Fail der Woche: Das sind die Amadeus-Nominierten (Spoiler: Es sind viele Männer)

Am 23. April wird der Amadeus Austria Music Award zum 20. Mal verliehen. Chance auf eine Auszeichnung haben deutlich mehr Männer als Frauen. Warum?

Vergangenes Jahr haben wir uns gefragt: Wo sind die Frauen in der Musikszene? (>>> mehr dazu hier!) Die Antwort war wenig überraschend: Es gibt sie, sie sind viele, sie sind da, sie sind laut – sie werden nur nicht so häufig gebucht wie Männer. Denn: Die Musikindustrie ist nicht so progressiv wie sie gerne tut und große Markennamen wie Lizzo oder Beyoncé täuschen darüber hinweg, dass die Musikindustrie immer noch zu oft ein All Boys' Club ist. Auch in Österreich, wie die Nominierungen des Amadeus Austria Music Awards zeigen.

Keine großen Überraschungen bei den Nominierungen

Zum bereits 20. Mal wird in der heimischen Musikszene der renommierte Preis verliehen – und bei den Nominierungen gibt es leider wenig Überraschungen. Mit RAF Camora, Wanda, Bilderbuch, DJ Ötzi, Pizzera & Jaus und Seiler und Speer sind hauptsächlich männliche Artists unter den Top-Nominierten.

In der Kategorie "Album des Jahres" sind nur Männer nominiert. Auch für den "Live-Act des Jahres" sind ausschließlich Männer nominiert. Beim "Song des Jahres" hat mit Mathea zumindest eine Frau unter vier Männern eine Chance auf den Preis.

Insgesamt sind von den 65 Nominierungen 43 rein männlich, bei zehn der nominierten Acts ist zumindest eine Frau dabei. Mit elf Nominierungen sind nur 17 Prozent rein weiblich. In allen Kategorien sind die männlichen Nominierten in der Überzahl. Kurzum: "Sehr Weiß, nicht sehr divers, nicht sehr migrantisch, nicht intersektional", so Musikkuratorin, Kulturmanagerin und Aktivistin Marlene Engel, die mit erfolgreichen Formaten wie Hyperrealityzeigt, dass es auch anders geht. Beim Amadeus Austria Music Award aber werde "auf den ersten Blick sichtbar: Es ist elitär, Subkultur wird ausgeschlossen."

Männer nominieren Männer

Sieht man sich die Strukturen hinter dem Amadeus Austria Music Award(A.A.M.A.) an, sei die Auswahl der Acts laut Engel "nicht verwunderlich". Der A.A.M.A. wurde vom Verband der Österreichischen Musikwirtschaft (IFPI) ins Leben gerufen, der auch als Veranstalter auftritt. "Bei IFPI sind im Vorstand nur Männer. Der Geschäftsführer: ein Mann. Die Marketingleitung: männlich. Es ist ein komplett männergeleiteter Betrieb und das spiegelt sich in der Auswahl der Acts wider." Dazu käme die Frage nach der Transparenz: "Wer sucht die Nominierungen aus? Das ist sehr intransparent, deshalb kann ich nur sagen: Es gibt einen kausalen Zusammenhang zwischen einem komplett männlichen Hintergrundveranstalter und den Nominierungen. So wirkt es zumindest."

Grundsätzlich ergeben sich die Nominierungen aus der Jurywertung und aus den Verkäufen im Jahr 2019 (Basis sind die Austria Top 40 Verkaufscharts 2019). Für die Jurywertung nominieren Jurymitglieder die Künstler*innen, Songs und Alben persönlich nach bestem Wissen und Gewissen und ohne Beeinflussung durch Dritte mittels passwortgeschütztem Online-Nominierungssystem. Die Jurymitglieder sind verpflichtet, ihre Nominierungen geheim zu halten. Die beiden Wertungen - Jury und Verkauf - fließen jeweils zu 50 Prozent in das Gesamtranking ein.

Nichtsdestotrotz könne das Ungleichgewicht in den Nominierungen der Jury nicht an einem Mangel an weiblichen und queeren Artists liegen. "Das Argument, es gäbe zu wenig Frauen, ist hundertprozentig Augenauswischerei. Dafür gibt’s zu viele Gegenbeweise", so die Musikkuratorin.

Sich als Preis keiner sozialpolitischen Verantwortung bewusst zu sein, finde ich fragwürdig.

von Marlene Engel

Wo bleibt die gesellschaftspolitische Verantwortung?

Auch in der Vergangenheit ist der A.A.M.A. nicht mit Diversität aufgefallen. Wir erinnern uns: Letztes Jahr hat die Musikerin Soap&Skin ihre Teilnahme bei den Awards abgesagt, weil sie in derselben Kategorie wie Andreas Gabalier nominiert worden war (>>> wir berichteten). Damals hieß es vom Veranstalter, dass man das akzeptieren müsse. Schließlich stehe seit jeher "die Vielfalt der Musik im Zentrum der Preisverleihung". Nur: Ein leeres Statement reicht als Positionierung nicht aus, wenn die Nominierungen ein anderes Bild zeichnen. "Ein Andreas Gabalier hat in keinster Weise was mit Vielfalt zu tun. Das ist jemand, der in Liedern Kameradschaft besingt und sich öffentlich wünscht, dass man Homosexualität nicht zu breitenwirksam und lieber eher im Versteckten lebt. Das ist jemand, der rückwärtsgewandt, nicht progressiv ist und für alles andere als Diversität steht. Sich da als Preis keiner sozialpolitischen Verantwortung bewusst zu sein, finde ich fragwürdig", erinnert Kuratorin Engel an letztes Jahr. "Wenn man den Gabalier auszeichnen will, dann soll sich die FPÖ einen eigenen Preis bauen: Den goldenen Heinz oder den goldenen Jörg oder so", so Engel.

