Faires Online-Shopping? Zwei Wiener Gründerinnen nehmen es mit Amazon auf

Sie macht Angst, schenkt Freiheit, fordert Risiko und verspricht uns dafür Innovation: die Unvernunft. Zwei Wienerinnen wollen beweisen, dass unternehmerische Unvernunft unsere Welt besser macht. Kann das gelingen?

Petra Etzelstorfer und Judith List

Eh klar. Im Nachhinein klingt ja immer alles ganz logisch. Als Melitta Bentz eines Morgens echt genug hatte von diesen bitteren Krümeln in ihrem Kaffee, holte sie tief Luft und brach die Regeln. Sie stach Löcher in eine leere Konservendose, nahm Löschpapier aus den Schulheften ihrer Kinder und produzierte so den ersten Filterkaffee der Welt. Das war 1908, und ihre Innovation revolutionierte den Kaffeekonsum total. Was Melitta Bentz tat, war nicht vernünftig - doch es war die Lösung eines Problems.

Heute, mehr als 100 Jahre und eine Coronapandemie später, steht die Welt vor vielen anderen Problemen, und eines der ganz großen wollen jetzt zwei Wienerinnen lösen: das des unfairen und umweltschädlichen Internethandels. Sie wollen also Amazon und Co an den Kragen. Wie soll das gehen? Es klingt erst mal nach großer Unvernunft, und auch ein bisschen nach naivem Größenwahn.

Jetzt oder nie

Ihr Konzept: regionale und fair produzierte Waren auf einem Onlinemarktplatz anzubieten, um die heimische Wirtschaft zu stärken, Wertschöpfung im eigenen Land lassen zu können und Ausbeutung von Menschen zu vermeiden. Und so kam es zu der Idee, die Gründerin Petra Etzelstorfer als "zu 100 Prozent unvernünftig" beschreibt: "Während des Lockdowns war das Bedürfnis in der Bevölkerung nach regionalen Produkten sowie nachvollziehbaren und vor allem sicheren Vertriebswegen von heute auf morgen enorm in die Höhe geschnellt. Und das war der Zeitpunkt, wo wir uns dachten: Okay, jetzt oder nie." Innerhalb weniger Wochen relaunchten sie und ihre Partnerin Judith List ihre Firma Wiener Label zur Plattform doitfair.com – der erste Schritt war getan.

Warum nicht regional?

Parallel entwickelte sich in diesen Wochen eine ganz ähnliche Idee bei der Aktivistin und Nachhaltigkeitsexpertin Nunu Kaller, die quasi über Nacht begann, eine Liste auf ihrer Website zu erstellen, mit der sie einen Überblick über alle regionalen Betriebe geben wollte, die via Web liefern konnten, bei denen also auch im Lockdown Bestellungen möglich waren. Es war ein Schneeballeffekt - binnen kürzester Zeit standen dort 6.500 heimische Händler, simpel sortiert, aber sichtbar gelistet (nunukaller.at). Die beiden Ideen schienen zusammenzupassen, Nunu Kaller ging eine Kooperation mit den Gründerinnen von Doitfair ein, und nun steht hier ein Onlinemarktplatz, der Potenzial hat. Neben Kaller kommen gerade auch neue Botschafterinnen dazu, wie die Gastronomin Hanna Neunteufel oder die Bloggerin Menerva Hammad (blog-hotelmama.com).

Juckt das Amazon?

Zugegeben, die Vorstellung, mit einem so hausgemachten Konzept einem US-Giganten wie Amazon Konkurrenz machen zu wollen, ist natürlich utopisch. Aber was, wenn es diesen Gründerinnen gar nicht um Konkurrenz geht, was, wenn es darum geht, zu zeigen, dass Wirtschaft, Onlineshopping und die bequeme Lieferung nach Hause auch mit menschlicheren Werten geht? Denn genau darauf setzen Petra Etzelstorfer und Judith List: "Wir wollen nicht einfach nur Produkte verkaufen und Händlern eine Plattform bieten, wir sehen uns auch als Drehscheibe für Information – dass man etwa Versandkosten zahlen muss, weil dahinter Arbeit und Menschen stehen, die man doch nicht so brutal ausbeuten kann. Denn genau das passiert ja bei den großen Onlinehändlern: Sie dumpen die Preise so sehr, dass die Mitarbeiter*innen massiv unter Druck geraten und mit Herzinfarkt aus dem Lieferwagen fallen. Das können wir doch nicht wollen", so Etzelstorfer.

Wirtschaft neu denken

Dass Wirtschaft und Unternehmertum künftig anders gedacht werden müssen, glaubt auch Gründer und Influencer Ali Mahlodji. "Auch ohne Corona haben wir längst gesehen, dass unsere Welt nur noch mit Gründer*innen zu retten ist, die von Anfang an den Fokus auf Nachhaltigkeit legen und darauf achten, das Bestehende zu verbinden. Die werden es am Ende des Tages sein, die alle Krisen meistern und daraus gestärkt hervorgehen." Mahlodji weiß, wovon er spricht, denn vor seiner Karriere in der Startup-Welt ist er durch viele Krisen gegangen.

Seine Geschichte müsste sowieso mal in Hollywood verfilmt werden, aber bevor das passiert, wird er als erster (!) Mann eine Rolle beim WIENERIN Gründerinnentag spielen. Welche genau, verraten wir noch nicht. Also pst – aber es lohnt sich mehrfach, dabei zu sein; auch, weil man dort erfahren wird, wo genau Petra und Judith mit Doitfair hinwollen, warum für sie Ungarn regionaler als Tirol ist und wie sie ihre unvernünftige Gründungsidee mit insgesamt fünf Kleinkindern meistern. Das alles gibt's am 10. September im Studio 44 – und heuer auch erstmals im Livestream auf wienerin.at.

Stromstoß, bitte!

Der Gründerinnentag erzählt in diesem Jahr diverse Geschichten, und doch geht es in vielen um diese Portion Unvernunft, ohne die Innovation nicht möglich ist. Und Unvernunft, so zeigen viele Studien, hat immer auch mit Neugier zu tun. Was Menschen bereit sind, zu riskieren, um diese zu stillen, hat sich kürzlich wieder mal die Wissenschaft angesehen: Die University of Reading hat eine Studie gemacht, in der einer Gruppe aus Freiwilligen einige sehr gute Zaubertricks präsentiert wurden. Um erfahren zu können, wie die Tricks wirklich funktionierten, drohte den Proband*innen aber ein Stromstoß. Wie wahrscheinlich man einen solchen erhalten würde, zeigte eine Grafik.

Die Mehrheit entschied sich für das Risiko – die Neugier war größer als die Angst vor dem Stromstoß. Im Unternehmertum heißt dieser Stromstoß Scheitern, Niederlage und Misserfolg. Gerade jetzt ist ein guter Zeitpunkt, um Zaubertricks zu lernen - gerade für Frauen. Als "Ansporn" gibt es noch die miese Pointe der Kaffeefilter-Erfindung von Melitta Bentz: Ihr Ehemann hat die Entdeckung an sich gerissen, dem Produkt gerade noch ihren Vornamen gegeben -und er wurde sehr reich. Das macht mit dem Blick des Jahres 2020 zu Recht wütend – ist aber nur ein Grund mehr, weibliche Ideen, Unternehmen und Netzwerke zu fördern. Wir sehen uns am 10. September!

 

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