Figurdruck à la Instagram? Den gibt es doch schon ewig!

Sie hadern mit Ihrer Figur? Damit sind Sie nicht allein! Diäten gibt es schon seit mindestens 2.000 Jahren - als Erfindung der reichen Oberschicht und des Adels. Die WIENERIN reist durch die Zeit und sucht die Formel für ein neues Körperbewusstsein.

Pummelig, mollig, üppig, speckig, rundlich, blad, fett, beleibt, feist, korpulent, drall. Übergewichtige müssen sich eine Menge Attribute gefallen lassen. Und es scheint, dass jeder, der nicht gängigen Figurnormen entspricht, stigmatisiert wird. "Früher war alles besser", heißt es dann oft. Und man erwähnt gerne rundliche Steinzeitskulpturen, Rubensfiguren und Pin-up-Girls der 1950er-Jahre.

Quacksalber empfahlen, abends als Brechmittel Seife zu essen, um schlank zu bleiben.
von Diättipp, 17. Jahrhundert

"Früher war gar nichts besser",

.... sagt die Kulturhistorikerin Louise Foxcroft, die in den oben genannten Beispielen eher Symbolik und Sexismus ortet. Fakt ist, die Menschen haben zu allen Zeiten mit ihrem Gewicht gehadert, waren in einer ständigen Diskrepanz zwischen Fasten und Völlerei. Schon die alten Griechen empfahlen Diätpläne, wenn Sklaven es nicht mehr schafften, die dicken Bäuche ihrer Herren zu stützen. Hippokrates riet seiner übergewichtigen Klientel zu eiskalten Bädern, Massagen und Bewegung an der frischen Luft - noch eine der vernünftigsten Strategien, die die Geschichte der Diät je zu bieten hatte.

Eine moderne Frau ist zivilisiert und schlank wie eine Weidenrute
von Vogue, 1922

Dass Wohlstand dazu führt, wie die sprichwörtliche Made im Speck zu leben, das zieht sich durch die Jahrhunderte. Der Politiker John Hales (1516-1571) beklagte, dass mehr Männer an ihrer Fettsucht sterben als durch das Schwert oder durch die Pest - eine unerwartete Aussage im 16. Jahrhundert.

Und die Einführung des Zuckers in Europa machte die Gewichtsprobleme der Reichen nur größer. Erste Diätbücher erschienen: Im Jahr 1676 schlugen die Rules of Health vor, sich vor und nach dem Essen auf einem Waagsessel zu wiegen, um zu wissen, wie viel Gramm Nahrung man zu sich genommen hatte. Der Zusammenhang von Kilos und Kalorien war damals noch unbekannt. Quacksalber empfahlen, abends als Brechmittel Seife zu essen, um schlank zu bleiben.

Dichtung und Diäten - eine fatale Mischung

Den ersten großen gesellschaftlichen Einfluss in Sachen Körperkult hatte der romantische Dichter Lord Byron (1788-1824). Von seinen Anhängern gefeiert wie heutige Popstars, wurde er beschuldigt, bei seinen Fans nicht nur den Hang zur Melancholie, sondern auch den zur Magersucht zu wecken. Byron trank tagelang nur Essig, um blass und dünn zu bleiben. Adelige beklagten, dass ihre Töchter ihm nacheifern und sich zu Tode hungern würden.

Dichtung und Diäten waren auch die Leidenschaften der österreichischen KaiserinSisi, die sich ausschließlich von frisch gepresstem Fleischsaft ernährte, sobald ihr Taillenumfang die magischen 50 Zentimeter zu sprengen drohte. Sisi wurde von einem Anarchisten erdolcht, starb aber erst Stunden später, weil ihr Korsett die Wunde vorerst wie ein Druckverband zusammenhielt. Nach seinem Motiv befragt, sagte ihr Mörder Luigi Lucheni: "Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen!" Auf sein Opfer bezogen war das freilich pure Ironie.

