Frau in der Formel 1: Susie Wolff im Interview

Susie Wolff ist die erste Frau seit 22 Jahren, die an einem Formel 1-Rennwochenende teilgenommen hat. Die 31-jährige Britin ist Entwicklungsfahrerin im Team Williams Martini Racing. Im Interview mit der WIENERIN spricht sie über über Frauen im Motorsport und berufliche Herausforderungen.

Der Motorsport gehörte seit frühester Kindheit zu Ihrem Leben. War für Sie trotzdem immer klar, dass dies auch Ihr beruflicher Weg sein würde?

Nein. Ich habe mein erstes Motorrad mit zwei Jahren bekommen, mein erstes Kart mit acht Jahren und habe damals auch bereits begonnen, Rennen zu fahren. In diesem Alter denkt man nicht daran, welchen Beruf man wählen oder wie die eigene Karriere aussehen könnte. Ich habe eigentlich nur getan, was mir Spaß gemacht hat. Ich war immer sehr wetteifernd, habe immer die Geschwindigkeit geliebt und bin gerne Wettrennen gefahren. Es war einfach Glück, dass ich meine Leidenschaft im Leben schon früh gefunden habe. Mit 14 Jahren habe ich zum ersten Mal an einem Formel 3-Rennen teilgenommen, die Autos sind dort wie kleine Formel 1-Autos. Zu diesem Zeitpunkt habe ich gemerkt, dass ich Rennfahrerin werden und in die Formel 1 kommen möchte.

Viele sagen, dass die Formel 1 eine Männerwelt ist, aber das sehe ich nicht so.
von Susie Wolff

Was ist die größte Herausforderung beim Rennfahren?

Es gibt viele Herausforderungen. Es ist schon ein starker Konkurrenzkampf, man muss immer seine Leistung bringen, schnell sein und einen starken Willen haben. Denn es gibt pro Rennen nur einen Gewinner und man kann nicht jedes Mal gewinnen. Deswegen muss man sehr fokussiert und entschlossen bleiben. Es war schon ein großer Kampf, einen Platz in der Formel 2 zu erhalten. Ich hatte ein großes Glück im Alter von 22 Jahren einen Vertrag mit Mercedes Benz für die Touring-Meisterschaft und dann sieben Jahre später einen Vertag für die Formel 1 zu bekommen. Ich bin sehr dankbar, denn es war ein weiter Weg mit vielen Hochs und Tiefs. Aber es war für mich immer in Ordnung, denn ich habe meinen Traumjob.

Susie Wolff beim Grand Prix-Wochenende in Silverstone

Was macht Ihnen am meisten Spaß an Ihrem Beruf?

Im Auto zu sitzen und zu fahren. Ein Formel 1-Auto ist, gemessen an der Technologie und der Leistung, das beste Auto der Welt. Dieses auf der Rennstrecke zu fahren, ist für mich das beste Gefühl. Man muss sich ans Limit bringen und für jedes Zehntel kämpfen - das macht mir am meisten Spaß. Außerdem gibt es in meinem Job keine Routine, jeder Tag ist anders, das liebe ich.

Wie schafft man es konzentriert zu bleiben, wenn bis zu zwei Stunden lang immer die gleichen Runden fährt?

Wenn man nicht konzentriert wäre, landet man im Kiesbett oder in der Streckenabsperrung. In der Formel 1, aber auch in der DTM, kann so schnell etwas passieren, deswegen muss man konzentriert sein. Diese Konzentration kommt mit der Erfahrung und wenn man auf dem Niveau der Formel 1 ist, hat man bereits viel Erfahrung.

Susie Wolff beim freien Training in Silverstone

Susie Wolff Formel 1 Silverstone 2014

Wie halten Sie sich für das Rennen fit?

