Feminismus ist nicht nur ein Slogan

Stichwort: Girlwashing. Mode mit feministischen Sprüchen liegt im Trend. Aber tun wir mit diesen Statements etwas Gutes? Ein Interview mit der britischen Aktivistin Swatee Deepak.

Girlwashing

Wenn man ein Interview mit Swatee Deepak führt, ist es eigentlich kein ausgeglichenes Gespräch. Die in Indien aufgewachsene und nun in London lebende Leiterin von With and for Girls - einer Stiftung, die mehrere Foundations unter einem Dach vereint und weltweit kleine, von Frauen und Mädchen geführte Organisationen unterstützt - ist kaum zu stoppen. Und mit jeder Antwort wirft sie nicht nur noch mehr Fragen auf, sie stellt oft auch selbst gleich welche. Keine Frage ist aber, dass sie Mode liebt und dieses Thema ihr besonders am Herzen liegt. Gehört haben wir das zum ersten Mal in einem Podcast (Talking Tastebuds: Is Fashion a feminist issue?), in dem Deepak zum Thema Mode und Feminismus gesprochen hat und der Begriff "Girlwashing" eine zentrale Bedeutung hatte.

Wie definieren Sie den Begriff "Girlwashing"?

Swatee Deepak: Der Ausdruck "Girlwashing" lässt sich mit dem geläufigeren Begriff "Greenwashing" vergleichen. Er bedeutet, dass Unternehmen eine feministische Anschauung verkaufen, um ihre Marke zu "waschen", um relevanter zu sein. In Wirklichkeit agieren sie aber mit dem genauen Gegenteil der Prinzipien, für die diese Sache steht.

Welche Verbindung sehen Sie zwischen Girlwashing und der Modewelt?

Swatee Deepak: In den letzten beiden Jahren, seitdem die #MeToo-Bewegung begonnen hat, ist das Interesse an der Gleichbehandlung der Geschlechter enorm gestiegen. Wenn man sich bezüglich dessen Modeunternehmen ansieht, gibt es bei den meisten Logos und Botschaften wie "Girlpower","Girls rule the World" und so weiter, die auf ihren T-Shirts und Accessoires stehen - so beanspruchen sie diese Werte für sich. Gleichzeitig kann es aber sein, dass genau die gleichen Firmen im selben Atemzug die Rechte der Frauen untergraben.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Swatee Deepak: Wenn wir konkret über Mädchen und Frauen sprechen, handelt es sich dabei um die Bevölkerungsgruppe, die global bei jedem Entwicklungsindex ganz unten auf der Skala steht. Sie sind der Teil der Weltbevölkerung, der am wenigsten Zugang zu Bildung, Gesundheitsvorsorge, Menschenrechten - einfach in jedem Sinn weniger Möglichkeiten - hat. Und Frauen sind auch die am meisten betroffene Gruppe, wenn es um die Produktion von Fast Fashion geht.

Inwiefern?

Swatee Deepak: Wir wissen von Statistiken der UNO, dass es zu 80 Prozent Frauen sind, die ihre Heimat wegen des Klimawandels verlassen müssen. Sie sind diejenigen, die weniger Einfluss auf den Klimawandel haben, gleichzeitig aber mehr davon betroffen sind. Die Modeindustrie zählt weltweit zu den größten Umweltverschmutzern. Und egal, wo man in der Produktionskette hinsieht, es arbeiten hauptsächlich Frauen dort: bei der Baumwollernte, in den Fabriken, in denen die Stoffe gefärbt werden, oder in den Nähereien. Nehmen wir T-Shirts mit feministischen Slogans: Da diese gerade im Trend liegen, müssen sie innerhalb kürzester Zeit produziert werden. Das verstärkt den Druck in den Produktionsstätten in Bangladesch, Guatemala oder Marokko und verursacht wiederum schlechtere Arbeitsbedingungen. Die Frauen werden in vielen Fällen nicht ordentlich bezahlt, müssen Überstunden machen - und dann werden diese T-Shirts vielleicht nur zwei-bis dreimal getragen und wieder entsorgt.

Bleiben wir beim Thema Umwelt. Es gibt Statistiken, laut denen die Bildung von Frauen der sechstwichtigste Faktor ist, um den Klimawandel aufzuhalten.

Swatee Deepak: Bildung gibt Frauen die Möglichkeit, selbstständiger zu handeln und zu denken. Ein Beispiel ist, dass es so vielleicht weniger Kinderehen gibt, die Frauen erst später Kinder bekommen und auch nicht ein Kind nach dem anderen in die Welt setzen. Das hat nicht nur mit Frauenrechten zu tun, sondern bei der Überbevölkerung auch einen Einfluss auf die Umwelt. Die UNO, Unicef oder die WHO haben zudem Studien durchgeführt, die beweisen, dass Frauen den Männern in Sachen Umweltschutz überlegen sind: Sie recyceln mehr, essen weniger Fleisch und sind sich der Auswirkungen ihres Handelns auf die Umwelt wesentlich bewusster. Ein großer Faktor in Sachen Umweltverschmutzung ist auch, dass es so etwas wie eine toxische Männlichkeit gibt: Männer empfinden sich oft als zu weiblich, wenn sie im Sinne des Umweltschutzes handeln.

