Flex Sex: Partnertausch

Plötzlich … verliebt. Bloß: Was tun, wenn die neue Liebe kein Mann ist, sondern eine Frau? Hat man sich dann sein ganzes Leben was vorgemacht? Drei Frauen erzählen, wie sie ihre fließende Sexualität entdeckt haben – und wie ihre Freunde, Kinder und sie selbst damit umgehen.

„Ich liebe meinen Mann – aber ich träume von Sex mit Frauen.“

Lange (ver-)zweifelte Simone Klein an ihrer sexuellen Orientierung. Hetero, lesbisch oder bi – sie war alles und dann wieder nichts davon. Erst heute kann die 39-Jährige ihre erotischen Träume einordnen.

Gäbe es einen Soundtrack für das eigene Liebesleben, der von Simone Klein (Name von der Red. geändert) hätte allen in den Ohren wehgetan. Lange Zeit tönte für sie aus der einen Lautsprecherbox I love men. What can I do? von Eartha Kitt. Aus der anderen dröhnte Katy Perrys I kissed a girl and I liked it. So, als hätte der Liebesgott versehentlich die Regler an beiden Plattentellern gleichzeitig aufgedreht. „Ich war total verwirrt: Denn obwohl ich seit Jahren glücklich verheiratet war und Mutter von zwei Kindern bin, hatte ich mich in eine Kollegin verschaut“, erzählt die heute 39-Jährige. Zwei Jahre lang träumte sie davon, mit ihr eine Affäre anzufangen. Und obwohl es nie zu mehr kam als einer freundschaftlichen Umarmung während einer Weihnachtsfeier, fühlte sie sich jeden Tag schuldig. „Nicht nur meinem Mann, sondern auch mir selbst gegenüber“, erzählt Simone. „Meine Gefühle für diese Frau stellten alles infrage, was ich bislang über mich selbst dachte: nämlich dass ich auf Männer stehe.“

Ein guter Mix.

Irgendwann wurde die Kollegin in eine andere Stadt versetzt. Simone sah sie nie wieder. Vergessen konnte sie die Frau trotzdem nicht, die Begegnung hatte ihr Selbstbild in den Grundfesten erschüttert. „Bin ich lesbisch? Oder bi?“, fragte sich Simone. Und wusste trotzdem tief in ihrem Inneren, dass nichts von beidem zutraf. Weil sie nur diese eine Frau interessiert hatte und sonst keine – auch nicht davor oder danach. Wenn aber weder Homo- noch Bisexualität auf sie zutraf, was war dann los? „Ich habe sogar meine Ehe infrage gestellt, obwohl ich meinen Mann liebte und zwischen uns alles gut lief. Auch im Bett.“

Heute kann Simone entspannt dem Soundtrack ihres Liebeslebens lauschen: Er klingt wie ein perfekt abgemischtes Medley. Und das verdankt sie den Forschungen von Lisa Diamond, die 2008 im Buch "SexualFluidity: Understanding Women’s Love and Desire" veröffentlicht wurden. Darin entwirft die Psychologin und Genderforscherin ein neues Bild weiblicher Sexualität, die ganz anders funktioniert als bislang angenommen. Es ist ein Bild, in dem Simone sich nach Jahren des Zweifelns endlich wiederfindet: „Es war befreiend zu lesen, dass Frauen sich anders verlieben als Männer. Wir fühlen uns von Persönlichkeit oder Emotionalität sexuell angezogen, das Geschlecht spielt dabei keine so primäre Rolle wie für Männer. Genau das hatte ich mit meiner Kollegin erlebt.“

Es war Liebe, nicht Verwirrung.

Mut, ihre Gefühle anzunehmen, machte Simone auch ein Artikel über US-Schauspielerin Anne Heche. Diese hatte 1997 Steve Martin verlassen, um eine dreijährige Beziehung mit Komikerin Ellen DeGeneres einzugehen. Danach heiratete sie wieder einen Mann, bekam ein Kind, ließ sich scheiden. Auch Heches aktueller Partner ist männlich. Über ihre Frauenbeziehung sagt die Schauspielerin: „Ich war von Ellens Charme hingerissen. Es war keine, Phase der Verwirrung‘, sondern Liebe.“

Für Simone war es anfangs schwer, die Schwärmerei für ihre Kollegin ähnlich positiv zu sehen. Doch inzwischen hilft es ihr, ihre Gefühle einordnen zu können. „Für mich war es beruhigend zu lesen, dass es vielen Frauen genauso geht wie mir. Und Frauen, die sich zu einer anderen Frau hingezogen fühlen, nicht automatisch lesbisch sind“, meint sie. Dass sie sich möglicherweise wieder in eine Frau verlieben könnte, macht ihr ein wenig Angst. „Aber von einem Mann ginge dieselbe, Gefahr‘ für meine Ehe aus. Niemand ist davor gefeit, sich fremd zu verlieben.“

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„Was werden bloß die Kinder denken? Ich rückte erst mit der Sprache raus, als sie erwachsen waren.“

Sabine Gregori lebte 15 Jahre mit Johannes zusammen, dem Vater ihrer drei Kinder. Als er bei einem Verkehrsunfall ums Leben kam, suchte sie nach einer neuen Liebe – und fand sie in den Armen ihrer Nachbarin. Ein Happy End?

