Frauen brauchen keinen Beschützer

Die neue Ausgabe des Wiener Stadtmagazins „Biber“ schreibt: schwache Frauen wollen von starken Männern beschützt werden. Wir finden: schlimmer geht’s nimmer.

Frauen sind emanzipiert, selbstbestimmt und erfolgreich. Und trotzdem wollen sie einen Mann, der sie beschützt. Das zumindest behauptet die neue Ausgabe des Stadtmagazins „Biber“ in seiner Cover-Story. Die „Sehnsucht nach dem Helden-Mann“ sei ein ganz großes Problem unserer Zeit, konstatiert darin die Autorin Delna Antia. Wir finden: ihre Sehnsucht nach veralteten Rollenklischees ist hier das weitaus größere Problem.

"Der Beschützer ist tot"


Liebe Männer, „wollt ihr – nein schlimmer – könnt ihr nicht mehr zuschlagen?“, fragt sich die Autorin. Sie ortet eine „Verweiblichung“ der Männlichkeit, eine Welt voller Weicheier und eine weitere schlimme „Nebenwirkung der Gleichberechtigung“: dass der Beschützer tot ist. „Ihr macht Zivildienst und Papa-Monat, ihr tragt Skinny-Jeans und zupft eure Augenbrauen.“ Klingt doch nach dem perfekten Mann? Nicht so für die Autorin. Geht es nach ihr, sind die „echten Männer“ längst ausgestorben. Blöde Gleichberechtigung aber auch.

Eigentlich kann man über diesen Artikel nicht viel mehr als den Kopf zu schütteln. Selten kommen so viele Männlichkeits- und Weiblichkeitsklischees auf einen Haufen derart unreflektiert zum Vorschein. Anstatt dass thematisiert wird, wie viele Frauen Opfer von Gewalt werden und wohin uns Stereotype à la "schwaches" und "starkes" Geschlecht eigentlich geführt haben, werden Männer sogar dazu angeregt, „zuzuschlagen“, wenn Frauen einen Beschützer brauchen.

Dass es nämlich genau diese Rollenvorstellungen sind, die den öffentlichen Raum überhaupt erst zu einem unsicheren Ort für Frauen machen, ist hier kein Thema. Vielmehr sollen Männer wieder zurück in alte Rollenmuster schlüpfen: „im Patriachart (sic!)“ waren sie schließlich noch bereit für Frauen „zu sterben“.

Hier wird ein fatales Bild von Männern und Frauen vermittelt


„Unsere Nachwuchsmänner in Deutschland und Österreich werden seit geraumer Zeit also nicht nur verweichlicht, sondern auch verweiblicht. Gewalt und Brutalität leben sie allemal mit ihrem Daumen aus, wenn sie Computerspiele zocken.“ Ist das eine Aufforderung zu mehr Gewalt? „Gott sei Dank gibt es in Österreich die Wehrpflicht noch“, zeigt sich die Autorin erfreut.

Und spätestens jetzt sollte sich uns die Frage stellen: was für ein Gesellschaftsbild wird hier eigentlich vermittelt? Gewalt scheint okay zu sein und Frauen sind vor allem eins: schwach. Zwar ist die Frau beruflich selbstständig, doch sehnt sie sich trotzdem nach einer starken Hand, die sie führt. Wenn ein Mann sich für eine schlägt, sei das "sexy". Denn wer „einfach ,schön‘ sein will – der bewegt sich in weibliches Terrain.“ Autsch.

Noch mehr Gewalt ist definitiv keine Lösung


Und wenn Frauen sexuell belästigt werden, dann brauchen sie einen Beschützer, lautet die Schlussfolgerung. Nein, nicht Alltagssexismus, Vergewaltigungskultur und Rollenklischees, die ja eigentlich für Gewalt gegen Frauen verantwortlich sind, werden hier angeprangert – sondern dass Männer nicht mehr "echte Männer" sein können. Gewalt wird verherrlicht, Frauen zum schwachen Geschlecht hochstilisiert und das Ganze auch noch mit einer Prise Rassismus garniert, denn „Ausländer“ seien noch echte Männer, die sich prügeln, weil Österreicher schon zu verweichlicht sind.

Das Problem ist nur: Frauen wollen nicht beschützt werden. Sie wollen ernst genommen werden. Sie wollen respektiert werden. Und sie wollen auch keine Männer, die "für sie" zuschlagen, weil sie dann wiederum zu ihrem Besitz werden. Noch mehr Gewalt kann schließlich keine Lösung sein. Männern beizubringen, dass Frauen keine Sexobjekte sind, ihnen zu sagen, dass ihnen der öffentliche Raum nicht alleine gehört – und umgekehrt Frauen zu ermutigen und zu bestärken, ihren Raum wieder zurückzuerobern, ihnen zu zeigen, wie sich selbst verteidigen können – das klingt schon eher nach etwas, das uns wirklich weiterbringt.

 

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