Frauen, erobert die Straßen zurück

Unter dem Hashtag #takebackthestreets teilen Frauen ihre Erfahrungen mit sexueller Belästigung im öffentlichen Raum. Die Ergebnisse sind erschreckend und zeigen, dass Frauen sich in der Öffentlichkeit nicht frei bewegen können. Ein Erfahrungsbericht.

Es ist ein normaler Montagmorgen. Müde, ein bisschen genervt und nicht wirklich in Gesprächslaune mache ich den ersten Schritt vor die Haustür. Da schießt mir auch schon der Gedanke durch den Kopf, ob es so klug war, sich heute etwas Kurzes anzuziehen. Nein, nicht wegen des Wetters. Heute ist einfach kein Tag, an dem ich auffallen will. Eigentlich ist nie so ein Tag. Vielleicht geht es ja gut, denke ich mir. Es sind ja schließlich nur drei Minuten bis zur Haltestelle.

An der Straßenecke kommt dann schließlich die Ernüchterung - drei junge Männer, vielleicht 15 Jahre alt, stehen herum. Es ist zu spät, um die Straßenseite zu wechseln, wie ich es sonst meistens mache. Mir bleibt also nichts anderes übrig, als es über mich ergehen zu lassen. Denn aus Erfahrung weiß ich, dass irgendetwas kommen wird, in Ruhe lassen werden sie mich sicher nicht. "Hey Kleine", tönt es schon von weitem. "Mein Freund will dir etwas sagen!" Ich versuche, sie zu ignorieren. Versuche, trotz der Erniedrigung erhobenen Hauptes weiterzugehen. Ignorieren ist die beste Strategie, rede ich mir ein.

War ja nicht so schlimm, rede ich mir weiter ein. Bis ich am Taxistand vorbeigehe, der gleiche Taxistand wie jeden Tag, die gleichen Taxifahrer, die mir nachpfeifen, mir irgendetwas zurufen. Auch das werde ich ignorieren, sage ich mir. Heute habe ich keine Kraft. Eigentlich habe ich nie Kraft dafür.

Entsetzen, Wut, Stille

In der Straßenbahn schließlich wiege ich mich in Sicherheit, setze mich auf einen Einzelplatz, will nicht gesehen und nicht angequatscht werden. Da fragt mich ein Typ, grinsend: "Wie komme ich zum Westbahnhof?" Ich merke nicht sofort, dass er das nur macht, um Kontakt mit mir aufzunehmen, und sage: "Da müssen Sie mit der anderen Straßenbahn fahren." Sein Grinsen wird breiter, er fragt nach, wo das ist. Dann werde ich ungeduldig und sage: "Ich schätze, das können Sie selber nachlesen."

So sieht er aus, ein normaler Start in den Tag - nicht nur bei mir, sondern bei vielen Frauen. An alle Belästigungen, die mir bisher passiert sind, kann ich mich gar nicht mehr so genau erinnern, vieles verdränge ich schon, so alltäglich ist es mittlerweile geworden. Früher, als ich noch woanders gewohnt und spätabends mit dem Zug gefahren bin, sind mir noch viel schlimmere Sachen passiert. Haben sich Männer dutzende Male vor mir die Hose aufgemacht. Aus dem anfänglichen Schock wurde Entsetzen, dann Wut, und schließlich einfach stilles Ignorieren.

So oft habe ich mich gewehrt, habe die Belästiger zur Rede gestellt, oder ihnen einfach den Mittelfinger gezeigt. Als Reaktion kam meistens nur Freude darüber, dass ich sie wahrgenommen habe, ihnen somit in ihren Augen Macht gegeben habe. Einmal auch der Spruch: "Den kleinen Finger werde ich dir..." Den Rest will ich vergessen.

#takebackthestreets

Ich bin nicht alleine mit diesen Geschichten. Vier von fünf Frauen waren mindestens einmal in ihrem Leben Opfer sexueller Belästigung. Street Harassment, oder Belästigung im öffentlichen Raum, ist ein ernstes Problem und sollte als solches endlich anerkannt werden. Denn in Österreich ist sexuelle Belästigung in der Arbeitswelt schon lange strafbar, für den öffentlichen Raum wurde erst vor einigen Monaten eine Novelle verabschiedet. Es wurde sogar ernsthaft darüber diskutiert, was "tolerierbare Berührungen" sind und was nicht - verbale Attacken werden gar nicht erst erwähnt. Warum das einfach so hingenommen wird, frage nicht nur ich mich.

Unter dem Hashtag #takebackthestreets, der von der Journalistin Olja Alvir gestartet wurde, berichten Frauen im Netz derzeit über ihre Erfahrungen mit Street Harassment:

Der allgemeine Tenor: Frauen werden im öffentlichen Raum mundtot gemacht. Sie haben fast immer nur ein Gefühl, wenn sie die Haustür verlassen: dass sie nichts wert sind. Dass sie immer in Bezug zu einem Mann stehen müssen, um es zu sein. Dass sie die Belästigung in ihren Alltag integrieren müssen, sich danach kleiden und verhalten sollen. Dass Angst ihr täglicher Begleiter sein soll. Denn der öffentliche Raum gehört schließlich den Männern.

Nein, sagen viele Frauen schon lange und jetzt wieder laut. Der Wunsch nach Respekt muss für alle Geschlechter gelten. Belästigung ist kein Kavaliersdelikt, es ist kein Kompliment und schon gar nicht ist alles in Ordnung, so wie es ist. Es ist traurige Realität. Daher auch der Appell: Frauen, wehrt euch, schließt euch zusammen und erobert eure Straßen zurück!

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