit der Grund war. Aber dann halt einfach raus damit. Mir ist ein Mann, der grade raus dazu steht, dass er nicht in Karenz gehen möchte, tausendmal lieber als eine Frau, die glaubt, ihren Mann dafür in Schutz nehmen zu müssen.

 

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