(Frauen-)Fußball-WM: Müssen wir das jetzt aushalten?!

Ein Schritt vor - zwei Schritte zurück. Die Berichterstattung über Fußballerinnen ist in Österreich trotz der aktuellen Frauenfußball-WM kaum präsent, in anderen Ländern dagegen voll mit sexistischen Zuschreibungen. Wann hört das endlich auf? Ein Kommentar.

Giulia Gwinn

Ja, liebe LeserInnen, derzeit läuft gerade die Frauenfußball-WM. Manche werden sich an dieser Stelle die Frage stellen: Warum habe ich das nicht mitbekommen? Tatsächlich muss man in Österreich derzeit schon sehr medienaffin sein, um überhaupt wahrzunehmen, dass in Frankreich derzeit die Weltmeisterschaft im Frauenfußball stattfindet. Woran das liegt? Ein Erkärungsversuch.

Frauenfußball, ein OpportunistInnensport

Eigentlich ist es verwunderlich, dass wir an dieser Stelle über Frauenfußball schreiben müssen, als wäre es eine Exotensportart. Schließlich war Österreich vor zwei Jahren, während der Europameisterschaft, ja im dauerhaften Frauenfußball-Fieber. Warum interessiert sich dieses Mal also keiner mehr für dieses sportliche Großevent? Die Antwort darauf ist so banal wie enttäuschend: weil Österreich bei der WM diesmal nicht dabei ist.

Im Männerfußball wäre das wohl keine Rede wert, schließlich geht sowieso niemand davon aus, dass Österreich es tatsächlich mal wieder zu einem Großbewerb im Männerfußball schafft (und ja, boys, auch ein Sieg gegen Nordmazedonien wird daran so schnell nichts ändern). Da schaut man die Meisterschaften auch selbstverständlich ohne heimische Beteiligung, von der Champions League ganz abgesehen. Für andere Länder scheint man sich im Fußball der Frauen aber irgendwie nicht erweichen zu können. Es zeigt sich mal wieder, was so manche vor zwei Jahren schon zu befürchten wagte: In Österreich ist Frauenfußball nur wichtig, wenn heimische Kickerinnen es auch ins Achtel-, Viertel-, oder sogar Halbfinale schaffen. Ansonsten droht der Fall in die Bedeutungslosigkeit.

In den Medien ist von einer WM-Euphorie derzeit jedenfalls absolut nichts zu spüren, Frauenfußball bleibt ein Thema für die Randspalten. Auch Public Viewings sucht man im Internet verzweifelt, bis auf die Ausnahme dieser Veranstaltung (Event-Tipp!), findet man in Wien kaum Möglichkeiten seine kollektive Frauenfußballliebe auszuleben (siehe unten). An fehlender Übertragung der Spiele liegt es allerdings nicht - der ORF überträgt (wenn auch nur am Viertsender ORF Sport+) alle Spiele live, Sendungshinweise auf ORFeins inklusive.

Die schöne Giulia kann auch Fußballspielen

In Ländern, deren Nationalmannschaften sehr wohl bei der WM vertreten sind, sieht es freilich anders aus. In Deutschland, wo der Frauenfußball schon länger Tradition hat, berichten Medien durchaus ausführlich über das sportliche Großereignis. Alles wunderbar also? Wohl kaum. Denn auch hier beschränken sich so einige Medien lieber auf das Wesentliche im Frauenfußball: ~das Aussehen~ der SpielerInnen. Über Giulia Gwinn wird gerade besonders viel geschrieben. Zum einen liegt das daran, dass die 19-Jährige im Spiel gegen China spielentscheidend war (relevante Information). Zum anderen daran, dass Gwinn einen Instagram-Account hat, auf dem sie auch Bilder von sich selbst postet (völlig irrelevante Information, die mit ihrer sportlichen Leistung absolut nichts zu tun hat). Und trotzdem schreiben am Tag nach dem Spiel manche Medien lieber über die "heiße Giulia" (Westfälischer Anzeiger"), das "Nesthäckchen" ("Stuttgarter Zeitung") mit den "wunderschönen Fotos" (Münchner TZ). In der "Kreiszeitung" ergattert Gwinn sogar einen Platz unter den "heißesten Spielerinnen der WM". Was für eine Leistung.

