Finde die Göttin in dir!

Das verspricht ein Workshop der Wiener Hexe Margit Böhmer. Marion Genetti hat den Selbstversuch gewagt. Und wurde auf einem Hochplateau tatsächlich fündig.

Weihrauch steigt in meine Nase. Mit Mühe kann ich den Hustenreiz unterdrücken. „Reiß dich zusammen“, schießt es mir durch den Kopf. „Nur kein falscher Laut jetzt.“ Womöglich bringt ein Räusperer Margit Böhmer noch aus dem Konzept. Ich war noch nie bei einer Hexe. Man weiß ja nie. „Du wirst gereinigt von allen negativen Dingen, die in deiner Vergangenheit und in deiner Zukunft liegen“, flüstert sie, während ich mit geschlossenen Augen in ihrer Praxis rumstehe und dabei von ihr mit einer rauchenden Stielpfanne umrundet werde. Warum ich den Hokuspokus mitmache? Weil ich die Göttin in mir finden will. So verspricht es zumindest das Workshop-Programm von Margit Böhmer, die mit ihrem schwarzen Pagenkopf, den dunkelgeschminkten Augen und den rotumrandeten Lippen zumindest rein optisch meinem Bild einer modernen Hexe entspricht.

Eine ist keine.
Die EINE Göttin gibt es gar nicht, werde ich gleich zu Beginn von Margit, die auch Kartenlegerin und diplomierte Astrologin ist, aufgeklärt. Im Prinzip gäbe es Tausende. Nicht nur die Griechen und Römer, auch alle anderen Kulturen würden dem Göttinnen-Kult frönen. Je nachdem, was ansteht – es gibt für alles eine Göttin. Braucht’s zum Beispiel mehr Durchsetzungskraft, tut man gut, Artemis um Unterstützung zu bitten. Bei schwierigen Entscheidungen hilft angeblich Hekathe weiter. Und bei Liebes-kummer wendet man sich, eh klar, an Aphrodite. „Ich rufe die Göttinnen-Energie, dass sie sich dir offenbahrt, dich nährt, dich stärkt und dir Führung schenkt“, murmelt die Hexe jetzt und stellt die Pfanne zur Seite.Während ich mich frage: Wie bitte soll das funktionieren? Unbeirrt von meiner Skepsis schiebt mich die 45-Jährige zu ihrem Schreibtisch. Ich setze mich auf einen Stuhl, während sie auf dem mächtigen Thron gegenüber Platz nimmt und erklärt: Welche Göttin in der aktuellen Phase meines Lebens bei einem bewussten oder unbewussten Problem weiterhelfen würde, könnten die Karten verraten. Intuitiv, versichert Margit Böhmer, werde ich die richtige ziehen. 54 Karten – eine für jede Woche im Jahr – hat sie verdeckt vor mir aufgefächert. Göttinnen Geflüster steht auf der Verpackung, aus der sie sie genommen hat. Kein Hokuspokus, keine uralten, zerfledderten Karten, sondern nur welche, die es im Buchhandel inklusive Buch zu kaufen gibt? Na ja, was soll’s: Ich streiche über die Karten, lasse mir Zeit. Vielleicht bringt meine Wahl ja mein Leben ins Wanken, wirft neue Fragen auf, beantwortet alte?

Maggie’s Hexentruhe, Wassergasse 10/13, 1030 Wien, Tel.: 01/941 09 88

Web: www.hexentruhe.at

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Die Göttin, die ich schließlich ziehe, trägt ein feuerrotes Kleid. Sie schaut weise und gelassen, trotz der neun Wirbelstürme, die um sie herum toben. Es ist Oya, die Yoruba- Göttin des Wetters. „Sie ist eine von der mächtigen Sorte“, sagt Böhmer. Oya stehe für weibliche Führungskraft, bezwingenden Charme und Wandlung.

Kehr dein Leben aus!
Na bitte – Führungskraft und Charme, damit kann man ja arbeiten. Das Göttinnen-Buch meint dazu: „Hast du dein Leben so perfekt eingerichtet, dass für neue Möglichkeiten kein Platz übrig ist? Jetzt ist die Zeit, den Besen zu schwingen und aufzukehren. Um auf deinem Weg zur Ganzheit weiterzukommen, musst du den Wandel zu einem Teil deines Lebens machen. Wenn du dich dafür entscheidest, einfach mit dem Wechsel zu tanzen, wird alles leichter.“ Aha. Margit Böhmer springt erklärend ein: „Oya gibt die Kraft und den Mut, alte Muster loszulassen.“ Erwischt! Denn wenn ich ehrlich bin: Bei aller Abenteuerlust habe ich tatsächlich viel Respekt vor Neuem. „Es gibt ein Ritual“, sagt die Hexe verheißungsvoll, „es nennt sich Bündnis mit der Veränderung. Aber man muss sich die Sache gut überlegen. Sich mit dieser kraftvollen Göttin in Verbindung zu setzen, könnte einiges ins Wanken bringen.“

Erscheinung am Hochplateau.
Wo ich schon mal da bin, will ich’s auch wissen. Also los. „Setz dich gerade hin“, sagt Margit Böhmer. „Schließe die Augen, atme tief ein und langsam wieder aus. Visualisiere beim Ausatmen, wie du einen Weg entlanggehst. Es ist ein wunderschöner Tag, gerade richtig für einen Spaziergang. Der Weg führt hinauf und hinab. Du folgst ihm. Nun wird der Weg steiler. Immer weiter nach oben. Schließlich musst du klettern. Endlich bist du oben und ziehst dich hinauf auf ein gewaltiges Plateau. Du bist auf der Ebene der Vision angekommen. Du spürst den angenehm kühlenden Wind. Die klare Luft. Hier siehst du deutlich, was du erkennen musst. Lass nun die Bilder in dir aufziehen. Du rufst Oya und sie kommt. Sie hüllt dich in eine kraftvolle Umarmung. Frag sie: Was kann ich machen, damit die Veränderung zu meinem Verbündeten wird? Stell dir die Antwort vor. Und dann bedankst du dich bei Oya. Sie umarmt dich erneut und ist wieder verschwunden. Klettere vorsichtig wieder hinunter. Du fühlst dich wohl – und ganz in deiner Mitte. Schließlich bist du wieder auf dem Weg. Du folgst ihm mit einem Gefühl tiefen Friedens. Während du tief ein- und ausatmest, kommst du zurück in deinen Körper. Öffne die Augen.“

Aussicht auf Geborgenheit.
Ich bin zurück in der Realität und schaue, als wäre mir soeben der Heilige Geist erschienen. Denn ja, auch wenn ich mein ganzes Erstgeborenes dagegen gewettet hätte: Es hat funktioniert. Ich habe meine Göttin gesehen. Gesagt hat sie nichts, sie hat nur gelächelt. Ich war jedoch nicht allein mit ihr. Ein Mann war bei mir, hielt mich im Arm. Und ich hatte das Gefühl: Alles wird gut. Beim Verabschieden gibt mir Margit Böhmer eine Aufgabe mit auf den Weg. Ich soll meine Göttin wieder auf dem Ausgangspunkt besuchen, schon bald werde ich sie hören können. Und: Meine göttliche Ziffer sei die neun, in der Numerologie die Zahl der Weisheit. Die Hexe ist überzeugt, dass sich mein Leben verändern, meine Träume in Erfüllung gehen werden. In neun Tagen, neun Wochen oder neun Monaten,glaubt sie. Hoffentlich nicht erst in neun Jahren, denke ich, als die Tür hinter mir ins Schloss fällt.

 

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