Frauen auf der Bühne heißt: Mehr Frauen auf der Bühne

Wie wichtig eine diversere, ausgeglichenere Darstellung wäre, wissen wir aus der Wissenschaft: Dass wir uns etwas eher vorstellen können, wenn wir es sehen und vorgelebt bekommen, ist bewiesen. Sprich: Mehr sichtbare, hörbare Frauen und queere Menschen auf der Bühne führen in weiterer Folge zu noch mehr Frauen und queeren Menschen auf der Bühne. Nur: Dieser Effekt funktioniert aktuell in die entgegengesetzte Richtung. Sexistische Strukturen werden durch Nominierungslisten wie die der A.A.M.A. immer wieder reproduziert. "Im Endeffekt wäre es wichtig, bei sich selbst anzufangen", so Engel. Und vor allem: "Strukturen zu hinterfragen, denn: Nur weil ich denke, ich bin Feminist und mein privates Handeln darauf auslege, brauch‘ ich nicht glauben, dass die Strukturen, in denen ich mich befinde, Antifeministisches nicht reproduzieren können."

Ob Quotenregelungen ein Anfang sein können, Strukturen zu brechen? "Das weiß ich nicht, die Musikwirtschaft ist sehr komplex. Es sollte bei diesen Preisen nicht nur um die wirtschaftlichen Dinge gehen, sondern auch um eine Szene, die wirtschaftlich vielleicht weniger Kapital produziert und dafür der Homogenisierung eines Kulturbegriffs entgegen arbeitet", findet Engel. Wir müssten "Musik generell einfach neu denken, aber so wie ich Österreich kenne, führen sie stattdessen zum Ausgleich einen Frauenpreis ein."

Eines ist jedenfalls fix: Das mit dem Feminismus und der Chancengleichheit ist nicht abgehakt, wenn in der Kategorie "Songwriter des Jahres" Semino Rossi mit der Nummer "Unbeschreiblich Weiblich" nominiert ist.

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Anmerkung: Die WIENERIN hat die Veranstalter der A.A.M.A. am 20.2.2020 schriftlich um eine Stellungnahme bis 21.2.2020, 12 Uhr, gebeten. Eine Stellungnahme von Mag. Thomas Böhm, Leiter Marketing & Public Relations von IFPI wurde am 21.2.2020 um 15:13 Uhr nachgereicht:

"Natürlich geht es bei den Amadeus Austrian Music Awards um Vielfalt, 65 Nominierungen aus unterschiedlichsten Musikgenres wie Alternative, Electronic/Dance, Hard&Heavy, HipHop/Urban, Jazz/World/Blues, Pop/Rock, Schlager/Volksmusik plus dem FM4 Award. Wenn das keine Vielfalt ist… Ich persönlich wünsche mir auch mehr Frauen unter den Nominierten, doch die Nominierungen erfolgen nach klaren (geschlechtsunabhängigen) Regeln. Ausschlaggebend sind Verkäufe und die Jurywertung. Letztendlich entscheiden die Musikfans (Männer und Frauen) und die Jury (Männer und Frauen) über die Nominierten."

Die Frage nach gesellschaftspolitischer Verantwortung blieb offen.

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Alle Nominierten im Überblick:

Album des Jahres:

  • DJ Ötzi - 20 Jahre
  • Seiler & Speer - Für Immer
  • Bilderbuch - Vernissage My Heart
  • RAF Camora - Zenit
  • Voodoo Jürgens - S'klane Glückspiel

Song des Jahres:

  • Mathea - Chaos
  • Wanda - Ciao Baby
  • Seiler & Speer - Herr Inspektor
  • Pizzera & Jaus - Kaleidoskop
  • RAF Camora - Puta Madre

Live-Act des Jahres:

  • Bilderbuch
  • Seiler & Speer
  • EAV
  • Pizzera & Jaus
  • Folkshilfe

Songwriter des Jahres:

  • Lemo - Alte Seele
  • Yasmo - Gib Mir Das
  • Melissa Naschenweng - Bergabauernbuam
  • Sympathy - Lost
  • Semino Rossi - Unbeschreiblich Weiblich

FM4-Award:

  • Anger
  • Buntspecht
  • Oehl
  • Yasmo & die Klangkantine
  • Lou Asril

Lebenswerk: wird erst bekanntgegeben.

Tonstudiopreis Bester Sound:

  • 5K HD - High Performer
  • Bilderbuch - Vernissage My Heart
  • Julian Le Play - Sonne Mond Sterne
  • Lylit - Inward Outward
  • Thorsteinn Einarsson - Ingi

Alternative:

  • Buntspecht
  • Lou Asril
  • My Ugly Clementine
  • Pauls Jets
  • Voodoo Jürgens

Electronic/Dance:

  • Darius & Finlay
  • HVOB
  • Moewe
  • Parov Stelar
  • Wurst

Hard/Heavy:

  • BZFOS
  • Edenbridge
  • Our Survival Depends On Us
  • Russkaja
  • Turbobier

Hip Hop/Urban:

  • Dame
  • Hunney Pimp
  • Keke
  • RAF Camora
  • Yung Hurn

Jazz/World/Blues:

  • 5/8erl in Ehrn
  • Hans Theesink
  • Marina & The Cats
  • Wiener Blond & das Original Wiener Salonensemble
  • Wieder, Gansch & Paul

Pop/Rock:

  • Bilderbuch
  • Mathea
  • Pizzera & Jaus
  • Seiler & Speer
  • Wanda

Schlager/Volksmusik:

  • Die jungen Zillertaler
  • Die Seer
  • DJ Ötzi
  • Melissa Naschenweng
  • Die Nockis
 

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