Fotos gelöscht: Möchte Instagram keine Narben sehen?

Narben haben auf Instagram offenbar keinen Platz. Die Social Media Plattform löschte gleich mehrere Postings einer deutschen Nutzerin, die sich für Sensibilierung von mentaler Gesundheit einsetzte. Instagram spricht in einer Stellungnahme von einem "Versehen" - und hat die Inhalte laut eigenen Angaben wiederhergestellt.

@whereiscoffee

Instagram hat es schon wieder getan. Die Foto-Plattform löschte vor einigen Tagen erneut "sensible" Inhalte von seiner Plattform und diesmal trifft es ausgerechnet eine Nutzerin, die über psychische Gesundheit offen auf der Plattform spricht.

Saskia von @whereiscoffee_ teilt auf ihrem Instagram-Profil regelmäßig Fotos, die ihre Narben zeigen. Heilende Narben, die Erinnerungen an Zeiten sind, als es Saskia nicht so gut ging. Die Instagrammerin spricht offen über das Thema und möchte anderen NutzerInnen Mut machen - und die Angst, über psychische Krankheiten zu reden, beenden.

Strengere Richtlinien für problematische Inhalte

Schon im Februar hatte der Geschäftsführer Adam Mosseri angekündigt "keinen Content, der etwas mit Selbstverletzung zu tun haben könnte, mehr zu tolerieren – auch keinerlei abgeheilte Narben". Der Hintergrund ist ein ernster: Instagram hat seit Längerem Probleme mit Inhalten, die Suizid und Selbstverletzung glorifizieren und dadurch für andere NutzerInnen ein Risiko darstellen. Die Antwort darauf ist ein sehr restriktiver Umgang mit Inhalten dieser Art. Getroffen werden durch diese Richtlinien scheinbar auch jene UserInnen, die Opfern von psychischen Krankheiten helfen wollen. NutzerInnen wie Saskia von @whereiscoffee_. "Klar können Narben oder Wunden triggern, aber man kann das nicht verallgemeinern. Ich habe schon so oft von Menschen das Feedback bekommen, dass ihnen mein Account geholfen hat und es wäre schade, wenn das in Zukunft wegfällt", so die Leipzigerin vor einigen Monaten im WIENERIN-Interview.

Im Februar beteuerte Mosseri noch, dass man Inhalte mit Narben (dazu zählen auch Narben von Operationen nach Unfällen oder Kaiserschnitten) nicht stigmatisieren wolle: "Wir werden diese Art von Content aber nicht gänzlich von Instagram löschen, weil wir Menschen, die damit einen Hilfeschrei äußern, nicht stigmatisieren oder isolieren möchten." Man wolle nur "mehr machen, um die verletzlichsten Menschen auf der Plattform zu schützen“, sagte Mosseri - legte aber schon damals nicht konkret fest, wie dieser Schutz funktionieren werde.

Wer moderiert Inhalte - und wie?

Und genau hier liegt das Problem begraben: Instagram möchte seine NutzerInnen zum einen vor schädlichen Inhalten schützen (was auch wichtig ist), andererseits aber NutzerInnen, die in Ordnung sind, nicht stigmatisieren. Das bedeutet, dass die Fotoplattform Inhalte bewerten und entsprechend kontextuell einordnen muss. Bei der Masse an Inhalten, die täglich auf der Plattform gepostet werden, braucht es dafür sehr viele Menschen, die geschult sind, diese Einordnung vorzunehmen. Eine Einordnung, die auch mit sich bringt, mit Inhalten konfrontiert zu werden, die keine Pflanzen, schöne Landschaften oder perfekte Körper sind. Inhalte, die traumatisieren.

Facebook, der Mutterkonzern von Instagram, zeigte in der Vergangenheit mehrmals, dass man diesen kontextuellen Anforderungen kaum gewachsen ist. Die Dokumentation "The Cleaners" zeigte etwa, dass viele jener Personen, so genannte Content Moderatoren, die über den Verbleib solcher Inhalte entscheiden, in Ländern wie den Philippinen sitzen, wo sie für Facebook in Sub-Unternehmen Inhalte moderieren. Diese Unternehmen moderieren auch für Instagram.

