Flucht ins Frauenhaus - aus Kindersicht

Britta* erzählt, wie die Flucht ins Frauenhaus für sie als Fünfjährige war. Einblicke in Kinderseelen und Tabubrüche, die wichtig sind.

Wenn ich heute an meinen Vater denke, tut er mir einfach nur leid. Er ist krank, er ist allein, hat keine Freunde. Er hat ein Scheißleben. Aber damals, als ich fünf Jahre alt war, da hatte ich schreckliche Angst. Um mich, meinen Bruder, aber vor allem um Mama." Britta* ist jetzt 27 Jahre alt, sie wählt ihre Worte genau und versucht, den Zorn in ihrer Stimme zu dämpfen. Sie war als Kind mehrfach im Frauenhaus, mit ihrem Bruder und ihrer Mutter. "Mein Bruder war es auch, der Mama dazu gedrängt hat. Denn er hat gesagt: 'Mama, bitte geh endlich, ich halte das nicht mehr aus!' Daraufhin schnappte sie uns und ging", erinnert sich Britta.

Ich habe Mitleid - Mitleid mit meinem schlagenden Vater

Was folgte, erlebte sie als schlimm und schön zugleich. Einerseits war sie der Gewalt des Vaters nicht mehr unmittelbar ausgeliefert, andererseits war die Angst groß, dass er jederzeit vor der Tür auftauchen könnte. Eine Angst, die man mit allen im Frauenhaus teilte:"Wann immer es an der Tür geläutet hat, fürchteten alle, dass genau ihr Mann da draußen stehen könnte. Denn die Stadt war klein und die Chance, gefunden zu werden, groß." Anonymität war lange Zeit wichtig für Frauenhäuser. Dieses Sich-verstecken-Können sollte Frauen und ihren Kindern Sicherheit geben. Doch in Zeiten von Social Media hat sich dieses Bedürfnis verändert -das findet zumindest Michaela Gosch, Leiterin des beiden steirischen Frauenhäuser. "Es geht nicht mehr darum, die Opfer zu verstecken, sondern um einen Schutzraum, in dem sie sich sicher fühlen können - und den Täter akzeptieren." Deswegen kann man in Graz in jedem Taxi "Bitte ins Frauenhaus" sagen und wird zuverlässig in die Fröhlichgasse 61 chauffiert. Das Frauenhaus in Graz bricht mit einigen Tabus - eines davon heißt eben Anonymität. Die Fassade ist aus Glas, das Entree erinnert ein bisschen an ein Hotel -trotzdem gibt es einen Schutzzaun, Kameras und vis-à-vis eine Polizeistation, die den nötigen Respekt ausstrahlt.

50 Plätze hat das Frauenhaus in Graz und ist damit das größte in ganz Österreich, maximal sechs Monate können Frauen mit ihren Kindern hier bleiben. Die offene Architektur wurde durch einen Umbau möglich, viele andere Neuerungen aber kamen aus dem Team und dem Bedürfnis, den Frauen und vor allem deren Kindern andere Möglichkeiten und Perspektiven zu bieten. Sie nicht nur abzuschotten, sondern ihnen auch die Chance auf einen echten Neuanfang zu geben. Als Britta im Frauenhaus war -also vor mehr als 20 Jahren -, ging es noch mehr um Beschäftigung und darum, Kinder zu beruhigen. Man wusste wohl auch noch nicht so viel darüber, was alles in Kinderköpfen und Kinderherzen vor sich geht, wenn es Gewalt in der Familie gibt - also genau dort, wo es sich sicher und gut anfühlen soll. "Niemand hat uns erklärt, was wir dort überhaupt sollen, ob das unser neuer Wohnort ist oder nicht. Ich wusste nur, dass das eine Flucht war, aber nicht, wie es jetzt weitergeht. Ich kann mich erinnern, dass ich es auch als Kind verstehen wollte. Immerhin war ich ja in den Situationen zu Hause auch dabei und habe verstanden, dass wir wegmussten. Ich finde, dass Kinder das Recht haben, zu erfahren, was los ist. Ich war fünf Jahre, also alt genug", reflektiert Britta.

