Female Genital Mutilation: "In Österreich werden Tausende Frauen verstümmelt"

Das Recht auf einen gesunden, unversehrten Körper ist ein Menschenrecht. Trotzdem geht für Tausende Frauen und Mädchen in Österreich Tradition vor: Weibliche Genitalverstümmelung passiert auch hierzulande.

Triggerwarnung: Im Text folgt eine detaillierte Beschreibung von weiblicher Genitalverstümmelung/Gewalt gegen Menschen mit Vulva.

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Wie behandelt man Patientinnen, die gelernt haben, mit Schmerzen und den gesundheitlichen Folgen einer brutalen Tradition zu leben? Die das Wort Gewalt in Verbindung mit weiblicher Genitalbeschneidung nicht zulassen? Weil die Wahrheit, dass die Praxis, die von der eigenen Großmutter, Mutter, Tante, Schwiegermutter und allen Männern in der eigenen Kultur so gefeiert wird, eigentlich traditionalisierte Gewalt ist, viel zu sehr schmerzt, um sie laut auszusprechen?

Umyma El-Jelede gibt mit ihrer Arbeit seit Jahren Antworten auf Fragen, die unsere Gesellschaft vor so viele Herausforderungen stellen. Die Ärztin stammt aus dem Sudan, hat in Libyen Medizin studiert und betreut seit 2007 in Wien Frauen, die Opfer von FGM (Female Genital Mutilation, also weiblicher Genitalbeschneidung) wurden. Ihr Büro im Fem Süd im Kaiser-Franz-Josef-Spital im zehnten Wiener Gemeindebezirk ist unscheinbar, nur ein kleiner Flyer deutet darauf hin, dass man hier auch über FGM reden kann. Auf der Homepage findet man das Thema in Verbindung mit El-Jeledes Tätigkeit überhaupt nicht. "Die Frauen kommen nicht zu mir, weil sie beschnitten wurden. Sie kommen wegen Infektionen, Menstruationsbeschwerden und schwierigen Schwangerschaften und wissen meistens nicht einmal, dass ihre Beschneidung für all das verantwortlich ist. Ich bin Teil ihrer Community", sagt die Medizinerin. Viele von ihnen hat sie auf Kulturfesten oder in Communityzentren kennengelernt. Weil sie Ärztin ist und aus dem Sudan stammt, wenden sich die Frauen an El-Jelede.

Weibliche Genitalverstümmelung: Gewalt im Namen der Tradition

Die Tradition der Beschneidung gibt es seit über 5.000 Jahren. Sie ist ein komplexes Konstrukt aus Tradition, Religion und Kultur. Sie verletzt, gefährdet und diskriminiert Frauen und beruht überall, wo sie durchgeführt wird, auf tief verwurzelten Ungleichheiten zwischen Frauen und Männern. Laut einer Definition der WHO aus dem Jahr 2010 versteht man unter weiblicher Genitalverstümmelung alle Prozeduren, die die teilweise oder völlige Entfernung der externen weiblichen Genitalien oder andere Verletzungen der weiblichen Genitalien - aus kulturellen oder anderen nicht therapeutischen Gründen - umfassen. Hauptsächlich wird sie in afrikanischen Ländern wie Somalia, Nigeria, dem Sudan, Äthiopien und Ägypten praktiziert. Dabei wird in der leichtesten Form die Klitoris eingeritzt oder entfernt, um die sexuelle Lust der Frau zu unterbinden. Bei der schwersten Form werden die inneren und äußeren Schamlippen entfernt und die Scheidenöffnung bis auf ein streichholzkopfgroßes Loch komplett zugenäht. Das passiert meistens im Kindesalter, häufig unter unvorstellbaren, unhygienischen Bedingungen ohne Betäubung. Urin und später Regelblut können dann nur durch eine kleine Öffnung abfließen. Entzündungen, hoher Blutverlust und negative Auswirkungen auf die Gesundheit der Frauen werden in Kauf genommen. Die Mädchen gelten danach als rein, besonders fruchtbar und werden als gute zukünftige Ehefrauen gehandelt.