Ich mag Sport ohnehin, aber für meinen Job muss ich besonders fit sein. In der Formel 1 zu fahren, ist wirklich eine Herausforderung, da die G-Kräfte sehr stark sind. Besonders für den Nacken muss ich viel machen. Ich trainiere mindestens vier bis fünf Mal pro Woche und mache auch viel Pilates, damit meine Muskeln gedehnt bleiben. Wenn ich nicht stark genug wäre, könnte ich das Formel 1-Auto nicht fahren - darum brauche ich keine extra Motivation, um jeden Tag zu trainieren. Der Nachteil von meinem Job als Entwicklungsfahrerin ist, dass ich öfter im Simulator als im Rennauto sitze, wo der Körper natürlich stärker mit den tatsächlichen Kräften arbeiten muss. Aber das Training macht mir Spaß und ich habe Glück, dass es Teil meines Jobs ist.

Sieht Susie Wolff die Formel 1 als Männerdomäne? Was rät sie Frauen, die in männerdominierten Jobs arbeiten? Weiter geht´s auf Seite 2...

Am 18. Juli wird Susie Wolff beim Großen Preis von Deutschland in Hockenheim zum zweiten und letzten Mal in der Formel 1-Saison 2014 am freien Training teilnehmen.
Susie Wolff Formel 1 Silverstone
Susie Wolff startete ihre Motosportkarriere bereits im Alter von acht Jahren, als sie mit dem Kartfahren begann. Weitere Stationen waren die Formel Ford, Formel Renault und die britische Formel 3. Von 2006 bis 2012 war Wolff in der DTM aktiv, als erste Frau seit knapp 20 Jahren konnte sie dort 2010 Punkte holen. Bereits 2012 wurde Wolff Testfahrerin für das Formel 1-Team von Williams (heute Team Williams Martini Racing), wo sie bis heute als Test- und Entwicklungsfahrerin tätig ist.

Welche Herausforderungen ergeben sich aus der Rolle als eine der wenigen Frauen in einer Männerdomäne? Ist es im beruflichen Alltag Thema für Sie, dass Sie als Frau in einer „Männerwelt" arbeiten?

Nein, das ist für mich kein Thema. Viele sagen, dass die Formel 1 eine Männerwelt ist, aber das sehe ich nicht so. Mein Chef ist eine Frau (Claire Williams) und ich arbeite mit vielen Frauen im Team zusammen. Ich habe nie das Gefühl, dass ich nur mit Männern unterwegs bin. Vielleicht muss man sich als Frau den Respekt etwas härter erarbeiten, aber am Arbeitsplatz muss sich letztlich jeder Respekt verdienen. Aber wenn der Respekt vorhanden ist, ist das überhaupt kein Thema mehr. Ich merke auch nicht, dass Mitarbeiter zu meinen Teamkollegen Valtteri (Bottas) oder Felipe (Massa bzw. Nasr) anders sind als zu mir. Wir werden alle gleich behandelt.

Wurden Sie außerhalb Ihres Teams jemals mit Vorurteilen konfrontiert?

Das ist schwer zu sagen. Viele denken, es geht vor allem um viel Marketing und Sponsoren, die man mitbringt. Aber ich habe keinen großen persönlichen Sponsor. Es ist derzeit nicht einfach, einen großen Sponsor zu finden, deswegen bin ich sehr stolz, ein Teil von Williams Martini Racing zu sein - hier sind mit Williams und Martini zwei Familienunternehmen mit langer Geschichte zusammengekommen. Sicher ist es ein Vorteil, dass ich mehr Aufmerksamkeit für das bekomme, was ich mache - jeder ist daran interessiert, wie eine Frau in der Formel 1 fährt. Es gibt aber auch viele Leute, die denken, dass Frauen nicht in die Formel 1 gehören. Es gibt also beide Seiten. Aber ich habe immer gesagt, dass ich diesen Job nicht mache, um zu zeigen wie eine Frau in der Formel 1 fährt, sondern um zu zeigen, wie ich fahre. Ich will für mich selbst die beste Fahrerin sein, weil das Rennfahren meine Leidenschaft ist.