"Kinder, die im Frauenhaus waren, sind stark gefährdet, später wieder dort zu landen"

Heute sind die Zugänge anders, man versucht, die Kinder psychologisch dort abzuholen, wo sie gerade stehen, und setzt erst einmal auf Beziehungsarbeit. Diese wird im Grazer Frauenhaus unter anderem von einem Mann geleistet. Faraz Leilabadi, ein junger Typ mit Baseballkappe und Hipsterbart, zeigt ganz selbstverständlich, dass die vielfach zu Hause gelernte Kombination "Mann und Gewalt" kein Naturgesetz sein muss. Durch Faraz soll den verunsicherten Kindern eine Alternative gezeigt werden. "Kinder sind nicht passive Mitbetroffene, denn vielfach sind sie es ja, die den Ausschlag geben, damit die Frau geht. Was ich mache, wenn Kinder kommen, ist, dass ich auf Augenhöhe auf sie zugehe. Egal, ob sie schaukeln, Fußball spielen oder vielleicht tatsächlich schon reden wollen. Es geht darum, dass sie spüren, dass ich jetzt in ihrem Team bin, auf ihrer Seite", schildert Faraz. Diese Parteilichkeit ist für ein späteres Vertrauensverhältnis wichtig, denn was Kinder neben ihrer Angst beschäftigt, ist die Frage nach ihrer eigenen Schuld. Sonja Gruber, Psychologin im Frauenhaus, kennt diese Mechanismen: "Kinder fühlen sich immer mit schuldig:'Hätte ich besser gelernt, wäre Papa nicht wütend geworden!' Oder: 'Hätte ich besser aufgepasst, wäre mir die Fernbedienung nicht runtergefallen, dann wäre das alles nicht passiert!' Genau solche Sätze haben Kinder im Kopf und es ist essenziell, ihnen immer wieder zu vermitteln, dass es für Gewalt keine Entschuldigung gibt." Genau an diesem Punkt tritt Faraz wieder in Erscheinung, denn als Mann verkörpert er für fast alle Kinder im Frauenhaus den gelernten Ursprung von Gewalt. "Es gibt Buben, die sagen:,Nein, ich will nicht so werden wie mein Vater!' Aber auch, wenn sie es so meinen, fällt die Abgrenzung schwer. Sich gegen seine eigene Geschichte zu stellen -bei Buben auch gegen das eigene Geschlecht, gegen ihr Role Model -, ist hart und sorgt immer für Ambivalenzen. Es ist ja auch trotzdem der Vater", erzählt Faraz. Hier bietet sich der Betreuer als positive Projektionsfläche an, eben als Alternative. Michaela Gosch formuliert es so: "Ich bin eine Verfechterin der Resilienztheorie. Ich bin mir sicher, dass alles, was die Frauen und ihre Kinder in der Zeit bei uns erfahren, sich einprägt und sie in anderen Situationen darauf zurückgreifen können. Sie können lernen, dass man Konflikte auch anders lösen kann, dass Zuhören vieles verändert, Männer nicht gewalttätig sein müssen und dass Gewalt andererseits eine dynamische Spirale ist, an der auch die Frauen selbst beteiligt sind." Noch so ein Tabubruch, der im ersten Augenblick fast verstörend klingt. Will man aus Opfern hier Mittäterinnen machen? Nein, die Idee ist, ihnen ein Werkzeug zur Gestaltung in die Hand zu geben. Gerade auch, weil sich Gewalt vererbt und Kinder, die mit ihren Müttern einmal im Frauenhaus waren, leider stark gefährdet sind, später selbst wieder dort zu landen. "Ausschlaggebend für dieses Projekt war die Tatsache, dass Frauen bis zu fünfmal zu uns ins Frauenhaus kommen, teilweise von unterschiedlichen Partnern, und wir uns die Frage gestellt haben, wo denn dieser Kreislauf beginnt; gerade, wenn man weiß, dass sich Gewalt vererbt", schildert Gosch die Anfänge des Projektes Gewalt erkennen, Gewalt vermeiden -und auch die Scheu, die man hatte, hier hinzuschauen. "Das sind doch Opfer - man darf sie nicht beteiligen! Das hat uns lange abgehalten, das Thema anzugehen, aber es geht darum, zu schauen, was Frauen und deren Kinder brauchen, um langfristig eine Veränderung zu erreichen", so Gosch.

