"Feminismus ist nicht das böse F-Wort"

Die Journalistin und Autorin Olja Alvir im Interview über Kampflesben, Frauen als Besitz und ihr neues Buch.

"Feminismus ist nicht das böse F-Wort", sagt Olja Alvir (26). Die Feministin, Journalistin und Autorin aus Wien führt ihre Debatten via Twitter, matcht sich gerne mit Männern und hat schon ein paar Shitstorms erlebt. Das Interview.

Feminismus, was ist das für Sie?

OLJA ALVIR: Aufmerksam zuhören. Ich merke, dass ich schnell fixe Meinungen habe. Und dann kommen Frauen mit anderen Hintergründen zu mir und mit anderen Anliegen als jene, die ich mir vorgestellt habe. Also versuche ich Frauen zu unterstützen, aber ein wichtiger Teil von Feminismus ist, die Klappe zu halten und zuzuhören.

Feminismus hat ein schlechtes Image in Österreich - warum?

Es gibt viele Klischees: die Kampflesbe, die Männerhasserin, die mit sich unzufriedene Frau. In Österreich haben wir zusätzlich eine konservative Gesellschaft durch den Einfluss der Kirche. Ich sehe auch junge Frauen, die für ihre Rechte kämpfen aber sagen: Ich bin keine Feministin.

Es gibt viele Klischees: die Kampflesbe, die Männerhasserin, die mit sich unzufriedene Frau.
von Olja Alvir

Feminismus wird seit den Übergriffen in Köln wieder diskutiert. Hier prallten zwei Strömungen aufeinander: Feminismus/Sexismus versus Rassismus. Ihre Meinung?

Diese zwei Dinge wurden leider gegeneinander ausgespielt. Aber: Es sollte doch darum gehen, den Opfern zu helfen und davon hört man nichts. Es zeigt hingegen, dass es darum geht, „unsere“ Frauen zu schützen, dass Frauenkörper als Besitz gesehen werden, der beschützt werden muss. Das finde ich problematisch.

Wie ist Ihre Haltung wenn es um muslimische Flüchtlingsfrauen geht? Sollen unsere Frauenrechte für sie ebenfalls gelten oder ist es eine Einmischung?

Diese Frage wird unter Feministinnen sehr kontrovers diskutiert. Es gibt Radikale, die sagen, eine Frau die Kopftuch trägt kann keine Feministin sein und für die anderen geht es um Selbstbestimmung. Ich bin eher auf dieser Seite und denke, dass auch muslimische Frauen nicht von Männern oder anderen weißen Frauen gesagt bekommen sollen, was sie zu fühlen, zu tragen und zu tun haben.

Was, wenn muslimische Frauen aber eben zu Hause bleiben wollen, weil es ihrem Wertesystem entspricht, wie sollen sie dann Sprache, Bildung usw. erfahren?

Ich finde es nicht sinnvoll, einer Frau, die aus einem restriktiven Umfeld kommt zu sagen: Jetzt zeigen wir dir, wo es lang geht. Man sollte eher Angebote stellen und meine Erfahrung mit Migrantinnen ist sowieso, dass sie gern Teil der Gesellschaft werden wollen. Das sind Wechselwirkungen, die nicht immer einfach zu deuten sind. Wenn ich merke, dass meine Umgebung feindlich auf mich reagiert, weil ich ein Kopftuch trage, denke ich mir auch, dass ich hier vielleicht nicht gewollt werde und damit ändert sich natürlich auch meine Einschätzung. Es gibt hier sicher keine einfache Antwort, denn es muss schon von beiden Seiten den Willen geben, etwas zu machen. Und Angebote müssen jedenfalls gemacht werden – lokalpolitisch ist hier sicher am besten zu agieren.

Ich finde es nicht sinnvoll, einer Frau, die aus einem restriktiven Umfeld kommt zu sagen: Jetzt zeigen wir dir, wo es lang geht.
von Olja Alvir

Konkret zur Sprache, die ja schon auch ein Tor ist, um Kulturen verstehen zu können: Soll es für muslimische Flüchtlingsfrauen verpflichtende Deutschkurse geben?

