Feminismus, meine Vulva und ich

Wann ist eine Vulva eigentlich "perfekt"? Und warum beschäftigt diese Frage so viele Frauen? Liv Little, Gründerin und Herausgeberin des "gal dem"-Magazins, gibt in einem ehrlichen Text Einblicke in ihre sehr persönliche "Vulva-Geschichte".

Keramikgefäß, das an Vulva erinnert

Leseprobe aus dem Buch "The future is female! Was Frauen über Feminismus denken" (Goldmann).

Lange hatte ich keine Ahnung, wie meine Vulva aussieht, und dass ich sie mir im Alter von vierzehn Jahren schließlich ansah, lag nur daran, dass ein Freund und ich beschlossen hatten, unser erstes Mal miteinander zu verbringen. Ich weiß noch, wie ich eine meiner besten Freundinnen anrief und ihr erzählte, was gleich passieren würde. Er war schon auf dem Weg zu mir, und meine Freundin riet mir, mich sofort zu rasieren, und zwar komplett. Und da erblickte ich sie – zum allerersten Mal und in vollem Glanz.

Ich erinnere mich an einen Kommentar von ihm; kurz bevor es zur Sache ging, meinte er, dass ich »da unten etwas hängen« habe. Ich glaube nicht, dass er mich damit beleidigen wollte, aber ich schätze, dass er bis zu diesem Zeitpunkt nur die perfekte und straffe Form gesehen hatte, die man aus Onlinepornos kennt. Mir ist durchaus bewusst, dass in dem Alter alle meine männlichen Freunde ihr Wissen aus dieser Quelle bezogen haben, und ich kann nicht behaupten, dass ich mir in dem Moment, als er das sagte, groß Gedanken darüber gemacht hätte; in diesem Augen blick hatte ich schließlich andere Probleme – wie zum Beispiel die Tatsache, dass ich keine Ahnung hatte, was ich da tat und dementsprechend auch nicht wusste, was mich erwartete.

Nachdem das, was sich nur als antiklimaktische Begegnung beschreiben lässt, vorüber war, bekam ich seinen Kommentar zu meiner Vulva jedoch nicht mehr aus dem Kopf. Ich ging ins Internet, weil ich wissen wollte, wie die Vulven anderer Frauen aussehen; mit jemandem darüber sprechen wollte ich auf keinen Fall. Wie allseits bekannt, hat das Internet auch seine gruseligen Seiten und bietet unendlich viel Raum zur Selbstdiagnose; die Bilder, die ich dort fand, zeigten ausnahmslos verschiedene Versionen einer – wie es im Film Kidulthood heißt – »Designer-Vagina«. Alle diese Vulven waren perfekt symmetrisch – im Gegensatz zu meiner.

Die Zeichen, die mich daran erinnerten, dass ich mich als Frau in eine übermenschliche, pornografisch zurechtgestutzte Version meiner selbst zu verwandeln hatte, waren allgegenwärtig.

von Liv Little

Der Typ, mit dem ich mein erstes Mal hatte, sollte nicht der Letzte gewesen sein, der ungefragt seine Meinung zu diesem Thema äußerte. An zwei weitere Vorfälle kann ich mich noch erinnern: Einmal handelte es sich um eine öffentliche Nachricht (eine Massennachricht über den Blackberry Messenger, auf die ein Freund mich aufmerksam machte) von einem Kerl, der, da bin ich mir ziemlich sicher, sich selbst geheiratet hätte, wäre es ihm nur möglich gewesen; im anderen Fall handelte es sich um den unbedachten Kommentar eines Exfreundes. Obwohl zwischen dem ersten und dem zweiten Vorfall Jahre lagen, gab mir der zweite Kommentar den Rest. Ich entwickelte eine regelrechte Paranoia in Bezug auf meinen Körper, die über Jahre anhalten sollte. Ich bestand darauf, beim Sex das Licht auszuschalten, und wenn mich jemand lecken wollte, erstarrte ich förmlich. Das erschwerte es mir natürlich, gesunde körperliche Beziehungen aufzubauen, und ich rutschte in eine ungesunde Obsession hinsichtlich meines Aussehens.