Nicht nur in Deutschland muss man sich über sexistische und objektivierende Berichterstattung über Fußballerinnen ärgern. Ausgerechnet im Gastgeberland der WM, Frankreich, sorgt das neue Cover des Satireblatts "Charlie Hebdo" für Aufregung. Dort titelt man anlässlich des Sport-Events mit einer Vagina und ergänzt passend "satirisch" mit den Worten "On va en bouffer un mois!", also "das müssen wir einen Monat lang aushalten" (oder, weniger subtil, "müssen oral befriedigen"). Ja, das ist nicht ernst gemeint. Und trotzdem drängt sich die Frage auf: muss Satire frauenfeindlich sein? Man könnte ja darüber lachen, würde die Assoziation von Vagina und Fußball irgendeinen Sinn ergeben. Tut sie aber nicht. Weil ein Fußball nichts in der Vagina verloren hat und ein weibliches Geschlechtsteil hier bewusst instrumentalisiert wird, um billige Witzchen zu reißen*. Weil eine sportliche Leistung hier bewusst mit sexuellen Anspielungen assoziiert wird und somit als ausschließlicher Wert von Frauen dargestellt wird. Wäre dies eine Werbung, würde sie klar in die Kategorie "sexistisch" fallen. Aber klar, Satire darf ja alles.

*oder hat jemand schon mal einen Penis am Cover eines Magazins gesehen, der von zwei (Fuß-)Bällen (höhö) flankiert wird, gesehen?

Sexuelles Objekt statt sportliches Subjekt

Darf die sportliche Leistung von Frauen also nur im Kontext mit Aussehen passieren? Sie sieht gut aus und übrigens sie hat auch ein Tor geschossen. Sie sind erfolgreich, deswegen hier eine Diashow mit den heißesten Nationalspielerinnen. Diese Art der Berichterstattung passiert seit Jahrzehnten und ist freilich nicht nur auf den Fußball beschränkt (siehe auch hier, hier oder hier). Sie ist Resultat einer patriarchalen und chauvinistischen Sportberichterstattung, die immer noch zum Großteil durch männliche Journalisten dominiert wird. Und wenn dann einmal eine weibliche Kommentatorin (Claudia Neumann) am Bildschirm auftaucht wird sie auf Social Media gleich mal in der Luft zerfetzt. Tolle Aussichten für den weiblichen Sportjournalismus-Nachwuchs.

Freilich werden weibliche Sportlerinnen nicht nur sexualisierten Eigenschaften unterworfen, sondern müssen sich auch allen anderen patriarchalen Vorstellungen der idealen Frau beugen. Da ist es natürlich praktisch wenn du "auf Instagram genauso sympathisch rüberkommst, wie nach der Partie vor der ARD-Kamera" ("Kreiszeitung" über Gwinn). Unangenehm wird es nur, wenn du dem Bild nicht mehr entsprichst und Emotionen zeigst, die der weiblichen Zuschreibung widersprechen. Dann bist du die emotionale Furie, die ihre Gefühle nicht unter Kontrolle hat und ~unprofessionell~ ist. Wer das nicht glaubt, soll mal Serena Williams fragen.

Es geht anders

Wer jetzt fürchtet, wir treten ausschließlich auf der Stelle, was die mediale Darstellung von Sportlerinnen betrifft, darf an dieser Stelle trotzdem kurz aufatmen. Es geht nämlich auch anders.

Die deutsche Commerzbank, zum Beispiel, veröffentlichte vor einigen Wochen eine Werbung mit den deutschen Nationalspielerinnen, die ganz ohne Sexismus auskommt und - wer hätte das gedacht? - trotzdem unterhaltsam ist.

Commerzbank Werbung Frauenfußball-WM

Der amerikanische Sporthersteller Nike hat ebenfalls verstanden, dass es sich besser Hand in Hand statt am Rücken der Sportlerinnen werben lässt. Der aktuelle 2-minütige Werbespot zeigt die amerikanischen Fußball-Athletinnen, die in ihrer Heimat sowieso mehr Anerkennung als auf europäischer Ebene finden, stark, selbstbewusst und furchtlos. Genauso, wie man es eben auch bei den männlichen Fußballern schon seit Jahren tut.

Nike hat es verstanden, die Commerzbank hat es verstanden, bleibt nur zu hoffen, dass es der Boulevard auch bald tut. In 10 Jahren oder so. Und bis dahin müssen wir das jetzt aushalten.

 

Aktuell