Dazu hab ich eine radikale Idee. In Österreich, einem Land mit Meinungs- und Religionsfreiheit, sollte es so etwas nicht geben. Denn wenn es meine Meinung ist, dass ich nicht Deutsch lernen möchte, dann ist das meine Meinung. Niemand soll mich zu so was zwingen können. Und ich denke auch nicht, dass es sinnvoll ist, Leute zu etwas zu zwingen. Und die Fokussierung auf die Sprache ist auch eine Fehlleitung der Integrationspolitik. Es geht ja auch um Wertschätzung der eigenen Sprache.

In einem Sozialstaat entstehen dadurch aber natürlich Konflikte, denn man überlässt Menschen ja nicht einfach sich selbst, sondern versucht sie zu unterstützen. Dafür zumindest die Bereitschaft zu verlangen, die Sprache zu lernen, ist ja nicht unmenschlich viel verlangt..

Es ist aber nicht gesagt, dass die Sprache das einzige Maß ist, das meine Bereitschaft zur Partizipation in der Gesellschaft zeigt, das kann ich doch anders auch. Aber wenn man als Staat will, dass alle Deutsch können, dann muss man es in die Verfassung schreiben und das mit der Meinungsfreiheit einfach streichen. Ist auch ein Weg für einen Staat.

Noch kurz zu Ihnen: sie haben gerade ein Buch veröffentlich, es heißt „Kein Meer“ – ich lese Ihnen eine Stelle daraus vor: „“Fürs Muschi-Enthaaren muss man sich außerordentlich unbequem positionieren. Am Rücken liegend muss man die Beine zunächst aufstellen, anziehen und dann spreizen.“ Es klingt ein bisschen nach Charlotte Roche – sind wir nicht schon durch mit dieser Art von Frauenliteratur?

Also erst mal liebe ich Charlotte Roche und sehe das eher als Kompliment. Aber ich finde es wichtig, dass Frauen über ihren Körper schreiben dürfen und schreiben, denn wenn Männer über Sex schreiben, ist es Weltliteratur und wenn Frauen über Sex schreiben ist es Schmuddel und so ein ,die will doch nur Bücher verkaufen'. Ich möchte diese Ungerechtigkeit mit meinem Buch hier auch ein bisschen auflösen. Und ich sage auch am Anfang des Buches, dass es hier um Frauen mit Damenbärten, mit Narben, mit Kriegen geht – und bei Charlotte Roche sehe ich eher eine glatte homogene Gesellschaft dargestellt und Migrantinnen haben da eine ganz andere Erfahrung, was ihren Körper angeht.

Wenn Männer über Sex schreiben, ist es Weltliteratu. Wenn Frauen über Sex schreiben ist es Schmuddel.
von Olja Alvir

Was ist die große Botschaft Ihres Romans?

Es hat eigentlich ganz viele Botschaften, aber was mich am meisten interessiert hat, war die Frage: Wie gehe ich mit Familie um, die mir politisch unangenehm ist? Es gibt diesen Opa, der Antikommunist, vielleicht schon Faschist ist, es gibt den anderen Opa, der bei den Partisanen war. Und die Frage ist natürlich: Wie finde ich mich selbst in so einer Konstellation? Wenn mein Onkel ein Nazi ist, was mache ich dann, weil ich hab diesen Onkle ja trotzdem lieb und als Mensch mag ich ihn, aber was mache ich mit ihm? Es ist also mehr eine Botschaft zur Auseinandersetzung…

Inhalt: Als Kind ist Lara Voljić mit ihren Eltern vor dem Krieg im ehemaligen Jugoslawien geflohen. Heute schreibt sie provokant und schonungslos in ihrem Beauty-Blog gegen die sterile Ästhetik der Mode- und Schönheitsindustrie an und gibt Tipps zu Intim-Waxing genauso wie zur richtigen Hautpflege nach dem Ritzen. LINK zum Buch!

 

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