"Familie wie jede andere auch": Zu Besuch im Regenbogenfamilienzentrum

Vater-Vater-Kind? Mutter-Vater-Kind? Vater-Kind, Mutter-Kind? Oder doch Mutter-Mutter-Kind? Dass das egal ist, zeigt Österreichs erstes Regenbogenfamilienzentrum. Wir haben dem Haus in Margareten einen Besuch abgestattet und auch über notwendige Getzesänderungen geredet.

„Wir sind eine Familie wie jede andere auch.“ Mit diesem Grundgedanken hat das Regenbogenfamilienzentrum in Wien im Juni seine Arbeit aufgenommen. Und es ist eine Arbeit, die immer wichtiger wird. Denn während Scheidungskinder und Patchwork-Familien heute schon als normal gelten, sieht die Situation für Familien mit gleichgeschlechtlichen Elternteilen noch immer anders aus.

Barbara Schlachter ist Obfrau des Vereins Famos, der sich mit den Anliegen von Regenbogenfamilien befasst. Die 47-Jährige war vor der Gründung ihres eigenen Vereins im Jahr 2011 lange auf der Suche nach einer Stelle, an die sie sich wenden konnte, um sich über ihren Kinderwunsch in einer lesbischen Partnerinnenschaft zu informieren.

"Wir müssen Regenbogenfamilien sichtbarer machen"

„Damals bin ich im Internet fündig geworden, in diversen Foren, wo ich das erste Mal etwas über Heiminsemination oder die Bechermethode [eine Methode der künstlichen Befruchtung, Anm.] gehört habe.“ Damals gab es in Österreich keine Stelle, an die sich das Paar wenden konnte. Und das hat sich nach der Geburt ihres Sohnes fortgesetzt. „Der Bedarf war und ist da, Regenbogenfamilien sichtbarer zu machen und ihnen Unterstützung zu bieten.“

Für lesbische Frauen oder lesbische Paare besteht in vielen Ländern schon lange die Möglichkeit, ein eigenes Kind durch eine Samenspende zu bekommen. In Österreich ist das erst seit 2015 möglich.

Karin Mayer, die gemeinsam mit Schlachter das Zentrum leitet, kennt die Schwierigkeiten aus erster Hand. „Mein Sohn wurde 1995 geboren, aufgrund einer privaten Samenspende. Das war damals absolut ungewöhnlich.“ Die Informationen zur Bechermethode hat sie in einem Buch gelesen. „Und so hab‘ ich das gemacht. Aber es gab natürlich überhaupt keine rechtliche Absicherung, weil es noch kein Thema war in Österreich.“ Damals wollte sie nicht, dass irgendjemand weiß, wie das Kind gezeugt wurde. „Ich hatte Angst, dass alle danach suchen, was an dem Kind anders oder falsch ist.“ Der Spender kam aus ihrem Umfeld – doch Mayer dachte zunächst, dass das Thema Papa erst im Volksschulalter aufkommen würde.

Karin Mayer & Barbara Schlachter

Dem war aber nicht so. „Das Umfeld im Kindergarten konfrontierte ihn natürlich viel früher mit anderen Familienformen“, sagt sie. „Für meinen Sohn war die lesbische Partnerinnenschaft einfach das Normale.“

Kinder brauchen zwar Identifikationsfiguren aus beiden Geschlechtern, aber das müssen nicht die biologischen Eltern sein. Denn Kinder suchen sich ihre Vorbilder ohnehin so, wie sie sie brauchen.
von Barbara Schlachter

Das Thema Coming-Out ist für Regenbogenfamilien ein sehr großes. „Regenbogenfamilien müssen sich andauernd erklären. Sobald du Kinder hast, bist du gezwungen, offen zu leben. In jeder Situation. Du kannst dich einfach nicht mehr im Schrank verstecken“, weiß Schlachter. „Das fängt an in jeder Krabbelgruppe, wo jeder über den Mann, Freund, Vater redet. Wenn du dich nicht total ausgrenzen möchtest, erzählst du natürlich auch von deinem Leben – und outest dich.“ Ein Erlebnis während der Geburtsvorbereitung ist Frau Schlachter besonders in Erinnerung geblieben: „Wir waren das einzige lesbische Paar. Die Kursleiterin hat sich jedoch geweigert, meine Partnerin anzusprechen. Das ist unangenehm, und nicht wertschätzend.“

In Österreich sind Regenbogenfamilien rechtlich anderen Familienformen mittlerweile weitgehend gleichgestellt. Um auch im sozialen Umfeld gleichwertig als Familie anerkannt und vor Diskriminierung geschützt zu sein, ist noch viel Aufklärungs-, Unterstützungs- und Informationsarbeit nötig. Auf politischer Ebene ist dazu als nächster wichtiger Schritt die Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtlich liebende Paare zu setzen.

