Fail der Woche: Brigitte Bierlein, die "Karrierefrau"

Eine "resolute" Frau, die "ihr Leben ihrem Beruf gewidmet" hat. Der ORF reproduziert bei der Berichterstattung über Birgitte Bierlein Sexismen und Stereotypen. Das ist problematisch - und deswegen unser "Fail der Woche".

Brigitte Bierlein

Beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk ist man sichtlich noch etwas ungeübt, was die korrekte Berichterstattung über eine Bundeskanzlerin betrifft. Kein Wunder, schließlich ist Brigitte Bierlein auch die erste Kanzlerin, die Österreich je hatte - und die latent sexistische Berichterstattung über eine Frau in diesem Amt ist eine der vielen Gründe, warum die Besetzung mit ihrer Person so wichtig ist.

Aber von Anfang an. Der ORF widmete der designierten Kanzlerin am Donnerstag ein 90-sekündiges-Porträt in der Hauptabend-ZIB (hier nachsehen), das die Verfassungsrechtlerin genauer vorstellen sollte. Bierlein wird als kompetente, erfahrene und engagierte Persönlichkeit gezeigt. Immer wieder stellt der Bericht Bierleins "Ehrgeiz" in den Vordergrund, ihr "resolut selbstbewusstes Aufreten". Bierlein widmete ihr "Leben ihrem Beruf" heißt es etwa in einem Nebensatz, außerdem sei sie stets "sehr fleißig" gewesen. Alles vermeintlich positive Zuschreibungen - gepaart mit einer Prise Paternalismus und unterschwelligem Sexismus.

Karrieremänner gibt es nicht

Stellen wir uns mal einen 69-jährigen Höchstrichter vor, der in einem Beitrag als "sehr fleißig", "zielstrebig" und "resolut" bezeichnet wird. Als jemand, der sein Leben der Arbeit untergeordnet hat (und nicht der Familie). Klingt schwierig vorstellbar? Ist es auch. Weil Kanzler eben nicht als "Karrieremänner" bezeichnet werden, die ihr Leben etwas anderem als der Familie widmen. Weil es eben selbstverständlich ist, dass Männer Karriere machen können. Ohne, dass man es extra betonen muss. Ohne, dass man unterschwellig darauf hinweist, dass sie eben nicht bei ihrer Familie geblieben sind, sondern den anderen Weg eingeschlagen haben. Und, weil es eben auch egal ist, ob ein Mann jetzt Familienmensch ist oder nicht - solange er seinen Beruf gut macht.

Für viele mag das eine oder andere Wort keinen Unterschied machen. Man hat sich ja eh Mühe gegeben, Bierlein positiv darzustellen. Doch solange in der meist-gesehenen Nachrichtensendung des Landes Bundeskanzlerinnen (möge es noch viele weitere geben!) mit derartigen Attributen vorgestellt werden und damit Stereotypen manifestiert werden, tut man auch allen anderen Chefinnen und jenen, die es noch werden wollen, keinen Gefallen. Solange der öffentlich-rechtliche Rundfunk Bierleins Lebensplanung zum Thema macht, dürfen wir uns sonst nicht wundern, wenn Frauen bei Einstellungsgesprächen weiterhin nach ihrer Familienplanung gefragt werden. Denn ja - Sprache macht einen Unterschied. Ob du von den Medien "Mutti" oder "Vater der Nation" genannt wirst, macht einen Unterschied. Und zwar nicht nur auf persönlicher Ebene, sondern eben auch auf gesellschaftlicher.

Österreich hat jetzt endlich eine Bundeskanzlerin. Sei es nun nur für ein paar Monate oder nicht. Es sollte ein Weckruf für uns alle sein, noch einmal darüber nachzudenken, wie wir über Politikerinnen und Frauen berichten. Nämlich unvoreingenommen und mit dem gleichen Respekt und Anerkennung, den auch alle Amtsträgern vor ihr erfahren haben. Ohne ständige Referenzen auf ihr Aussehen, ihre Kleidung oder ihre Lebensplanung. So hat es Bierlein verdient. Und auch jede andere Frau in Österreich.

Zur Serie: Der Fail der Woche "zeichnet" regelmäßig besonders sexistische, frauenfeindliche und/oder rassistische Sager oder Internet-Fundstücke aus.

 

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