Welche Tipps haben Sie für andere Frauen für das berufliche Weiterkommen in männerdominierten Berufszweigen?

Ich bin der Meinung, dass Leistung für sich selbst spricht. Wenn man einen Job richtig gut macht, ist es egal, ob man ein Mann oder eine Frau ist. Die Leistung ist das Wichtigste. Man muss seine Leistung zeigen und deutlich machen, dass man gut genug für den Job ist. Und zweitens: Einfach selbstbewusst sein. In einen Raum kommen und wissen, dass man hierhin gehört, zu dieser Gruppe oder zu dieser Firma. Sich denken: Ich habe hart hierfür gearbeitet und ich gehöre hierher, ich habe es verdient und bin stolz darauf. Und niemals darauf achten, was die anderen von einem denken.

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Warum sind bzw. waren bislang so wenige Frauen in der Formel 1 aktiv?

Das hat meiner Meinung nach zwei Gründe. Erstens gibt es keine Vorbilder für Mädchen, die ein Rennen ansehen und vielleicht Interesse an der Formel 1 haben. Niemand lebt ihnen vor, was möglich wäre. Zweitens: Wenn nicht genügend Mädchen mit dem Kartfahren beginnen, können sie sich nicht bis nach oben weiterentwickeln. Aber wir sehen derzeit immer mehr Frauen in der Formel 1 und diese sind wegen ihrer Leistung in diesem Beruf. Wir hatten nie eine Quote, diese Entwicklung ist von selbst passiert. Ich bin mir sicher, dass es in Zukunft weiter in diese Richtung geht.

Der Erfolg in der Formel 1 hängt nicht nur am Fahrer. Wie gehen Sie mit Rückschlägen um, etwa wenn es ein technisches Problem mit dem Auto gibt?

Im Team haben wir über 580 Leute, die für zwei Rennautos verantwortlich sind - das ist ein riesiges Team. Ich bin sehr stolz, ein Teil davon zu sein und ich habe vollstes Vertrauen in mein Team. Aber es kann immer etwas passieren, so ist der Rennsport. Das sind wir aber gewohnt und wir wissen, dass wir nicht immer gewinnen können. Ich denke, man zeigt wie gut man ist, indem man zeigt, wie man mit den schwierigen Tagen umgeht. Einer der härtesten Tage für mich war das freie Training in Silverstone (Anm.: 4. Juli 2014). Ich habe mich so sehr auf diesen Tag gefreut, mich lange darauf vorbereitet und genau gewusst, wann ich was tun muss - und dann war es nach einer Runde vorbei. Man darf den Kopf nicht hängen lassen und immer vorwärts schauen. Mein Mantra ist: Bleib entschlossen und gib niemals auf. Ich habe mir gesagt, es ist vorbei und ich konzentriere mich auf das freie Training in Hockenheim, zwei Wochen später. Ich hatte großes Glück, denn ich habe dort noch eine Chance.

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Was wünschen Sie sich für die nächste Saison?

Ich setze mir immer Ziele und mein jetziges Ziel ist es, ein erfolgreiches freies Training in Hockenheim zu absolvieren. Ich muss Leistung bringen und zeigen, was ich kann, sonst wird es nächstes Jahr schwierig. Mein großes Ziel ist es, ein Rennen in der Formel 1 zu fahren - ich weiß, dass das nicht leicht wird.

Gibt es eine andere Sportart, bei der Sie aktiv mitfiebern?

Ich interessiere mich für viele Sportarten, aber es gibt keine bei der ich sagen würde, das ist meine zweitliebste nach dem Motorsport. Ich schaue Sport auch gerne an, weil ich jeden Sportler bewundere, der es in seinem Bereich ganz nach oben schafft, man kann bei jedem etwas lernen.

 

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