Fail der Woche: Till Lindemann romantisiert im Gedicht "Wenn du schläfst" Vergewaltigungen

Der Rammstein-Sänger veröffentlicht im Kiwi Verlag einen Lyrikband mit Inhalten, die Rape Culture verherrlichen. Wenn wir nun schon wieder darüber diskutieren müssen, ob man Kunst von Künstler*in trennen soll/kann/muss, kann das nur ein Fail der Woche sein. Ein Kommentar.

Lindemann

Wie beginnt man einen Text zu einem Thema, über das schon so oft so viel geschrieben wurde? Es wurde doch schon alles gesagt. Immer und immer wieder – nur eben immer noch nicht gehört. Dabei ist die Geschichte doch immer dieselbe: Ein*e Künstler*in veröffentlicht etwas, das diskriminierend ist. Menschen, die sich der diskriminierten Gruppe zuordnen, äußern Kritik. Sie zeigen auf, dass sie verletzt sind, dass diese vermeintliche Kunst triggert, sie äußern ihre Wut, betreiben immer und immer wieder Bildungs- und Bewusstseinsarbeit. Daraufhin wird der Täter in Schutz genommen – es wäre schließlich Kunst.

Die Trennung von Kunst und Künstler*in ist problematisch.

Aktuellster Anlass für dieses Schema: Der Rammstein-Sänger Till Lindemann veröffentlicht im Kiwi Verlag einen Lyrikband mit Inhalten, die Rape Culture verherrlichen. In dem Gedicht "Wenn du schläfst" gibt Lindemann eine detaillierte, romantisierende Beschreibung einer Vergewaltigung wieder. Der darauffolgende Shitstorm ist groß, der Aufschrei laut und die Stellungnahme von Seiten des Verlags nichts weiter als eine alte Leier, die nicht wahrer wird je öfter man sie wiederholt:

Stellungnahme des Verlags zur Kritik an Till Lindemanns Gedicht "Wenn du schläfst" aus dem Gedichtband "100 Gedichte" (hier)

Die moralische Empörung über den Text dieses Gedichts basiert auf einer Verwechslung des fiktionalen Sprechers, dem sogenannten "lyrischen Ich" mit dem Autor Till Lindemann.

Die Differenz zwischen lyrischem Ich und Autor ist aber konstitutiv für jede Lektüre von Lyrik wie von Literatur allgemein und gilt für alle Gedichte des Bandes wie für Lyrik überhaupt. Andernfalls wären keine literarischen Fiktionen und Phantasien des Bösen, der Gewalt, wie wir sie zahlreich aus der Weltliteratur von Henry Miller über B. E. Ellis bis zu A. M. Homes kennen, möglich und die Freiheit der Kunst damit hinfällig.

Dass der im Gedicht dargestellte Vorgang unter moralischen Gesichtspunkten zutiefst verwerflich ist, ist eine Selbstverständlichkeit und erlaubt keine persönliche Diffamierung des Autors.


3. April 2020

Helge Malchow, editor-at-large, für den Verlag Kiepenheuer & Witsch

Kunst und Künstler*in müsse man trennen. An der Neutralität von Kunst sollten wir festhalten, sagt man uns von jener Seite, die an Lindemanns problematischen Texten verdient.
Nur: Die Trennung von Künstler*innen und Kunst ist nicht zeitgemäß. Sie war es nie. Sie hat Grenzen. Sie ist Ausdruck eines gefährlichen Geniekults - dass Künstler*innen Genies wären, die sich von der Gesellschaft und sogar von der eigenen Privatperson loslösen können, wenn sie Kunst schaffen. Können sie nicht. Die Annahme, dass diese Trennung möglich sei, hat nur zur Folge, dass diskriminierende Inhalte viel zu oft durchgewunken werden, weil sie uns als vermeintliche Kunst begegnen.

Rape Culture ist keine Kunst.

Wer Rammstein kennt, weiß, dass in den Texten gerne ein Bruch erzeugt wird: Ein grausiges Thema möglichst blumig umschrieben, soll zeigen, wie absurd – ja, wie falsch etwas ist. Nur: Dieses Stilmittel funktioniert hier nicht. Es gibt keinen Bruch, weil das Erzählte viel zu oft Realität ist. Eine von drei Frauen wird Zeit ihres Lebens Opfer von Gewalt. 29,5 Prozent aller Frauen müssen sexuelle Gewalt erleben.

Wer problematischen Künstler*innen wie Lindemann unreflektiert eine Bühne gibt und auf die Neutralität von Kunst beharrt, verhöhnt all jene Menschen, die unter der vermeintlichen Kunst leiden. Dazu kommt, dass das Gedicht völlig kontext- und kommentarlos in dem Lyrikband erschienen ist – ohne Triggerwarnung.

Die Trennung zwischen Lyrischem Ich und Autor*in hat Grenzen. Das Lyrische Ich kann vielleicht manchmal neue Perspektiven öffnen, andere Zugänge bieten, aber: Was ist an einem Stück, das eine Vergewaltigung detailliert beschreibt und dabei romantisiert, künstlerisch wertvoll? Till Lindemanns Gedicht ist nicht Kunst. Es ist – wieder mal - problematischer Inhalt unter dem Deckmantel der Kunstfreiheit.

Zur Serie:

Der Fail der Woche "zeichnet" regelmäßig besonders sexistische, frauenfeindliche und/oder rassistische Sager oder Internet-Fundstücke aus.

 

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