Gesetze, die verändern

Einige Gesetzesänderungen, wie etwa die Stiefkindadoption, waren wichtige Meilensteine bei der Verbesserung der Situation von Regenbogenfamilien. Gleichgeschlechtliche LebensgefährtInnen sowie eingetragene PartnerInnen können seit 2013 das leibliche Kind des/der PartnerIn adoptieren. 2016 folgte – nach einem Urteil des Verfassungsgerichtshofs aus 2014 – die gemeinsame Adoption. Seither bestehen bezüglich Adoptionen keine Unterschiede mehr zwischen gleich- und verschiedengeschlechtlichen Paaren. Auch die Aufhebung des Verbots der medizinischen Fortpflanzung für lesbische Paare war zentral für eine Verbesserung.

Doch ein wichtiger Punkt fehlt noch: die Ehe-Gleichstellung. Während es Vizekanzler Wolfgang Brandstetter (ÖVP) für „nicht sinnvoll“ erachtet, sich mit dieser Thematik zu beschäftigen, leiden viele Familien unter dieser Gesetzesdiskriminierung. „Für unsere Kinder wäre es wichtig, dass die Ehe geöffnet wird“, sagt Schlachter. Denn die Ehe sorge für mehr Sicherheit für die Kinder und ihre Familien. Österreich ist das einzige Land, indem die Adoption für gleichgeschlechtliche Paare möglich ist, aber die Eheschließung nicht. „Das ist eine massive und vor allem symbolträchtige Diskriminierung, die fallen muss“, ist Schlachter überzeugt. „Für unsere Kinder ist das kein schönes Signal, denn ihnen wird gesagt: ,Deine Eltern dürfen nicht heiraten, aber die von deinem Freund schon.‘“

„Was Kinder brauchen, sind stabile, verlässliche Beziehungen. Es braucht außerdem mehr als rein männliche und weibliche Geschlechterrollen.
von Karin Mayer

Vorbild für das Wiener Regenbogenfamilienzentrum ist Berlin, wo es bereits seit einigen Jahren ein solches Zentrum gibt. Aufholbedarf, was die Sensibilisierung für das Thema Regenbogenfamilien angeht, gibt es in vielen Bereichen. Etwa in den Ausbildungen pädagogischer Berufe, wo noch sehr viel Unwissen herrscht, meint Karin Mayer vom Wiener Regenbogenfamilienzentrum. „Die Familienbilder der PädagogInnen oder der betreuenden Personen müssen sich verändern, weil es mehr als Papa-Mama-Kind gibt. Das Erlernen von Geschlechterrollen findet außerdem nur marginal im familiären Umfeld statt, und mehr im sozialen sowie in den Medien.“

Ein Leben zwischen Diskriminierung und Toleranz

Der Spagat, den Regenbogenfamilien schaffen müssen, ist oft nicht leicht zu bewältigen: „Einerseits müssen wir unseren Kindern ein gesundes Selbstwertgefühl vermitteln, andererseits müssen wir ihnen auch mitgeben, dass es Menschen gibt, die ein Problem mit gleichgeschlechtlichen Eltern haben.“ Deshalb ist das Zentrum so wichtig, denn: „Hier muss sich niemand erklären.“

Wo die beiden einen großen Unterschied zu Kindern aus heterosexuellen Partnerschaften sehen: „Unsere Kinder sind immer absolute Wunschkinder“, sagt Karin Mayer. „Und wir vermitteln wichtige menschliche Werte. Mein Sohn hat das so beschrieben: er hat durch diese Lebensform von klein auf gelernt, dass es Vielfalt, Toleranz und Akzeptanz gibt. Das ist etwas Positives, das wir in diese Gesellschaft hineintragen.“

Links:

Das RbFZ Wien ist ein Kooperationsprojekt zwischen Gemeinde Wien, Bezirk Margareten und FAmOs - Familien Andersrum Österreich - und Österreichs erstes Regenbogenfamilienzentrum.

http://www.rbfz-wien.at/

http://www.regenbogenfamilien.at/

 

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