Ex-Skiläuferin klagt an: Über Vergewaltigungen, sexuelle Übergriffe und Bulimie

"Es hat Übergriffe gegeben. Von Trainern, von Betreuern, von Kollegen". Nicola Werdenigg, ehemalige Weltcup-Skiläuferin und Vierte der Olympia-Abfahrt von 1976 in Innsbruck, schildert bedrückende Szenen aus ihrem Alltag als Profi-Sportlerin.

Die ehemalige Ski-Rennläuferin Nicola Werdenigg (ehemals Spieß) erhob am Wochenende im "Standard" schwere Vorwürfe gegen den Skizirkus.

Die heute 56-jährige Tirolerin, die in den 70er Jahren unter anderem österreichische Meisterin im Abfahrtslauf wurde, erzählt in einem Interview von Übergriffen und sexualisierter Gewalt "von Trainern, von Betreuern, von Kollegen, von Serviceleuten" - und einer Vergewaltigung.

Übergriffe als "Scherz" abgetan

Lange Zeit konnte die Tirolerin nicht über das Geschehene sprechen. Die Schilderungen, die nun ans Licht treten, lassen das enorme Ausmaß von Machtmissbrauch in der Ski-Welt nur erahnen.

Sie berichtet etwa von dem Fall einer Mannschaftskollegin, die von einem Kollegen bei ihrem ersten Geschlechtsverkehr heimlich gefilmt wurde "Das Video wurde kurz darauf der Mannschaft vorgespielt. Das ging damals als Scherz durch. Ihm ist gar nichts passiert, sie hat sich zu Tode geschämt und den Sport geschmissen. Die Frau war ruiniert".

Mit 16 wurde Werdenigg sogar selbst Opfer einer Vergewaltigung. Der Täter, ein Mannschaftskollege, hatte sie zuvor gemeinsam mit einem weiteren Mann unter Alkohol gesetzt, die Skirennläuferin gab sich in Folge selbst die Schuld am Vorfall.

"Alle haben davon gewusst"

Die ersten Übergriffe fanden aber schon vor ihrer Zeit im österreichischen Ski-Team statt. Bereits in der Ski-Hauptschule, so berichtet sie, habe der Heimleiter aus "Geilheit" und "Frauenverachtung" einen Mitschüler darauf angesetzt, sich an ihr zu vergreifen.

Werdenigg war 15 Jahre alt, als ihre Erfolgsserie im Weltcup begann. Sich gegen die Übergriffe zu wehren war damals kaum möglich, oft hing die Karriere der jungen Ski-RennläuferInnen von der Gunst mächtiger Männer ab. "Mit der Attraktivität der maßgeblichen Männer hatte das Flirten – und dabei blieb es oft nicht – wenig zu tun. Wer nicht mitspielen wollte, brachte seinen Startplatz in Gefahr", schildert Werdenigg. "Alle haben von solchen Vorgängen gewusst. Man dachte, das sei normal".

Bulimie als Mannschaftskrankheit

Werdenigg glaubt, dass der jahrelange Macht-Missbrauch der Männer auch dazu führte, dass die jungen Frauen im Skiteam ein schädliches Selbstbild entwickelten.

Viele von ihnen litten jahrelang unter Bulimie, als eine von ihnen anfing, zogen die anderen schnell nach. "Ich wusste damals nicht, dass dies eine Krankheit ist, der Name Bulimie war auch nicht allgemein bekannt (...) Ich war ständig hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch, ihn [meinen Körper, Anm.] begehrenswert zu sehen, und der Versessenheit, ihn zu verzerren", resümiert die heute 59-Jährige.

Was hat sich geändert?

Die bedrückenden Schilderungen Werdeniggs lassen aufhorchen und drängen die Frage auf: Ist es heute so viel anders? Laut Ski-Rennläuferin Anna Veith schon, das behauptete sie zumindest in einem Interview mit Sport am Sonntag anlässlich der #metoo-Debatte. Sie sei mit keinen Übergriffen konfrontiert gewesen, so die Erfolgssportlerin.

Doch gewisse sexistische Tendenzen zeichnen sich auch weiterhin im österreichischen Winter-Sport ab. So forderte ÖSV-Präsident Peter Schröcksnadel 2015 ein Schmink-Seminar für seine Skifahrerinnen, das ÖOC machte im vergangenen Jahr mit dieser sexistischen Aktion auf sich aufmerksam.

Werdenigg selbst glaubt nicht, dass seit ihren Erlebnissen alles besser geworden ist: "Das Frauenbild im Sport hat sich bis heute nicht groß verändert. Ich höre die Leute im Gasthaus reden. Die Anna Veith ist fesch, die Michaela Kirchgasser ist es auch und erst die Lindsey Vonn. Aber was ist denn das für ein Pferd? Und wie hässlich sieht denn die aus? Dieser Ton ist normal, und wer stößt sich schon daran? Nur Moralapostel. Aber ich habe Hoffnung, die nächste Generation wird es besser machen. Mein Sohn ist mehr Feminist, als ich es bin".

Das ganze Gesprächs-Protokoll hier auf derstandard.at lesen.

 

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