Fail der Woche: Wie sich Frauen-Radtouren von „gewöhnlichen“ Touren unterscheiden

Ein Fahrradblog gibt Tipps rund um Radtouren für Frauen und tut so, als hätten Frauen noch nie alleine das Haus verlassen, geschweige denn sich angestrengt. Unser verdienter "Fail der Woche".

Frauen auf  Rennrädern

„Radtouren erfreuen sich einer immer größeren Beliebtheit. Vor allem auch Frauen begeistern sich immer mehr für Radreisen (…) und freuen sich die Natur auf einem Fahrrad erkunden zu können“, stellt der Radreise-Blog Radissimo fest und ist sicher, dass das auf die „Entwicklung der E-Bikes zurückzuführen“ ist. So würde Frauen schließlich das Fahren auf „ansteigenden Hügeln“ erleichtert werden. Deshalb sollten Radtouren für Frauen auch gesondert betrachtet und geplant werden, findet die Autorin Kristina Simonis. Eine Frauen-Radtour unterscheidet sich immerhin maßgeblich von einer „gewöhnlichen Fahrradtour“.

Eine Frauen-Radtour unterscheidet sich von einer gewöhnlichen Fahrradtour.

von Kristina Simonis vom Radreise-Blog Radissimo

Männer wollen sich auspowern, Frauen stressfrei die Natur erkunden (not.)

Also nochmal für alle: Gewöhnliche Fahrradtouren werden von Männern gefahren – zumindest laut Radissimo. Und zwar natürlich in altbekannter wilder, mutiger, furchtloser und heroischer Manier, denn: „Während viele Männer an einer sportlichen Tour mit vielen Steigungen interessiert sind, auf denen Mann sich richtig auspowern kann, wünschen sich viele Frauen eher eine entspannte Fahrt“, glaubt die Autorin des Blogeintrags mit dem Titel „Spezielle Radtouren für Frauen“ zu wissen. Schließlich verfügen Frauen „über weniger Muskulatur als Männer und sollten unterwegs nicht überfordert werden“, weshalb wir uns mit unseren E-Bikes nur auf überwiegend flachem Gelände bewegen sollten. „Ansonsten kann Frau unnötig unter Druck geraten und die Radtour artet in Stress aus.“

Wichtig: Bitte die mangelnde weibliche Orientierung mit akribischer Vorbereitung wettmachen. (not.)

Das soll natürlich nicht passieren. Die Autorin des Blogs will die armen weiblichen Wesen doch nicht überfordern, weshalb die „Pausen großzügig gewählt werden“ sollten. Und „es empfiehlt sich, vorher eingehend die Karten zu studieren, um geeignete Radwege zu finden. Die Karten sollten auch immer mit im Rucksack transportiert werden, damit man im Falle eines Verfahrens den richtigen Weg wiederfinden kann.“ Bitte nicht so wie diese furchtlosen Männer einfach ohne Blick auf die Karte und komplett ohne Planung mal losradeln. Dann bestünde ja Gefahr, dass wir völlig unerwartet vor einem „ansteigenden Hügel“ landen - und was dann?!!11?elf!?

Die Karten sollten auch immer mit im Rucksack transportiert werden, damit man im Falle eines Verfahrens den richtigen Weg wiederfinden kann. Hier sollten vorher spezielle Karten für Radtouren gekauft werden.

von Newsflash presented by Radissimo

In Notfällen einen Mann kontaktieren! (not.)

Bottom Line des Blogeintrags ist also: „Eine Radtour kann sehr kräftezerrend (sic!) sein und darf nicht unterschätzt werden.“ Daher bitte unbedingt das Handy mitnehmen und auf keinen Fall das Ladegerät vergessen. So kann man in Notfällen – etwa, wenn das weibliche Gehirn mit der Schaltung des E-Bikes überfordert ist – einen Mann anrufen und um Hilfe bitten. Wer also nun Lust auf eine ~spezielle Radtour für Frauen~ bekommen hat: Radissimo, „Ihr Spezial-Reiseveranstalter“, steht „Ihnen bei Fragen zu geeigneten Routen gerne zur Verfügung. „Das (überwiegend weibliche) Team von Radissimo Radreisen“ freut sich auf die Kontaktaufnahme. Nun dann:

Liebes (überwiegend weibliche) Radissimo-Team!
Wie wärs, wenn ihr eure E-Bikes sattelt und ins 21. Jahrhundert radelt? Es findet sich sicher eine optimale flache Route, bei der ihr ganz sicher nicht ins Schwitzen kommt und der tourentaugliche Lidschatten dementsprechend nicht verwischt. Nichtsdestotrotz können wir euch eines versprechen: Die größten Hürden sind auch heute noch nicht die (für die weibliche Muskelmasse) unbezwingbaren Berge, sondern strukturelle Probleme und Sexismus im Profisport. Bei der Tour de France dürfen bis heute ausschließlich Männer teilnehmen. Weibliche Spitzensportlerinnen veranstalten ein separates Rennen am Vortag. Das ist bis heute ein inoffizielles Event ohne abgesperrte Straßen und vielmehr mit Symbolfaktor. Dazu kommt: Weibliche Radrennfahrerinnen leiden bis heute unter Schmerzen im Genitalbereich, weil sie auf Sätteln, die auf Männer ausgerichtet sind, fahren.
Was Pierre de Coubertin, Gründer des Internationalen Olympischen Komittees im Jahr 1896 gesagt hat, scheint auf Ihrem Radissimo-Blog bis heute zu gelten: Männer treiben den Sport, Frauen sind zum Applaudieren da und durch ihren Körperbau nicht für den Sport gemacht. Ja okay, vielleicht haben Frauen weniger Muskelmasse, aber mit eurem Blogeintrag reproduziert ihr Stereotype und tut so, als wäre jeder Mann dieser Welt sportlich fitter als es eine Frau jemals sein könnte. Und das ist Bullshit!
Alles Liebe, die WIENERIN-Redaktion.

Zur Serie: Der Fail der Woche "zeichnet" regelmäßig besonders sexistische, frauenfeindliche und/oder rassistische Sager oder Internet-Fundstücke aus.

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