Mit vierzehn, fünfzehn, sechzehn, siebzehn und auch mit achtzehn Jahren hatte ich mich noch nicht mit dem intersektionalen Feminismus auseinandergesetzt und, wie gesagt, keine besonders positive Einstellung zu meinem Körper, was dazu führte, dass ich während dieser prägenden Jahre sehr viel Zeit in Internetforen verbrachte, mich via Google über Schamlippenkorrekturen informierte und mir, während ich auf meine Vulva hinunterstarrte, vorstellte, wie sie in einer idealen Welt aussähe. Ständig wurde ich daran erinnert, dass mein Körper den Erwartungen nicht entsprach, und so erfüllte mich mein Aussehen mit einem hohen Maß an Scham. Ob es nun die Kommentare von Jungs oder Mädchen waren, die größere, nicht so straffe Vulven als »hängenden Schinken« bezeichneten, oder eine Dokumentation auf Channel 4 über eine Frau, die sich für eine »Designer- Vagina« unters Messer legte, oder ihre Angehörigen, die beim Anblick ihrer ursprünglichen Vagina anfingen zu kreischen – die Zeichen, die mich daran erinnerten, dass ich mich als Frau in eine übermenschliche, pornografisch zurechtgestutzte Version meiner selbst zu verwandeln hatte, waren allgegenwärtig.

Mit diesem Gefühl schlug ich mich herum, bis ich Anfang zwanzig war. Ich erinnere mich daran, dass ich damals auf The Great Wall of Vagina von Jamie McCartney stieß, ein Kunstwerk, das mich zum Umdenken bewegte. Hier wurden die verschiedenen Formen, die Vulven annehmen können – und alle schön und gesund aussehen –, regelrecht gefeiert. Natürlich änderte sich meine Einstellung aufgrund dieser Entdeckung nicht sofort. Mit der Zeit wurde mir jedoch bewusst, dass meine zunehmende Auseinandersetzung mit dem Feminismus nicht zu dem Unbehagen passte, das ich gegenüber meinem eigenen Körper hegte. Wie konnte ich andere Frauen dazu ermutigen, den Diskurs um »Unzulänglichkeiten« zu verändern, wenn ich selbst mit meinen Unsicherheiten so sehr zu kämpfen hatte?

Die Angst und Unsicherheit, die ich in Bezug auf meine Vulva entwickelt hatte, wurde auf gewisse Art und Weise durch die Tatsache verstärkt, dass ich nicht sicher war, zu welchem Geschlecht ich mich hingezogen fühlte; es gab Zeiten, da dachte ich, ich sei asexuell, und mehrere negative Erlebnisse mit Männern ließen mich die Dinge nicht gerade klarer sehen. Zwar glaubte ich mit sechzehn, die Liebe meines Lebens (ein wunderschönes und cooles Mädchen) gefunden zu haben und hatte bis zu meinen Zwanzigern auch schon einige Erfahrungen mit Frauen gesammelt, mit einer geschlafen hatte ich zu diesem Zeitpunkt jedoch noch nicht. Ich glaube, dass ich mich selbst damit so verrückt gemacht habe, lag daran, dass die Jungs, mit denen ich als Teenager etwas hatte, gar nicht interessierte, was es mit meinem Bedürfnis, das Licht auszuschalten, auf sich hatte; aus meiner eigenen begrenzten Erfahrung und aus Gesprächen mit Freunden schloss ich jedoch, dass Sex mit Frauen ganz anders sein müsse.

Erst mit 22 sprach ich mit einer Freundin über meine Unsicherheit und das auch nur, weil sie damit anfing. Sie gestand mir, dass sie sich immer geschämt habe, weil ihre Vulva nicht »perfekt« aussehe. Ich war völlig überrascht, als ich sie so ehrlich über dieses Thema sprechen hörte, und mit Zurückhaltung erzählte ich ihr, dass es mir genauso gehe. Meine Freundin hatte beim Thema Sex immer einen absolut selbstsicheren Eindruck gemacht, aber ich schätze, dass andere Menschen das von mir ebenso glaubten. Dabei hatte ich mir einfach nur ein paar Strategien zurechtgelegt, um meine Unsicherheit zu verbergen. Meine Freundin erzählte mir schließlich, dass ihr erst, als sie mit einer Frau geschlafen hatte, bewusst geworden war, dass Vulven ganz unterschiedliche Größen und Formen haben können und ihre total normal war.

