Fail der Woche: Kabarettistin Lisa Eckharts Witze über das Corona-Virus

Warum "Ist ja nur Spaß!" weder Rassismus noch Sexismus rechtfertigt und wie lustig Comedy sein kann, die ohne plumpe Stammtischwitze auskommt.

Seit dem Auftauchen des Coronavirus häufen sich die Meldungen: In Frankreich wurden asiatisch aussehende Menschen in einem öffentlichen Verkehrsmittel beschimpft und bespuckt, in anderen Ländern warnen sich die asiatischen Communitys gegenseitig vor rassistischen Übergriffen und raten davon ab, auf die Straße zu gehen. Die "kleinen Witze“ über die "lustigen Chinesen mit ihren Mundschutzmasken" haben Hochsaison: Es scheint, das Auftauchen eines lebensgefährlichen Virus‘ sei eine willkommene Einladung, dem latenten Alltagsrassismus endlich wieder eine Berechtigung zu geben.

Sollten es aber nicht die, die mit Witzen ihren Beruf bestreiten, besser wissen? Oder ist österreichisches Kabarett in vielen Fällen genau das: ein Wiederholen von Alltagsrassismus und -sexismus, von Aussagen, die am Stammtisch nicht anders klingen?

Kabarett in Österreich: Nichts besser als ein Stammtischwitz?

Lisa Eckhart, österreichische Kabarettistin mit "edgy" polarisierendem Image, hat am 6. Februar in der TV-Sendung "Nuhr im Ersten" (Link zur Sendung, ab Minute 38:00) im Zusammenhang mit dem Coronavirus über "Schlitzaugen" und das "Ching Chong Chinaland" referiert: "Dass die Chinesen jetzt wegen des Virus hysterisch reagieren, ist klar. Die haben eben einen Hang zur Dramatik. Das liegt aber an ihrem Sichtfeld. Die erleben ja alles in so einer Breitbild-Clockbuster-Optik." Und forderte letztlich das Publikum auf, doch nicht jeden asiatisch aussehenden Menschen zu diskriminieren, das sei schließlich rassistisch. Und in Deutschland diskriminiere man niemanden wegen seines Niesens, höchstens wegen seiner Nase – eine eindeutige Anspielung auf den antisemitischen Stereotyp von Menschen jüdischen Glaubens mit großer Nase. Aber nicht nur das Coronavirus ist Teil von Lisa Eckharts Ausführungen: Auch Mutter Erde, eindeutig eine Frau, bekommt Schimpfer. Die sei ja nun eindeutig in den Wechseljahren – ehemals feuchte Stellen würden austrocknen, trockene würden anfangen zu "safteln", sie wäre ein bisschen gereizt, schließlich säßen die Pole nicht mehr so straff.

All jenen unter den geschätzten Leser*innen, denen bei dieser Nacherzählung glatt ein kurzes Schmunzeln ausgekommen ist, seien folgende Fragen gestellt: Ist der plumpe Lacher auf Kosten anderer nicht ein bissl zu einfach? Ist das nicht nur deshalb lustig, weil’s "die anderen" betrifft? Sollte Comedy nicht intelligent genug sein, ohne die Reproduktion von rassistischen und sexistischen Klischees zum Nachdenken anregen zu können?

Dass Humor anders geht, zeigt der Politically Correct Comedy Club, kurz PCCC*. Die WIENERIN hat Mitglied und Comedienne Denice Bourbon gefragt, wie weit Comedy gehen und selbst Klischees verwenden darf, um Klischees aufzuzeigen. Ihre Sicht ist klar: "Wenn privilegierte Leute diskriminierende Klischees verwenden, ist das nie aufzeigend, sondern nur reproduzierte Gewalt. Niemand, der sich ein Kabarett wie das von Lisa Eckhart ansieht, erlebt einen 'Aha-Moment', um sich danach weniger diskriminierend zu verhalten. Wer lacht bei dieser Art von 'Comedy'? Menschen, die sich in ihrem Rassismus und Sexismus bestätigt fühlen." Bourbon weiter: "Alles wird rasch relativiert und schon rechtfertigt man mit 'Ist ja nur ein Spaß!' jede Art von Diskriminierung. Dabei ist es ja nicht einmal lustig."

Politisch korrekte Comedy ist kein Ding der Unmöglichkeit

Rassismus und Sexismus in der Comedy ist kein österreichisches Phänomen, meint Bourbon: "Diskriminierungen zu reproduzieren, wie es einfach ist und du billige Lacher dafür kassierst, ist schon eine globale Sache. In den USA, UK und Skandinavien ist diese Art von 'Comedy' Gott sei Dank längst passé. Das wird auch in den nächsten Jahren im deutschsprachigen Raum passieren." Und laut Bourbon die Spreu vom Weizen trennen: "Intelligente Beobachtungen in nicht diskriminierende, bissige Witze zu verwandeln, ist eine Herausforderung. Es wird sich herausstellen, wie viele das Zeug dazu haben werden." Beispiele jener Künstler*innen, die Bourbon zufolge auch ohne Diskriminierung lustig sind: Josef Jöchl, Hosea Ratschilller, Malarina oder BerniWagner.

Bei den Comedy-Abenden des PCCC* selbst lautet die oberste Prämisse, dass jeder Scherz politisch korrekt sein muss – ein Ding der Unmöglichkeit? Nein, sagt Denice Bourbon: "Bei uns gilt: Nach oben treten, nie nach unten. Oder einfacher: Sei einfach kein Arschloch."

Edit: In der ursprünglichen Version des Artikels haben wir das S-Wort (rassistische Bezeichnung für asiatisch aussehende Menschen) im Titel verwendet, ohne den nötigen Kontext zum Inhalt Lisa Eckharts TV-Auftritt herzustellen. Unsere Intention ist es keinesfalls, diskriminierende Begriffe in Schlagzeilen oder Titeln zu reproduzieren - selbst wenn wir sie in weiterer Folge im Gesamtkontext verurteilen -, weshalb wir den Titel nachträglich geändert haben.

Zur Serie: Der Fail der Woche "zeichnet" regelmäßig besonders sexistische, frauenfeindliche und/oder rassistische Sager oder Internet-Fundstücke aus.

 

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