FGM in Österreich: Geschätzt 6.000 bis 8.000 Frauen betroffen

Aktuelle Daten dazu, wie viele Frauen in Österreich und der EU betroffen sind, gibt es derzeit nicht. Die letzte repräsentative Erhebung ist 20 Jahre alt. Petra Bayr, Sprecherin der Plattform Stop FGM, fordert endlich neue Zahlen. Schätzungen gehen davon aus, dass in Österreich 6.000 bis 8.000 Frauen von FGM betroffen sind. Aufklärungsbedarf in Österreich sieht auch Umyma El-Jelede jeden Tag mehr: "Alleine aus Somalia leben 6.000 Frauen in Wien, die aus Familien kommen, wo Beschneidung praktiziert wird. Die ägyptische Community ist ähnlich groß", so die Ärztin. Und die Aufklärungsarbeit ist denkbar schwer: Worte wie Gewalt oder Verstümmelung fallen in diesem Zusammenhang nie. "Die Menschen empfinden das Aufgeben dieser Tradition als Verlust ihrer Kultur. Deshalb ist mein Ansatzpunkt die Gesundheit. Ich arbeite daran, dass die Community versteht, dass es ungesund ist, dass es nichts mit Religion zu tun hat und eine kulturelle Sache ist, von der wir uns lösen müssen", sagt El-Jelede. Dieses Bewusstsein im Sinne der Prävention zu schaffen ist eine Mammutaufgabe. Seit 2018 hat El-Jelede Helferinnen an ihrer Seite. Es sind Frauen aus der Community, die Aufklärungsworkshops zu Gesundheit halten und das Thema FGM erst aufbringen, wenn die Teilnehmerinnen Vertrauen gefasst haben. "Man muss sehr behutsam vorgehen und ihre Kultur ernst nehmen. Wenn wir aus unserer Sicht über Beschneidung reden, reden wir immer über Gewalt, Verstümmelung und blicken die Frauen mitleidig und mit Schrecken an. Das hilft ihnen aber nicht. Diese Frauen sind geflüchtet, finden sich in einer Gesellschaft wieder, die sie nicht verstehen, und halten umso mehr und mit Stolz an ihren Traditionen fest."

Wenn wir nicht wollen, dass in ein paar Jahren hier geborene Mädchen beschnitten werden, müssen wir Aufklärungsarbeit leisten.

In Österreich ist jede Form der weiblichen Beschneidung strafbar und gilt als schwere Körperverletzung. Leichte Formen der Beschneidung wie die reine Entfernung der Klitorisvorhaut oder -eichel können zu Hause ohne viel Aufsehen durchgeführt werden. Dass dieser Tatbestand strafbar ist und man dafür ins Gefängnis kommen kann, schreckt manche ab. Meistens führt das Drohen mit Gesetzen ohne begleitende Aufklärung aber dazu, dass die Straftaten noch besser versteckt werden. "Wir machen den Frauen und Familien natürlich klar, dass die Praxis strafbar ist und ihnen die Kinder weggenommen werden. Aber vor allem klären wir auf, dass viele der körperlichen Probleme, mit denen beschnittene Frauen zu kämpfen haben, von der Beschneidung kommen. Diese Frauen wissen nicht, wie sich ein gesunder Körper anfühlt; ja, was Gesundheit überhaupt bedeutet."

Damit beschnittene Frauen überhaupt zu einer Ärztin gehen können, braucht es Rahmenbedingungen."Ein Vaginalultraschall ist für uns normal, für beschnittene Frauen - egal, ob offen oder zugenäht -völlig undenkbar", so El-Jelede. Die Untersuchung durch männliche Ärzte in einer normalen Ambulanz würden die Frauen nicht zulassen, und sie wäre traumatisierend. Deshalb hat Umyma El-Jelede gemeinsam mit dazu ausgebildeten Ärztinnen eine Spezialambulanz in der Wiener Rudolfstiftung gegründet, an die sich betroffene Frauen wenden können. Mittlerweile gibt es dafür auch Gesundheitszentren in Salzburg und Linz sowie eine Anlaufstelle im Wiener AKH. Die Sensibilisierung des Gesundheitspersonals bleibt ein langer, schwieriger Prozess, der finanziert und vor allem begleitet werden muss: "Wenn wir keine Präventionsarbeit leisten, sitzt eine riesige Community wegen schwerer Körperverletzung im Gefängnis. Sie praktizieren diese Dinge als Teil ihrer Kultur weiter und werden bestraft; ohne Unrechtsbewusstsein oder auch nur die Idee davon, etwas falsch gemacht zu haben. Wenn wir da nicht handeln, trifft es immer mehr Mädchen - auch die, die in Österreich geboren sind", so El-Jelede.