Erst mit 22 sprach ich mit einer Freundin über meine Unsicherheit und das auch nur, weil sie damit anfing. Sie gestand mir, dass sie sich immer geschämt habe, weil ihre Vulva nicht »perfekt« aussehe.

von Liv Little

Sie erklärte mir, sie habe sich bei ihrem ersten Mal mit dieser Frau so wohlgefühlt, dass sie ihr ihre Unsicherheit gestanden habe; das Mädchen habe sich daraufhin unglaublich bemüht, sie vom Gegenteil zu überzeugen, und das war bis zu einem gewissen Grad auch für mich ein Wendepunkt. Vermutlich war es eine Kombination aus vielen verschiedenen Dingen, die meine Wahrnehmung verändert hat und mich einsehen ließ, dass ich schön bin, wie ich bin – und es immer schon war. Heute bin ich glücklicherweise von Frauen umgeben, die ihre Worte mit mehr Bedacht wählen als vierzehnjährige Jungs und Mädchen. Das Internet hat ein Bewusstsein für die Stärke von Frauen geschaffen, die auf ganz unterschiedliche Arten zum Ausdruck kommt; und auch wenn Pornos nach wie vor Schaden anrichten, indem sie Stereotype bedienen, gibt es doch auch diese riesige, stetig wachsende Gemeinschaft, die so viel Positives bewirkt.

Noch nie hat mich eine Frau aufgrund meines Aussehens abwertend behandelt. Im Gegenteil, ich kann mich über unglaublich positive Rückmeldungen freuen. Was ich im Laufe der Zeit gelernt habe, ist, dass die Sprache eine extrem wichtige Rolle spielt, und ich hoffe, dass wir Jungs und Mädchen verständlich machen können, dass es Frauenkörper in den verschiedensten Größen und Formen gibt. Das schließt auch jene mit ein, die sich mit mehreren Geschlechtern identifizieren. Wäre dem jungen Mann, von dem ich am Anfang dieses Textes berichtet habe, bewusst gemacht worden, welche Auswirkungen ein leichtfertiger Kommentar haben kann und hätte man ihm Zugang zu einem breiteren Spektrum von Bildern ermöglicht, hätte ich es in den darauffolgenden Jahren um einiges leichter gehabt. Jede von uns hat eine andere Beziehung zu ihrem Körper, und das ist auch völlig in Ordnung – dass ich ein so negatives Bild von meiner Vulva hatte, bedeutete nicht, dass mir das Zeug zur Feministin fehlte. Und wenn es etwas gibt, das ich heute ganz sicher weiß, dann das: Meine Vulva ist unglaublich, und ich würde keine andere haben wollen.

Future is Female

Die britische Pink-Protest-Gründerin Scarlett Curtis geht mit ihrer Beitragssammlung „The future is female! Was Frauen über Feminismus denken“ das Thema neue Frauenbewegung tatkräftig an. Die verschiedensten Frauen erzählen hier ihre Geschichten - von der Hollywood-Ikone bis zur Teenie-Aktivistin: Unter anderem Emma Watson, Keira Knightley, Saoirse Ronan, Dolly Alderton, Jameela Jamil, Kat Dennings, Karla Paul, Katrin Bauerfeind und Stefanie Lohaus. Das Buch wird pünktlich zum Weltmädchentag und gleichzeitig mit der englischen und der amerikanischen Originalausgabe am 8. Oktober im Goldmann Verlag erscheinen.

„The future is female!“ ist ein Buch für alle, die sich Gedanken über Feminismus machen und für Mädchen und Frauen, die die Gesellschaft verändern wollen. Denn Gender Pay Gap, #metoo, Bodyshaming und Mansplaining sind keine neuen Themen und keine Probleme, die von alleine verschwinden werden. Die Beiträgerinnen wollen dagegen angehen, veraltetes Feminismus-Verständnis entstauben und dem F-Wort neuen Glanz verleihen.

Deutsche Erstausgabe im Goldmann Taschenbuch
Klappenbroschur, 152 Seiten.
Goldmann Verlag
ISBN: 978-3-442-15982-6
€ 12 [D] € 12,40 [A] / CHF 17,90 (UVP)

Erscheint am 8. Oktober 2018.

 

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