Facebook löscht wichtiges Posting über Alltagsrassismus in Österreich

Imoan Kinshasa* teilt ihre Erfahrungen mit Rassismus als schwarze Bayerin, die gerne Dirndl trägt. Für Facebook fällt das unter "Hate Speech" und verstößt damit gegen die Community Richtlinien.

***Update***: Ein weiteres Posting, in dem Imoan Kinshasa das Entfernen ihres originalen Posts anprangerte, wurde von Facebook ebenfalls entfernt und die Nutzerin gesperrt. Dieses zweite Posting ist inzwischen wieder hergestellt, die Sperre der Nutzerin aufgehoben. "Der Beitrag wurde versehentlich entfernt und ist mittlerweile wieder auf Facebook verfügbar. Wir haben uns für den Fehler bei Imoan Kinshasa entschuldigt" sagte eine Facebook Sprecherin gegenüber der WIENERIN. Das Originalposting ist nach wie vor nicht verfügbar.

 

Am Sonntag beschreibt Imoan Kinshasa* ihre Erlebnisse auf einem niederösterreichischen Weinfest in einem Facebook-Posting. Offen und ehrlich, kritisch und ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen. "Ein N**** im Dirndl, jetzt hab ich alles gesehen", haben ihr Jugendliche hinterher gerufen. Imoan schönt nichts, sie schreibt nicht "N-Wort", weil auch die Jugendlichen in Niederösterreich nicht "N-Wort" sagen. Sie schreibt das Wort aus. Für Facebook ein Trigger, das Posting verschwindet und mit ihm tausende Likes, Shares und Kommentare. Die waren durchwegs positiv, sie ermutigten Imoan, verurteilten die rassistischen Handlungen und machten sich für eine gleichberechtigte, diverse Gesellschaft stark. Facebook fällt ein anderes Urteil: Hate-Speech, Hassrede. Das verstößt gegen die Gemeinschaftsstandards

Facebook-Richtlinien falsch angewandt

Hass und Gewalt, Pornographie und Belästigung  - solche und andere Inhalte verstoßen gegen die Gemeinschaftsstandards sozialer Netzwerke und werden gelöscht. Immer wieder aber verschwinden auch Beiträge, deren Inhalt sich genauso gegen die zu Recht unerwünschten Vorfälle stellt. Dann wird etwa Body-Positivity mit Anzüglichkeit verwechselt oder antirassistische Beiträge mit Rassismus.

 

 

"Ich bin nicht überrascht dass das Posting gelöscht wurde", sagt Imoan gegenüber der WIENERIN dazu. "Aus welchem Grund auch immer, es ist falsch. Wir arbeiten gerade daran, es auf anderen Kanälen wieder online zu bringen. Ich möchte nicht riskieren meinen Account zu verlieren. Alle, die sich bei mir gemeldet haben, ermutigen mich, nicht still zu sein. Wir werden uns jetzt mit diesem Thema auseinandersetzen müssen." Inzwischen ist nicht nur das Posting gelöscht, auch Imoans Facebook-Account wurde für 24 Stunden gesperrt.

Imoan Kinshasas gelöschtes Posting über Alltagsrassismus in Österreich

Das war der vollständige Text in Imoans Posting:

"Mein Lachen täuscht.

Wir haben spontan beschlossen mit unseren Nachbarn auf das Weinfest in Traiskirchen zu fahren. Voll motiviert haben wir Mädels uns in die Tracht geworfen. Ich habe mich wunderschön und stark gefühlt, als ich heimkam war ich den Tränen nahe. Als gebürtige Bayerin trage ich immer schon Dirndl. Besonders stolz war ich, weil meine Oma einige Kleider selbst genäht hat (Luxus!!!). Im Trachtenverein war ich der Star, eh klar, „ma wia liab“ und 927272 Fotos mit Touristen waren Standard. 

Standesgemäß sind wir mit der Badener Bahn angereist. Als wir in Traiskirchen aussteigen kommen wir keine 10 Meter ohne den ersten rassistischen Vorfall. „Jetzt hab ich alles gesehen, ein N**** im Dirndl, das kann ich jetzt abhaken“. Eine Gruppe von 16-17 jährigem Jungs. Als ich sie angefahren bin ob sie ein Foto zwecks Glaubwürdigkeit wollen, stammeln sie Entschuldigung und rennen peinlich berührt an uns vorbei. 

Beim Fest angekommen. Alle Augen sind auf uns gerichtet. Nein auf MICH!  Ich höre die Leute reden. „Eine schwarze im Dirndl!“. Augenpaare blicken mich verwirrt, böse oder belustigt an. An den Nachbartischen wird geredet und gestarrt. Wir holen essen, nein auch da keine 2 Minuten Ruhe. Ich kann keinen Schritt machen ohne das Gerede und Gelächter zu hören. 

Ich fühle mich wie eine Aussätzige. Beobachtet und exponiert. Ja ich weiß, einige haben sich sicherlich gedacht wie hübsch ich heute aussehe. Ich habe mich gefühlt wie ein Alien, als wäre ich hier verboten. 

Ich resigniere und schaffe es bis zum Heimgehen nicht auszurasten. In mir kocht es, ich will mit meinen Freunden einfach nur einen feinen Abend haben. 

Eine Dame auf der Toilette, erfahre ich später, freute sich über den Anblick meiner blonden Freundin in Lederhosen, aber als sie mich sah wurde ihr wohlwollender Omablick eiskalt. 

Was habe ich getan? DAS ist meine Kultur. Ich kenne nur Bayern und Österreich. Lederhosen und Bier. Ich fühle ich mich meiner selbst beraubt. Für diese Leute ist ein „N**** in Tracht“ eine Karikatur, für den ein oder anderen gar eine Beleidigung. Am liebsten möchte ich gar nichts mehr damit zu tun haben, ich schäme mich für Seehofer und Söder, wo ist eure gmiadlicheid zefix? 

Ihr zwingt jeden Menschen mit klarem Verstand quasi dazu diese „Leitkultur“ abzulehnen. Ich für meinen Teil bin tief verletzt und werde in Zukunft gezielt auf Veranstaltungen gehen wo wir mit weniger Anfeindung zu rechnen haben. 

Ich fühle mich ausgeschlossen und eingeschränkt. Strache und Co haben recht, es gibt No-Go Areas, für mich Mittlerweile definitiv. Am liebsten würde ich mir die Decke über den Kopf ziehen, mich verstecken und nicht mehr raus gehen. 

Dieser antrainierte Hass zerfrisst mich innerlich...."

 

Die WIENERIN hat bei Facebook nachgefragt, warum das Posting gelöscht worden ist und welche Maßnahmen die Plattform anwenden möchte, um antirassistische Inhalte besser zu schützen. Eine etwaige Antwort wird an dieser Stelle veröffentlicht.

***Update***: Ein weiteres Posting, in dem Imoan Kinshasa das Entfernen ihres originalen Posts anprangerte, wurde von Facebook ebenfalls entfernt und die Nutzerin gesperrt. Dieses zweite Posting ist inzwischen wieder hergestellt, die Sperre der Nutzerin aufgehoben. "Der Beitrag wurde versehentlich entfernt und ist mittlerweile wieder auf Facebook verfügbar. Wir haben uns für den Fehler bei Imoan Kinshasa entschuldigt" sagte eine Facebook Sprecherin gegenüber der WIENERIN. Das Originalposting ist nach wie vor nicht verfügbar.

*Imoan Kinshasa ist ein Alias. Ihr voller Name ist der Redaktion bekannt.

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