Evelyn Regner: "In der Integration muss man fordernd sein"

Europa-Politikerin Evelyn Regner setzt auf Wertevermittlung für muslimische Flüchtlinge - mit Nachdruck und vor allem im Bereich Gleichberechtigung. Die WIENERIN traf die SPÖ-Delegationsleiterin in Brüssel.

Salopper Einstieg: Fürchten Sie sich vor muslimischen Männern?

Evelyn Regner: Nein.

Warum nicht?

Ich fürchte mich generell nicht vor Männern, wurscht ob die jetzt buddhistisch oder muslimisch oder katholisch sind.

Nun, es gibt aber viele Menschen in Österreich, die sich Sorgen machen weil jetzt viele muslimische Männer neu in Österreich sind. Glauben Sie, dass deren Wertesystem in Punkto Gleichstellung gar keinen Einfluss auf ihr Handeln hat?

Das ist was anderes. Es kommen Menschen in unser Land, die einen anderen kulturellen und gesellschaftlichen Hintergrund haben. Am Beispiel USA weiß man, dass dort im Schulsystem amerikanische Werte mitvermittelt werden. Wir in Europa definieren uns ebenfalls über Werte: Demokratie, Gleichheit, Rechtsstaatlichkeit, Respekt für Minderheiten, Menschenrechte, Gleichberechtigung. Und wenn in manchen Ländern diese Werte nicht vorhanden waren – wie etwa Demokratie in Syrien – ist es notwendig, diese Werte zu vermitteln und Menschen zu helfen, diese zu lernen.

Diskussionspunkt Frauenrechte

Feministinnen wie auch Alice Schwarzer sagen jetzt: Vergesst die Frauenrechte nicht bei all der Solidarität.

Die darf man ja sowieso nie vergessen…

In punkto Gleichstellung kann man aber schon sagen, dass wir es bei vielen mit einem etwas anderen Level zu tun haben. Vielleicht so wie in Österreich vor 100 Jahren… Was ist Ihre Vision dazu?

Mein Vision ist ganz klar. Ja, auch wir müssen Werte vermitteln. Wir dürfen nicht erwarten, dass jemand, der nach Österreich kommt, das Mülltrennsystem sofort kennt, sondern erst erleben muss. Und ja, der Respekt für Homosexuelle oder der Respekt vor Frauen ist bei uns natürlich stärker ausgebildet – das muss man klar sagen. Aber: Mir kommt vor, dass gerade jene jetzt auf die Gleichberechtigung pochen, die für gewöhnlich alles negieren und nie einen Vorschlag unterstützen, der in diese Richtung geht. Wenn wir sagen, wir hätten gerne ein Reißverschluss-Prinzip in der Politik, gibt es gerade Konservative und Rechte, die dagegen sind. Wenn wir sagen, wir wollen Frauen in Aufsichtsräten, wenn wir sagen, wir müssen etwas machen gegen Lohndiskriminierung. Dann stoßen wir gerade in jenem politischen Spektrum auf Ablehnung, das jetzt von den Muslimen all das verlangt…

Aber sind das nicht trotzdem zwei unterschiedliche Dinge – gerade im Niveau der Gleichstellung?

Nein.

FPÖ soll sich "nicht aufpuddeln"

Wenn Sie die Schulen ansprechen als Wertevermittlung: Manche muslimische Männer werden vielleicht gar keine Schulen besuchen. Wie bringt man ihnen Werte nahe?

Man bringt es am besten den Kindern nahe und das am besten in der Schule, denn natürlich muss man ein neues Verhalten zwischen Mädchen und Buben lernen. Es ist schwieriger bei älteren Männern, das gebe ich gern zu. Aber selbstverständlich müssen Grundwerte, wie die Gleichstellung von Frau und Mann, den Erwachsenen auch bei integrationsbegleitenden Maßnahmen intensiv vermittelt werden. Klar ist, dass das mit viel Arbeit verbunden ist und keine leichte Aufgabe darstellt. Aber noch einmal: ich möchte es trotzdem in Relation setzen, wenn gerade eine FPÖ, bei denen man die Frauen mit der Lupe suchen muss, hier so Druck macht.

Gehen wir weg von der Parteipolitik, hin zu jenen Situationen, wo sich viele Frauen engagieren. Bei Flüchtlingen, bei NGOs, bei Initiativen, wenn Flüchtlingen Wohnraum zur Verfügung gestellt wird – immer wieder gibt es Konflikte, weil es eben Frauen sind, die diesen Männern „Regeln“ vermitteln. Und die dafür nicht wertgeschätzt werden. Was tun?

Ja, hier muss man natürlich total dagegen arbeiten, denn das kann man schon auch lernen. Und da gilt es auch fordernd zu sein. Zu glauben, dass Dinge von allein passieren – das glaube ich nicht. Es ist genauso mit dem Rauchen in Unterkünften. Da wird es auch nicht reichen zu sagen: „Seid so gut“ - sondern es müssen klare Regeln aufgestellt werden.

 

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