Um das Vertrauensverhältnis im Haus nicht zu belasten, arbeitet man für dieses Projekt mit dem Verein Neustart zusammen. "Es geht um Selbstermächtigung, denn wenn ich immer wieder Opfer werde, dann habe ich wahrscheinlich Schwierigkeiten, meine eigenen Grenzen wahrzunehmen. Und genau da setzt die Gruppe an - beim eigenen Wahrnehmen, beim Neinsagen, aber auch beim Jasagen. Was tut mir gut, was will ich denn überhaupt, was mag ich aushalten, was aber nicht?", skizziert Genderwissenschaftlerin Kathrin Jarz, die das Projekt seitens des Frauenhauses leitet. Gemacht werden Übungen mit Körpergrenzen, aber eben auch Gespräche, in denen sich Klientinnen austauschen können, welche Formen von Gewalt überhaupt als solche empfunden werden. Psychoedukation nennt man das. "Auch wenn mein Mann mir ständig die Bankomatkarte wegnimmt, ist das Gewalt, ökonomische eben. In den Übungen lernen Frauen, wie sie über das Erkennen dieser Gewaltformen und ihrer eigenen Reaktion ein Werkzeug bekommen können, die Dynamik von Gewalt in Zukunft zu durchbrechen. Wenn das gelingt, sind sie nicht mehr nur Opfer, sondern haben eine Gestaltungsmöglichkeit -und damit plötzlich auch Stärke", so Jarz.

Wie sehr sich Gewalterfahrungen der Mutter auf das Leben der Kinder auswirken, spürt auch Britta heute noch. Und das, obwohl sie sich selbst als starke, unabhängige und sichere Person erlebt und beschreibt. "Trotzdem tue ich mir wirklich schwer, eine Beziehung mit einem Mann einzugehen. Vertrauen aufzubauen und das Gefühl von Sicherheit zu haben ist mir einerseits total wichtig, gleichzeitig ist es schwer für mich, zu vertrauen, dass sich so etwas entwickelt." Sich einem Menschen ganz vorbehaltlos zu öffnen wird also für Britta immer eine Herausforderung sein, aber sie hat in den letzten Jahren gelernt, auf sich und ihr Ja oder Nein zu achten. Geholfen hat ihr dabei übrigens ihre Mutter, die nach ihrer eigenen Zeit im Frauenhaus noch einmal Psychologie studierte und selbst in Frauenhäusern gearbeitet hat. Wie das gelang?"Meine Mutter hat sich aus der Spirale befreit, hat ein neues Leben begonnen, und ich konnte das, was mich in der Zeit beschäftigt hat, mit ihr immer wieder besprechen. Ich finde, sie ist ein gutes Role Model für mich. Und daher kann ich heute auch nachsichtig auf meinen Vater schauen. Ich habe Mitleid - Mitleid mit meinem schlagenden Vater."

Das Frauenhaus in Graz wurde 1981 eröffnet, es war nach Wien das zweite Haus dieser Art in Österreich. Ein Umbau 2016 ermöglichte räumlich, aber auch inhaltlich viele Neuerungen. Seit 1. Dezember 2016 arbeitet ein männlicher Betreuer fix in dem Haus, Mütter dürfen ihre Söhne bis ins Alter von 18 Jahren mitnehmen und müssen Buben mit über 14 Jahren nicht mehr daheim zurücklassen. Das Maskottchen des Frauenhauses heißt Sam, ist ein Stoffkoalabär und wird jedem Kind geschenkt, das zum ersten Mal ins Haus kommt. Über ein Booklet erklärt Sam, was ein Frauenhaus ist, warum Kinder hier sicher sind und dass man alles fragen kann. Auch online werden Kinder ermutigt, Gewalt in der Familie zu erkennen und sich zu melden.

Die steirischen Frauenhäuser (es gibt auch noch eines in Kapfenberg) sind Mitglied im Zusammenschluss Österreichischer Frauenhäuser (ZÖF) - einem Verein, der 2013 gegründet wurde. www.frauenhaeuser.at

Dieser Text erschien erstmals im Juni 2018.

 

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