Eine 5.000 Jahre alte Tradition komplett aus den Köpfen der Menschen zu verbannen ist unmöglich - Aufklärungsarbeit zu leisten, um Tausende Mädchen in unserem Land vor den psychischen und physischen Folgen der Beschneidung zu schützen, nicht.

Weltweit leiden 200 Millionen Frauen unter den Folgen weiblicher Genitalverstümmelung. Die Gründe dafür sind geprägt von tief verwurzelter, traditionalisierter Diskriminierung von Frauen.

Genitalverstümmelung weltweit: Das sind die Gründe für FGM

Der Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen (UNFPA) gibt fünf Kategorien für die Hintergründe von FGM an (unfpa.org):

1. Die Beherrschung der weiblichen Sexualität. Es gibt den Glauben, dass weibliche Lust unstillbar ist - FGM soll Jungfräulichkeit vor und Treue während der Ehe sichern.

2. FGM gilt als Initiationsritus für Frauen. Durch das Ritual wird ein Mädchen zur Frau, die das kulturelle Erbe der Gesellschaft weiterleben lässt. Viele Mythen sagen auch, dass FGM besonders fruchtbar mache.

3 Hygiene. In manchen Kulturen gelten die weiblichen Geschlechtsorgane als schmutzig und abstoßend -sie zu verstümmeln ist demgemäß ein Gebot der Hygiene und Ästhetik.

4 Religion. Obwohl die Tradition älter ist als alle Weltreligionen und in keiner von ihnen begründet ist, werden oft religiöse Gebote genannt, um die Tradition zu rechtfertigen.

5 Ökonomische Selbstbestimmung. In manchen Gesellschaften wird FGM als Bedingung für die Ehe oder für das Antreten eines Erbes gesehen. Beschneiderinnen sind dort hoch angesehene und ökonomisch unabhängige Frauen.

Maßnahmen zur Prävention von weiblicher Genitalverstümmelung

Österreich hat 2013 die Istanbul-Konvention ratifiziert und sich damit verpflichtet, Maßnahmen gegen geschlechtsspezifische Gewalt zu verankern. Bisher sind LehrerInnen, SozialarbeiterInnen und Gesundheitspersonal zum Thema FGM noch wenig geschult.
Das Wiener Programm für Frauengesundheit hat zum Thema FGM eine Arbeitsgruppe eingerichtet und ein E-Learning-Tool für Pädagog*innen ins Leben gerufen, um für das Thema zu sensibilisieren.
Alle Infos und Module unter: wien. gv.at/gesundheit/beratung-vorsorge/ frauen/frauengesundheit/schwerpunkte/gewalt/fgm.html.

FGM: Rechtslage in Österreich

In Österreich fällt FGM seit 2001 unter den Tatbestand der schweren Körperverletzung - auch, wenn das Opfer seine Zustimmung gibt. Seit 2020 gibt es durch eine Änderung des Bundes-Kinder-und Jugendhilfegesetzes auch eine Meldepflicht, wenn die Mutter Opfer von weiblicher Genitalverstümmelung geworden ist. Bis dahin war begründeter Verdacht, dass das Wohl des Kindes gefährdet ist, ausreichend.

Im Sinne der Prävention sehen Expert*innen das zwar prinzipiell positiv, betonen aber auch, dass das Gesundheitspersonal nicht die nötige Expertise besitzt, und befürchten eine Traumatisierung der betroffenen Frauen und Familien. Außerdem fehlt es in Österreich an Personal, das für die gynäkologische Begutachtung von Kindern und zum Thema FGM geschult ist.

 

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