Nein, in meiner Ehe habe ich nichts vermisst. Weder emotional noch sexuell“, sagt Sabine. „Johannes war ein guter Mann und ich bereue die gemeinsame Zeit nicht – allein schon wegen der drei wunderbaren Kinder, die wir haben.“ Dass sie plötzlich mit Anita zusammenlebte, darüber war die 47-Jährige selbst am meisten überrascht. Nie hätte sie gedacht, dass sie sich mal in eine Frau verlieben würde. Doch dann war da dieser Grillabend vor fünf Jahren …

Sabine hatte sich eigentlich schon damit abgefunden, allein zu bleiben. Ihr Mann war im Jahr 2000 bei einem Verkehrsunfall getötet worden. Sie sehnte sich nach einem Partner, hatte nach einer langen Trauerzeit auch wieder ein paar Rendezvous. „Aber es war nie der Richtige dabei. Es fand sich keiner, mit dem ich eine tiefe emotionale Bindung hätte eingehen können.“ An besagtem Sommerabend aber hätte es dann „Boom!“ und ihr Herz einen Sprung gemacht – und zwar genau in dem Moment, in dem sie ihre langjährige Nachbarin in diesem roten Kleid sah. Anita kam auf Sabine zu, hatte die Arme ausgebreitet, zur freundschaftlichen Umarmung. „Da wusste ich: Ich möchte den Rest meines Lebens mit dieser Frau verbringen.“

Anfangs reagierte Anita, obwohl gerade Single und seit Jahren bekennend bisexuell, ablehnend auf die Avancen. Sie wollte sogar den Kontakt zu Sabine abbrechen. Diese war gekränkt, konnte Anita aber irgendwie verstehen: „Sie wollte mich zuerst nicht ernst nehmen. Kein Wunder, schließlich hatte sie mich jahrelang als Ehefrau und Mutter erlebt.“ Eines Nachmittags jedoch marschierte sie mit einem selbstgebackenen Kuchen rüber. Und aus dem Kaffeeplausch wurde Sex. „Es war wunderbar“, erzählt Sabine. „Ich kann mich nicht erinnern, dass ich jemals einem anderen Menschen so nah war.“

Eine und sonst keine.

Nach diesem Nachmittag trafen sich die beiden Frauen ein- bis zweimal die Woche – immer heimlich, damit die Kinder nichts mitkriegten. Für Sabine eine harte Zeit: „Unsere Liebe zu verstecken, machte sie klein. Es wirkte so, als würden wir uns dafür schämen. Dabei war es das Beste, was mir je passiert ist.“

Trotzdem traute sie sich nicht, ihrem Nachwuchs die neue Beziehung zu „beichten“. Ihr Sohn war damals 15, ihre Tochter 17. Sabine beschloss, noch ein, zwei Jahre mit ihrem Coming-out zu warten. Was sich im Nachhinein als völlig unnötig herausstellte. Als sie endlich mit der Wahrheit herausrückte, reagierte ihr Nachwuchs ganz anders als gedacht: „Sie nahmen mich in den Arm und sagten:, Mensch Mama, endlich.‘ Sie waren einfach froh für mich, dass ich wieder mit beiden Beinen im Lieben stand. Es spielte keine Rolle für sie, dass Anita eine Frau war.“

Happy End also? Nicht ganz. Nach einem Jahr unter einem Dach kam die Trennung. Und sie ging von Anita aus. „Sie sagte, sie wolle noch ein Baby. Und diesen Wunsch aufzugeben, wäre ein zu hoher Preis für unsere Liebe.“

Mittlerweile hat Anita einen Sohn geboren. Sie lebt in einer glücklichen Beziehung mit einem Mann, die perfekte kleine Familie. Der Kontakt zu Sabine ist trotz allem nicht abgebrochen. Anita schaut ab und zu gern auf einen Kaffee bei Sabine vorbei – zum Tratschen. „Sie erzählt mir dann oft von Frauen, die sie mir gern vorstellen würde“, lacht Sabine. „Doch ich weiß: Sie war und ist die Einzige, mit der ich mir eine lesbische Beziehung vorstellen kann.“

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„Meine Freunde behaupten, ich wäre eine Lesbe und hätte einfach Angst vor einem Coming-out.“

Erst war sie fünf Jahre lang verheiratet. Jetzt lebt Martha Schmidtbauer mit einer Frau zusammen. Ihr Umfeld ist verwirrt. Sie nicht (mehr).