Mager in Mode

Dünn wurde Anfang des 20. Jahrhunderts mit kultiviert und feingeistig gleichgesetzt. In England und Amerika wurden deutsche Frauen in der Propaganda nach dem Ersten Weltkrieg als dick und hausbacken dargestellt. Fett waren auch die Kriegsgewinnler, die feisten Neureichen. "Eine moderne Frau ist zivilisiert und schlank wie eine Weidenrute", schrieb die Vogue 1922. Der burschikose Chic einer Coco Chanel unterstrich die neue Linie. Es war "in", sich den Busen abzubinden und die Haare jungenhaft kurz zu schneiden - obwohl und gerade weil viele Männer darüber schockiert waren und befürchteten, alle Frauen würden zu Lesben mutieren. "Solche Frauen wollen keinen heißblütigen Männern gefallen, sondern nur den Degenerierten und Homosexuellen", empörte sich der Arzt Leonard Williams 1926. Gleichzeitig nahm die Zigarettenmarke Lucky Strike den Zeitgeist auf und umwarb Frauen mit dem Slogan: "Reach for a Lucky instead of a sweet!" Jahrzehnte später verdichteten sich Gerüchte, dass amerikanische Tabakkonzerne versuchsweise Appetitzügler in die Zigaretten gemixt hätten, was die Aussage "Rauchen macht schlank!" in neuem Licht erscheinen lässt.

Bittere Pille

Drogen galten ohnehin als profundes Mittel zur Gewichtskorrektur. Als Kokain in Deutschland 1930 verboten wurde, stieg man auf Amphetamine um. Die ersten Diätpillen enthielten Schilddrüsenhormone sowie Spuren von Arsen und Strychnin und erfreuten sich trotz lebensgefährlicher Nebenwirkungen größter Beliebtheit.

Verrückterweise wurden Frauen nicht nur dafür kritisiert, zu dünn zu sein, sondern auch für das Gegenteil. "Frauen, die sich nach der Hochzeit gehen ließen, sich selbst und ihre Männer fett fütterten", wurden vom Hausarzt in den 1950er- und 1960er-Jahren auf "mother's little helpers" (aka Aufputsch- und Beruhigungsmittel) gesetzt, um wieder zu entsprechen.

Niemand liebt ein dickes Mädchen.
von Seventeen Magazine

Nach dem Zweiten Weltkrieg standen mehr Lebensmittel zur Verfügung als je zuvor. Und zwar - und das war neu -auch der Mittel- und Unterschicht. Die Folge waren nicht nur immer mehr Dicke, sondern auch ein noch nie da gewesener Diätirrsinn.

"Niemand liebt ein dickes Mädchen", titelte das Magazin Seventeenund warnte die Leserschaft vor "sodas, sundaes and second helpings" (Limos, Eisbecher und Nachschlag beim Essen). Stattdessen wurde die Hollywood-Diät zelebriert, die täglich magere 1.200 Kalorien z. B. in Form von Grapefruithälften und hart gekochten Eiern erlaubte.

Und was ist mit den angeblich so begehrten 1950er-Pin-ups, die uns doch gezeigt haben, wie begehrenswert weibliche Rundungen sind?"Sie haben vor allem Männerfantasien bedient", meint Historikerin Foxcroft. Frauen, vor allem die gebildeteren, orientierten sich eher an der schmalen Silhouette einer Audrey Hepburn als an der Oberweite einer Jane Russell.

Hunderte Modediäten haben in den letzten 50 Jahren den Markt überflutet, ihre Erfinder reich gemacht, aber langfristig nur selten das gewünschte Ergebnis gebracht. Amerikanische Psychologen fanden heraus, dass zwei Jahre nach einer Diät zwei Drittel der Probanden mehr wogen als zuvor.

Also ist heute alles besser?

In den USA und auch in Österreich ist heute die Hälfte der Bevölkerung übergewichtig. 60 Prozent aller Frauen schämen sich, vor ihren Partnern zu essen. Die meisten Frauen bestellen in Restaurants nie das Gericht, auf das sie wirklich Lust haben, sondern das, von dem sie glauben, dass es nicht dick macht. Und sie streben eine Idealfigur an, die dünner, zierlicher und zerbrechlicher ist als je zuvor in der Geschichte der Menschheit.

Wer die Zukunft anders gestalten will, muss die Geschichte verstehen und daraus lernen. Wir leben in einer Zeit, in der es uns möglich ist, individueller, freier und selbstbestimmter zu leben als je zuvor. Auf Körperbilder übersetzt, fordert das Toleranz und die Gabe, andere zu akzeptieren. Dafür müssen wir allerdings zuallererst unsere eigenen Vorstellungen und Ideale überdenken. Denn nur so können wir endlich zu einer gesunden Norm(alität) kommen.

 

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