Forscherin schreibt 270 Wikipedia Artikel über Frauen in der Wissenschaft

Die Forscherin Jess Wade hält alle bekannten Programme, die Mädchen für eine Karriere in der Wissenschaft begeistern sollen, für Unsinn und nimmt die Sache selbst in die Hand.

Es ist eine Mission, die Jess Wade hat: Jede Frau, die etwas Herausragendes in der Wissenschaft geleistet hat, soll die Anerkennung bekommen, die sie verdient. Im Internetzeitalter fängt das mit einem Wikipedia-Artikel an. Und die verfasst Wade nun im Eiltempo. "Ich habe etwa 270 Artikel im letzten Jahr geschrieben", erzählt sie in The Guardian. "Mein Ziel war einer pro Tag, aber manchmal hat es mich gepackt und ich hab drei geschrieben." Die junge Frau forscht als Post Doc im Bereich der Kunststoffelektronik im Blackett Labor des Imperial College London.

Mehr Mädchen in die Wissenschaft - ganz ohne dumme Sprüche

Als Doktoratsstudentin wurde Wade erst richtig bewusst, dass sie als Frau in der Wissenschaft einer Minderheit angehört - und dass das ihren persönlichen Arbeitsalltag beeinflusst. "Es ist schwierig, isoliert zu sein. Das gilt für alle unterrepräsentierten Gruppen. Gerade im Doktoratsstudium gibt es soviele Herausforderungen, die diese Isolation weiter verstärken. Wenn es niemanden gibt, mit dem man sich wirklich versteht, ist das hart." Wade engagierte sich in mehreren Programmen, um Mädchen für die Wissenschaft zu begeistern. Die Botschaften der Programme frustrierten sie aber zusehends: Die britische Institution of Engineering and Technology warb mit dem Negativslogan "9% sind nicht genug", die Europäische Kommission versuchte 2012 in ihrem Video "Science: it's a girl thing!" der Wissenschaft einen sexy Touch zu geben und lies junge Frauen auf einem Laufsteg stolzieren, während sie die chemische Zusammensetzung von Lippenstift entschlüsselten. "Es macht mich wahnsinnig, dass jemand auch nur für eine Sekunde denken könnte, das sowas irgendetwas ändert." Dabei hätten die Motivationsprogramme ein riesiges Budget: Wade schätzt, dass allein in Großbritannien 4 bis 5 Millionen Pfund jedes Jahr von Banken, Technikkonzernen und der Regierung gesponsert werden. "Soviel Energie, Enthusiasmus und Geld fließen in diese Initiativen, die Mädchen zur Wissenschaft bringen sollen. Aber keine davon ist evidenzbasiert und keine davon wirkt."

Forscherinnen sichtbar machen

Wade hat sich selbst damit auseinandergesetzt, was junge Mädchen tatsächlich anspricht. "Mir ist klar geworden, dass wir die Dinge nur von innen heraus ändern können. Mit Wikipedia kann man die Menschen wirklich erreichen und je mehr man über diese außergewöhnlichen Frauen liest, desto mehr inspirieren und motivieren ihre persönlichen Geschichten." Außerdem fokussiert sie ihre Arbeit auch auf Eltern und LehrerInnen und nicht bloß auf SchülerInnen. Und natürlich auch auf die Frauen, die dank Wade plötzlich im Internet der Allgemeinheit auftauchen: Professor Kim Cobb, eine us-amerikanische Klimaforscherin, die Korallen erforscht, Susan Goldberg, erste Chefredakteurin des National Geographic (die tatsächlich noch keinen Wikipedia-Eintrag hatte) oder Emma McCoy, die erste Mathematikprofessorin am Imperial College London sind nur drei der 270 neuen Einträge.

Wade nominiert außerdem Frauen für wissenschaftliche Preise und verteilt Bücher, die sich mit der Geschlechterungerechtigkeit in der Wissenschaft beschäftigen. Ihr Ziel: "Die Wissenschaft muss zu einem besseren Arbeitsplatz für alle werden, und das passiert, wenn wir die Beiträge dieser großartigen Frauen anerkennen. Dann kommen die zukünftigen Mädchen - und sie werden kommen! - in ein Arbeitsumfeld, das sie empowert."

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