Femme DMC und der Geschlechterkampf im Hip Hop

Eine Gruppe aus Rapperinnen, DJs und Produzentinnen mischt seit bald fünf Jahren die Wiener Hip-Hop-Szene auf. Wir haben die Frauen ein Jahr lang begleitet.

Femme DMC

In der Schlange vor dem Camera Club riecht es nach Gras. In dieser Februarnacht herrscht klirrende Kälte in den Straßen Wiens, Schals werden enger gezurrt, Hauben tiefer in die Stirn gezogen. An der schweren Eingangstür gibt es Willkommensshots; Wodka mit Zitronensaftkonzentrat. Sie rechtfertigen nicht die zehn Euro Eintritt an diesem Abend -das tut aber später die Show, für die sich die Wartenden den Minusgraden ausliefern.

Femme DMC ist ein All-Female-Musikerinnenkollektiv aus Wien, das Frauen im Hip-Hop eine Bühne bietet. Das Netzwerk aus Rapperinnen, DJs, Produzentinnen, Tänzerinnen und Performerinnen unterschiedlichster Art, das seit 2015 gesponnen wurde, umfasst heute mehrere Dutzend Frauen. Zentrale Figur und Mitbegründerin ist Dafina Sylejmani, kurz Duffy. "Musik ist das, womit wir die Menschen erreichen wollen", sagt sie bei einem späteren Treffen. Die Feier zum dreijährigen Bestehen des Kollektivs ist bereits ein Jahr her. Seit 2015 hat Femme DMC beinahe alle zwei Monate Partys wie diese veranstaltet. Dass es aber nicht nur um Musik geht, ist auch schnell klar.

Sexismus ist ein altes Lied

Sexismen, Objektifizierung, Frauenfeindlichkeit bis Frauenverachtung, Verherrlichung von Gewalt und Kriminalität: Die Liste der Vorwürfe, die heute von verschiedenster Seite an den kommerziellen deutschsprachigen Hip-Hop gerichtet werden, ist lang. Fakt ist, dass es sich bei Hip-Hop um die größte popkulturelle Jugendbewegung unserer Zeit handelt.

Tatsächlich ist es ein Widerspruch in sich, dass Rap sich heutzutage allzu oft einer diskriminierenden Sprache bedient. Das Genre entstand in den 1970er-Jahren als Minderheiten-Musikrichtung, frühe Texte klagten in erster Linie soziale Ungerechtigkeiten an. Rap und Hip-Hop beinhalteten immer eine politische Komponente -bei Femme DMC ist das nicht anders.

Bei den Konzerten von Femme DMC steht der Safe Space -ein gewaltfreier Raum, in dem Frauen sich frei bewegen und tanzen können -an erster Stelle. Sexuelle Belästigung, Rassismus, Homo-oder Transphobie, Fremdenfeindlichkeit, Gewalt im Allgemeinen: Diskriminierungen jeglicher Art werden bei den Feiern ausdrücklich nicht akzeptiert. "Wir wollen die Diversität sehen, die Femme DMC auch ausmacht", sagt Duffy.

Neben ihr bespielen an dem Abend sieben Künstlerinnen in kurzen Auftritten die Bühne des Camera Club. Da ist EC, die über eine simple Facebook-Message zur Gruppe gestoßen ist, oder Savidra, die eigentlich Anna heißt und über den Poetry Slam zum Rap kam. Nach ihr legt Jasmin Ska eine ausdrucksstarke Tanzeinlage hin, ohne dass die Baskenmütze auf ihrem Kopf auch nur einen Millimeter verrutschen würde. Den Abschluss der Show liefert Paigey Cakey, Rapperin und Schauspielerin aus London -das Publikum johlt.

Do it Yourself und Partizipation

Die Februarkälte ist einem wolkenverhangenen Aprilwetter gewichen. Duffy sitzt am Boden ihres Wohnzimmers, hinter ihr am Schreibtisch ein überdimensionaler Screen. Ihre Dachgeschoßwohnung in Wien-Ottakring -"Wien OTK" - ist auch ihr Studio und Büro. Neben Duffy am Boden sitzt Rapperin Soulcat, den beiden gegenüber auf der Couch EC und Yomamma; am Tisch dazwischen ein Päckchen Tabak und ein Aschenbecher. "Die Musikindustrie wählt gezielt Frauen aus, die performen und stark sein dürfen", sagt Duffy und dreht sich eine Zigarette. "Man kann sehr gut beobachten, dass diese Frauen bezüglich ihres Aussehens gewissen Normen entsprechen müssen." "Und bezüglich ihrer Aussagen", fügt Soulcat hinzu. "Die Wiener Szene ist außerdem viel sexistischer, als sie zugeben will", meint Rapperin und DJ Yomamma. "Früher wollten dir die Männer bei den Battles noch nicht einmal das Mikrofon geben."