Saskia hat jetzt den "perfekten" Account

Screenshot @whereiscoffee_

Die Konsequenz ist: sind Inhalte potenziell gefährlich, werden sie sicherheitshalber gelöscht, scheint es. Und zwar egal, ob es sich dabei um Aufrufe zum Suizid handelt oder um Beiträge, die zur Awareness mentaler Gesundheit beitragen. Nutzerin @whereiscoffee_ hat in den letzten Stunden diese fehlende Fähigkeit der kontextuellen Einordnung durch Instagram zu spüren bekommen: Viele jener Fotos, die ihre verheilten Narben zeigen, wurden von Instagram gelöscht. Andere wurden mit einem verschwommenen Filter als potenziell verstörender Inhalt zensiert. Nun sieht Saskias Instagram-Account aus wie jeder andere, norm-schöne Feed. Ein paar nette Pflänzchen, Interiorbilder und schöne, positive Selfies, auf denen Saskias Narben nicht zu sehen sind.

Saskia bestätigt gegenüber der WIENERIN, dass sie einige ihrer Bilder nun prophylaktisch archiviert hat, um zu verhindern, dass womöglich ihr ganzer Account ohne Vorwarnung einfach gelöscht wird. Ihr neuestes Foto (Titelbild) hat die Instagrammerin zur Sicherheit selbst zensiert. Und selbst dieses Foto wurde mittlerweile von Instagram mit einem extra Filter zusätzlich zensiert.

"Zunächst wurden immer mehr zensiert, ohne, dass mir irgendwie Bescheid gegeben wurde. (....) Ebenso wurden in den letzten Stunden insgesamt 6 Posts gelöscht, mit der Begründung, dass ich SVV [Selbstverletzendes Verhalten, Anm. d. Red.] verherrlichen würde", schildert Saskia das Vorgehen gegenüber der WIENERIN am Mittwochnachmittag.

Instagram spricht von einem "Versehen"

Nach einer Bitte um ein Pressestatement reagierte die PR-Agentur von Instagram am Donnerstag-Morgen auf die Vorwürfe und sprach gegenüber der WIENERIN von einem "Versehen". Das Instagram-Team arbeite "mit Hochdruck" an dem Fall, bei dem Inhalte "versehentlich gelöscht" wurden. Diese wären aber mittlerweile wieder hergestellt.

Das Foto eines Salats, auf dem kein bisschen Haut zu sehen war, wurde beispielsweise wieder kenntlich gemacht, wie ein Blick auf Saskias Instagram heute morgen beweist. Andere Inhalte sind dagegen weiterhin durch den Zensurfilter verborgen. Der Screenshot oben zeigt Saskias Profil am Mittwochnachmittag, bevor Instagram auf sein "Versehen" reagierte.

Ein Vorfall von vielen

Dass Instagram nach öffentlicher Debatte über heikle Löschungen diese wieder zurückzieht, ist nicht ungewöhnlich. Das haben einige Fälle in der Vergangenheit gezeigt. Einer der prominentesten Fälle ist die einstweilige Blockade des Hashtags #curvy (kurvig, Anm.). Dieser wurde nach heftigen Protesten im Netz wieder freigegeben, AktivistInnen sprachen damals von "Zensur".

In dem Bildband "Pics or it Didnt Happen" berichteten die KünstlerInnen Arvida Byström und Molly Soda über weitere fragwürdige Entscheidungen der Plattform über ihre Bildinhalte: Fotos seien gelöscht worden, manchmal Accounts von heute auf morgen stillgelegt. Ohne Begründung, weil es Instagram offenbar nicht passte (bzw. die Inhalte nicht den - weit auslegbaren - Richtlinien entsprachen). Von einem ähnlichen Vorgehen erzählt auch Toni Eisner gegenüber der WIENERIN, der mit seinem Account @omgitsanipple ebenfalls von Instagram gelöscht wurde. Er hatte mit seinem Konto darauf aufmerksam gemacht, dass bei Instagram weibliche Nippel zensiert werden und männliche nicht. Opfer von Löschungen haben in der Regel keine Möglichkeit gegen diese vorzugehen, ist der Inhalt einmal weg, erhalten betroffene NutzerInnen eine knappe Begründung über die Löschung - den Inhalt nach Beschwerde wiederherzustellen ist (in der Regel) nicht möglich. Die Masse an Menschen, die sich an eine Beschwerdeinstanz wenden würden, wäre für Instagram wahrscheinlich aber auch personell kaum zu stemmen.

Die Liste an Betroffenen könnte man wohl noch durch viele andere Beispiele fortführen. Oft mögen Löschungen durch Instagram berechtigt gewesen sein, manchmal waren sie es aber nicht. Und genau das ist das Problem: ein öffentlicher Diskurs über Normen, Stereotypen und sensible Inhalte wird vielfach unterbunden, weil Inhalte für das amerikanische Unternehmen zu heikel sind. Und in einer Welt, in der sich Kommunikation und Konsumation immer stärker auf diese Plattformen verlagert, könnte diese restriktive Haltung auch für unsere Gesellschaft irgendwann zum Problem werden.

 

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