Familienpolitik: Sach- vs. Geldleistungen

Der katholische Familienverband kritisiert das Familienengagement der ÖVP. Eigentlich bräuchten wir etwas anderes dringender.

Am Wochenende wurde die Kritik vom katholischen Familienverband laut, die ÖVP setze sich nicht mehr genug für Familien ein. Wie der Standard berichtete, kritisiert der Präsident des katholischen Familienverbandes Alfred Trendl, dass Steuerbegünstigungen in Form des Kinderfreibetrages bei der Steuerreform nicht ausreichend angehoben wurden, und Sonderausgaben – die ehemals bei Mehrkindfamilien geltend gemacht werden konnten – gar nicht mehr abgeschrieben werden können.

Keine Sachleistungen

Dass der aktuelle Trend in der Familienpolitik in Richtung Sachleistungen geht, gefällt ihm gar nicht: "Das ist ja so, als ob man das Pflegegeld abschaffen würde und die Pflegebedürftigen darauf verwiesen würden, dass es eh Altersheime gibt. Das ist doch die allergrößte Frechheit – über das Geld sollen die Familien entscheiden, nicht der 'liebe Vater Staat'!"

Tradierte Rollenbilder

Eine solch emotionsgeladene Antwort zeigt, wie wichtig nach wie vor das traditionelle Rollenmodell für Trendl und den katholischen Familienverband sind. (Ganz abgesehen davon, dass durch den akuten Mangel an Pflegeplätzen, Frauen Mehrfachbelastungen ausgesetzt sind und viele andere, meist mit Migrationshintergrund, unter prekären Bedingungen und ohne Sozailversicherung arbeiten müssen). Wie die Politik – oder „der liebe Vater Staat“ – finanzielle Förderungen vergibt, hat immer auch etwas mit Anreizsetzungen zu tun und beeinflusst, wie Menschen sich verhalten. Steuerliche Absetzbeträge sind dabei vor allem Anreiz, Kinder zu Hause zu betreuen und von den direkten Geldleistungen zu profitieren. Das fördert jene Familien, die es sich leisten können, dass nur ein Elternteil arbeiten geht und die im klassischen Modell – Mutter, Vater, Kind – leben. Alleinerzieher und Alleinerzieherinnen sehen sich trotzdem mit der schwierigen Betreuungssituation konfrontiert, Müttern im Allgemeinen wird der Wiedereinstieg in den Beruf erschwert.

Ein schrumpfendes Land dank rückständiger Politik

Direkte Geldleistungen machen im Moment zwei Drittel der Gesamtausgaben für Familien aus. Anders ist die Situation in Frankreich oder Dänemark, wo sich die höheren Ausgaben für Sachleistungen (also Betreuungsplätze) in einer höheren Geburtenrate mit 2 bzw. 1,73 Kindern pro Frau auswirkt. Österreich hängt mit 1,44 hinterher.

Ungerechte Gesellschaft mit dem Kind als Bürde

Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie kann gar nicht schnell genug verbessert werden in Österreich. Im Moment hängen wir in der untragbaren Situation, dass die Karriere- und Gehaltschancen österreichischer Frauen geringer sind als in anderen europäischen Ländern, wir aber auch am wenigsten Kinder bekommen. Das öffentliche Leben, Politik und Unternehmen sind weiterhin männlich geprägt und reproduzieren Strukturen, die vor allem weiße Männer mittleren Alters bevorzugen. Sollten wir nicht alle mitbestimmen, wie wir unsere Gesellschaft organisieren? Das bedeutet natürlich auch, dass wir Frauen uns aus dem Privaten herausbewegen und Mitbestimmung verlangen. Die österreichische Politik, genau wie heimische Unternehmen, müssen jungen Frauen endlich kommunizieren, dass Kinder kriegen keine Bürde ist.

Was halten Sie von der österreichischen Familienpolitik? Hätten Sie gerne mehr direkte Geldleistungen? Finden Sie, es gibt ausreichend Betreuungsplätze für Kinder?

 

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