Frauen sind eine Minderheit im Musikbusiness

'It's like that' hieß die erste Singleauskopplung des weltbekannten Rap-Trios Run DMC, erschienen 1983, damals noch auf Kassette. Frauen waren im Hip-Hop zu der Zeit die Ausnahme; im besten Fall durften sie als freizügige Eyecatcher in den Musikvideos der Männer herumturnen. 15 Jahre später war es aber dann schon eine Frau, die erstmals als Rapperin den Grammy für das Album of the Year abräumte: Lauryn Hills einziges Soloalbum nach den Fugees ('The Miseducation of Lauryn Hill'), das sie selbst mitproduzierte, ist bis heute eines der erfolgreichsten Rap-Alben aller Zeiten.

"In den letzten fünf bis zehn Jahren sind viel mehr Frauen in den Hip-Hop geströmt", sagt Vesna Nikolic. Sie betreibt seit dem Vorjahr den Digitalradiosender Hood Music, Österreichs erstes dezidiertes Hip-Hop-Radio. Auch in der deutschsprachigen und österreichischen Szene habe sich die Situation für Frauen verbessert. "Als Rapperinnen wie Schwesta Ewa noch die einzigen bekannten Frauen waren, standen sie im Mittelpunkt und haben von vielen Männern Hass abbekommen", sagt Nikolic. "Aber die Toleranz ist durch die vielen neuen Künstlerinnen größer geworden."

Damit Frauen eines Tages auf Augenhöhe mit Männern kommerziell Musik produzieren können, müssen noch viele in die Branche nachkommen. Wirft man nämlich einen Blick in die Führungsetagen der großen Labels, so wird das heutige Ungleichgewicht zwischen den Geschlechtern in der Musikproduktion offenkundig. Eine Studie der University of South California zeigte, dass sich unter den ProduzentInnen von 386 untersuchten Liedern aus den Hitlisten nur 2,1 Prozent Frauen fanden; lediglich vier Frauen hatten einen Minderheiten-Background.

Vom Kosovo nach Linz

Am 30. Mai 2019 steht Duffy aka Dacid Go8lin vor den Hunderten BesucherInnen der Donnerstagsdemo, die am Wiener Ballhausplatz das Ende der schwarz-blauen Regierung feiern. Die Vengaboys hatten ihren 20 Jahre alten Hit 'We're going to Ibiza' performt, Bierzeltstimmung inklusive. Obwohl kiloweise Plastikschnipsel und Papiergeld ins Publikum und in den Wiener Volksgarten gefeuert wurden, leerte sich der Platz nach dem Auftritt schnell. "Die Initiatoren brauchten jemanden, der dem Publikum wieder einheizt", sagt Duffy später. Sie wird kurzerhand auf die Bühne geschickt und statt des platten Sommerhits ertönt "Ibiza, Ibiza, Antifascista".

Dafina Sylejmani ist 30 Jahre alt und kommt gebürtig aus dem Kosovo. Den Zerfall Jugoslawiens hat sie als Kind miterlebt. Sie erzählt nicht gern davon. Tut sie es doch, werden ihre Sätze kürzer und die Pausen dazwischen länger. "Ich bin durch die neun Tore der Hölle gegangen, glaub mir", sagt Duffy und blickt starr auf den Tisch vor sich. "Ich bin mit dem Gedanken aufgewachsen, dass mir jederzeit jemand das Leben nehmen könnte." Mit 14 Jahren verließ Dafina den Kosovo, 2003 kam ihre Familie nach Österreich, nach Linz. Hänseleien in der Schule, Drohungen auf offener Straße und Anfeindungen von NachbarInnen zählten zum Alltag der fünfköpfigen Familie. Mit 18 geht Dafina nach Wien, um an der Akademie der bildenden Künste zu studieren. Im Zuge dessen kreiert sie auch Dacid Go8lin, ihr Alter Ego als Rapperin im Musikbusiness.

Femme DMCs Aufstieg ins Business

Seit vergangenem Herbst wollen sich die Frauen verstärkt der Produktion von Songs und Videos widmen. Nach zwei weiteren Partys im Oktober und Dezember stellt Dacid Go8lin Anfang dieses Jahres ihre neue Singleauskopplung vor: Immigrant heißt der Song und beschreibt ihre eigene Geschichte -"und was ich für Wien fühle". Das Video ist düster und blutig, ein "Zwiegespräch zwischen Heilung und Verletzung" nennt es Regisseur Mark Gerstorfer. "Das Blut steht für die Schmerzen, die man sich im Laufe eines Lebens zufügt, die man aber nie sieht", sagt Duffy bei einem Gespräch, ein Jahr nachdem wir die Clique das erste Mal im Camera Club besucht haben.

Offen ist, wie sich Femme DMC unternehmerisch aufstellen wird, ob als Verein oder als Label. Der Schritt ins kommerzielle Musikgeschäft ist eine Herausforderung, auch hinsichtlich Finanzierung, er soll aber dieses Jahr passieren. An Ehrgeiz und Träumen mangelt es den Performerinnen auf jeden Fall nicht: "Femme DMC von Singapur bis Chicago, das ist die Zukunft", sagt Duffy und grinst.

 

Aktuell