„Frauen haben ein Recht auf Aufklärung!“

Tabuthema Gewalt im Kreißsaal: Kristina Hametner, Leiterin des Wiener Büros für Frauengesundheit und Gesundheitsziele, über Maßnahmen, Frauen zu stärken.

WIENERIN: Ist Gewalt im Kreißsaal für Sie ein Thema?

Kristina Hametner: Bei dem Thema stehen wir noch ganz am Anfang, aber die WHO-Berichte dazu zeigen, dass wir das ernst nehmen müssen. Ich möchte das aber nicht im Kontext von Gewalt diskutieren, weil es dann um Opfer und Täter geht, sondern als Teil der Selbstbestimmung von Frauen bei der Geburt.

Welche Möglichkeiten gibt es, Frauen während des Geburtsgeschehens zu stärken?

Man kann Frauen in dem Bewusstsein stärken, dass sie eine Schwangerschaft und Geburt bewältigen können. Stärkend sind die Hebammensprechstunde im Mutter-Kind-Pass und Geburtsvorbereitungskurse. Frauen sollen eine realistische Vorstellung von einer Geburt haben, um mit dem ganzen Geschehen und auch eventuell notwendigen Interventionen besser umgehen zu können. Eine Geburt ist kein Spaziergang, aber Frauen können das. Momentan findet da leider wieder eine Pathologisierung der Schwangerschaft und der Geburt statt, als wäre der Kaiserschnitt besser und die normale Geburt etwas Anachronistisches. Das halte ich für falsch.

Frauen glauben, das ist halt so, eine Geburt muss so ablaufen. Aber auch in der Geburtssituation haben Frauen Rechte.

von Kristina Hametner, Wiener Büro für Frauengesundheit

Wie kann man das Thema ansprechen, ohne Frauen Angst zu machen?

Mir geht es um Gesundheitskompetenz und darum, dass Frauen ermutigt werden, ihrem Körper zu vertrauen und Verantwortung zu übernehmen. Auf der anderen Seite steht das Gesundheitspersonal. Alle, die dabei sind, sollten wissen, was die Bedürfnisse und Erfordernisse bei der Geburt sind. Das Um und Auf ist Kommunikation: Wie spricht das Gesundheitspersonal mit der Frau, werden Frauen über notwendige Handlungen während der Geburt informiert und holt man sich ihr Einverständnis? Das ist der Punkt. Ohne Einverständnis ist es ein Übergriff. So viel Zeit für Ärzte-Patientinnen-Kommunikation muss sein.

Sollte es nicht selbstverständlich sein, dass die Frau über alle Untersuchungen und Vorgänge während der Geburt informiert wird?

Ja, natürlich, Transparenz sollte selbstverständlich sein, aber das ist auch ganz viel Übung. In anderen Ländern wie England hat Kommunikation in der medizinischen Ausbildung den gleichen Stellenwert wie beispielsweise Pathologie und wird geübt. Und dann haben wir auch noch sprachliche und kulturelle Herausforderungen, die im Klinikalltag nicht leicht zu meistern sind.

Wie kann man Gewalt im Kreißsaal lösungsorientiert diskutieren?

Indem wir nicht von Gewalt sprechen, sondern von Selbstbestimmung, und indem wir von Schuldzuweisungen wegkommen. Wir können davon ausgehen, dass während eines Geburtsvorgangs alle etwas Gutes wollen, Frauenärzte wie Hebammen. Aber es braucht auch Achtsamkeit – die muss ihren Raum beim Geburtsgeschehen bekommen.

Kann man das Thema auch gesundheitspolitisch aufs Tapet bringen?

Ich glaube, man muss ein gemeinsames Verständnis finden, worum es bei dem Thema geht. Das ist jetzt noch nicht der Fall. Frauenärzte sagen, dieses Problem haben wir nicht. Frauen haben bisher kaum darüber gesprochen. Ich kenne es auch aus dem persönlichen Umfeld. Frauen glauben, das ist so, eine Geburt läuft eben so ab. Frauen sollen wissen, dass sie auch in dieser Situation Rechte haben. Die WHO hat Leitlinien für ein positives Geburtserlebnis herausgegeben, das ist eine gute Grundlage. Dazu kann ein erster Schritt sein, Experten rund ums Geburtsgeschehen auf Augenhöhe ins Gespräch zu bringen.

Welche Maßnahmen wären wünschenswert?

Das Thema muss Akzeptanz finden. Eine erste Maßnahme von uns ist, das Thema bei unserer Konferenz aufzugreifen. Ich kann mir auch einen interdiszi­plinären, berufsgruppenübergreifenden Arbeitskreis vorstellen. Konkret wäre eine 1:1-Betreuung von Hebamme zu Frau sinnvoll. Das ist eine Forderung, die wir in der Wiener Grundsatzerklärung zur Spontangeburt formuliert haben. Das würde auch die Kaiserschnittrate reduzieren und die Frauen im Kreißsaal stärken.

 

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