Mir ist es egal, ob Mann oder Frau. Hauptsache wir passen zueinander“, bringt Martha ihr Beziehungscredo auf den Punkt. „Mit wem ich zusammen komme und in wen ich mich verliebe, entscheidet eigentlich immer der Umstand, wen ich gerade treffe.“ Klingt unkompliziert? Ist es aber in der Realität nicht. Denn auch wenn die 34-Jährige gut damit klarkommt: Ihr Umfeld und ihre Partner tun das oft nicht.

Verkappte Lesbe?

Viele sehen noch immer die Martha, auf deren Hochzeit sie mal waren. Martha, die beim Medizinstudium in den USA Dean kennenlernte und ihn ihren Freunden als „absoluten Traummann“ vorstellte. Die Ehe hielt fünf Jahre. „Ich dachte eigentlich, wir trennen uns, weil wir zu verschiedene Vorstellungen vom Leben haben. Ich wollte zurück nach Österreich, um in der Nähe meiner Eltern zu sein. Dean aber hat immer davon geredet, mit "Ärzte ohne Grenzen" in Krisengebiete zu gehen.“ Dass der Scheidungsgrund ein ganz anderer war, zumindest in Deans Augen, wurde Martha erst spät bewusst: „Mein Mann hat mir über seinen Anwalt ausrichten lassen, er könne nicht länger mit einer, verkappten Lesbe‘ zusammen sein.“

Konkurrenzkampf.

Martha war baff. Ja, sie hatte während ihrer Studentenzeit nicht nur mit Männern, sondern auch mit Frauen Affären gehabt. Doch dass Dean damit später ein Problem haben könnte …? Wobei: „Rückblickend hätte ich vielleicht Anzeichen erkennen können“, gibt die junge Ärztin zu. „Gerade in der Anfangszeit unserer Beziehung hat Dean auf Partys seltsam reagiert, wenn ich mit einer anderen Frau über Männer gescherzt habe. Seine Stimmung ist dann schnell gekippt und wir mussten nach Hause.“

Damals attestierte sie Dean ein Macho-Gen. Oder dass ihm die Lästerei à la "Sex And The City" auf die Nerven ging. Mittlerweile erklärt sie es sich damit, dass ihr Liebster extrem verunsichert gewesen sein muss. „Er hat die Frauen wahrscheinlich als Bedrohung für die Beziehung gesehen. Er muss Angst gehabt haben, dass sie mir etwas geben könnten, was er nicht hat. Wenn ich mich mit anderen Männern unterhalten habe, hat er nämlich nie eifersüchtig reagiert. Mit ihnen konnte er sich messen und im Vergleich gut abschneiden.“

Ich liebe Menschen.

Seit drei Jahren ist Martha mittlerweile mit Karin zusammen. Die beiden haben ein Haus gemietet, das sie renovieren wollen. Ob sie darin gemeinsam alt werden? „Keine Ahnung“, sagt Martha. „Ich kann nicht hellsehen. Eine Garantie für eine lange, glückliche Beziehung gibt es nicht – egal, mit wem du lebst und wen du liebst.“

Gekracht hat es zwischen den Frauen schon des Öfteren. Marthas Lebensgefährtin – eine bekennende Lesbe, die sich mit 17 outete – hat oft gedrängt: „Was bist du denn jetzt? Hetero, homo oder bi?“ Eine Antwort darauf hatte Martha lange nicht. Jedenfalls keine, mit der Karin oder sie selbst sich zufrieden gegeben hätte: „Lesbe? Hetero? Ich hab mich wie ein Versager gefühlt, weil ich weder das eine noch das andere konsequent gelebt habe. Und bisexuell traf es halt auch nicht, weil ich nicht von mir sagen würde, dass ich Frauen UND Männer liebe. Ich liebe immer nur meinen aktuellen Partner und bei dem schaue ich auf andere Dinge als das Geschlecht.“

Am liebsten würde sich Martha als „heterosexuelle Frau, die auch mit Frauen schläft“ bezeichnen. „Dafür ernte ich von meinen Freunden und meiner Familie aber bestenfalls ein, Ja, schon klar. Du hast halt Angst vor einem Coming-out‘.“ Dass selbst ihre konservativen Eltern, die sich Enkelkinder wünschen, ihre Lebensgefährtin akzeptiert haben, freut die 34-Jährige zwar, doch hat sie oft das Gefühl, es wäre allen lieber, sie würde sich als Lesbe outen. „Dann könnten sie mich endlich geistig als, eingeordnet‘ abhaken.“

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