Darf man als Feministin bei billigen Modeketten einkaufen?

Swatee Deepak: Meiner persönlichen Meinung nach nicht. Die Essenz von Fast Fashion ist reiner Konsum, das hat aber erst mal nichts mit dem Patriarchat zu tun. Es ist der Kapitalismus, der laut schreit: "Kauf, kauf, kauf, du musst das kaufen, um dich gut zu fühlen!" Aber durch diesen Überkonsum fordern wir die Erde auf so viele unterschiedliche Arten heraus -etwa, wenn wir etwas kaufen, es zweimal tragen und dann wieder wegwerfen. Wenn das T-Shirt dann auch noch einen griffigen feministischen Slogan aufgedruckt hat, muss man sich wirklich fragen, ob man an diesen Spruch glaubt, einem die Hintergründe bewusst sind, oder ob es einfach nur um ein Logo geht. Wenn man Fast Fashion kauft, verweigert man nicht nur das Wissen um die Auswirkungen der Produktionskette, sondern auch um das Schicksal der Frauen.

Mode ist aber doch auch eine Form, sich auszudrücken...

Swatee Deepak: Früher gab es zweimal im Jahr Modeschauen, heute gibt es jedes Mal eine neue Kollektion, wenn wir an einem Shop vorbeigehen. Und hier werden auch hauptsächlich Frauen angesprochen. Wir haben Kleider, Röcke und Hosen in jeder Länge, und es gibt noch mehr Dinge, die wir kaufen können, um ansprechend auszusehen. Aber wir müssen uns die Frage stellen, wen wir ansprechen wollen, was wir als Frau ausdrücken wollen. Kleiden wir uns für uns selbst -oder um gesellschaftlich besser akzeptiert zu werden?

Dior schickte vor ein paar Saisonen eine Kollektion mit dem Slogan "We should all be Feminists" über den Laufsteg und hat damit diesen Trend ausgelöst. Hat das Thema dadurch insgesamt nicht doch auch mehr Aufmerksamkeit bekommen?

Swatee Deepak: Mode ist etwas, das man direkt am Körper trägt. Sie ist natürlich eine Form, sich auszudrücken und seine Persönlichkeit, seine Werte zu zeigen. Aber ich denke, dass es noch wichtiger ist, die Ursachen der Ungleichbehandlung zu bekämpfen und sich für die Gleichheit der Geschlechter wirklich einzusetzen und es sich nicht so leicht zu machen.

Ist es nicht viel schwieriger, ein Statement zu setzen, wenn man es nicht visuell ausdrücken kann?

Swatee Deepak: Ich denke, hier geht es wieder um die soziale Akzeptanz. Warum müssen wir so offensichtlich gesehen werden, wenn wir ein Statement setzen wollen? Können wir uns nicht auch auf eine andere Weise ausdrücken? Außerdem gibt es genügend Organisationen, die wirklich für Frauen arbeiten, sich für ihre Rechte einsetzen und ihre T-Shirts ethisch korrekt produzieren lassen und mit Slogans arbeiten, die ihre Arbeit betrifft. Kann man nicht auch so ein Shirt tragen? Muss es wirklich ein Teil von Topshop sein?

Wie kann Mode einen positiven Effekt haben?

Swatee Deepak: Die Realität ist, dass wir natürlich viel weniger kaufen müssen. Aber es ändert nicht automatisch alles, wenn wir einfach aufhören, zu konsumieren. Weltweit machen Frauen und Mädchen bis zu 80 Prozent der Arbeitskraft in der Modeindustrie aus. Die Frauen können arbeiten gehen, haben ein Einkommen, können sparen. Das sorgt natürlich für Empowerment -aber nur dann, wenn auch die Umstände stimmen. Wenn sie zu einer Arbeitsstelle gehen können, wo sie nicht unterdrückt werden, keine unmenschlichen Arbeitszeiten haben, fair bezahlt werden. Da ist aber nicht nur die Modeindustrie, sondern auch die Politik gefragt, um neue Standards zu setzen. Denn wenn Frauen keine Rechte haben, sind es die Männer, die dann zu Hause das Geld bekommen und damit tun, was sie für richtig halten. In vielen Ländern können Frauen immer noch kein Konto eröffnen oder Land kaufen. Es muss also auch daran gearbeitet werden, dass die Arbeit ihnen echte Autonomie verschafft. Und die Modeindustrie als großer Arbeitgeber hätte die Macht, diese Dinge von der Politik einzufordern.

 

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