@eva.stories: Was wäre, wenn es im Holocaust Instagram gegeben hätte

Ein Instagram-Projekt gedenkt des Holocausts aus der Selfie-Perspektive. Seriöser, düsterer Content zwischen Hashtags und Sticker-Spaß.

Ein erstes paar High Heels und Tanzen im Hof. Eine Geburtstagstorte, eine erste Liebe und Eis essen im Park. Evas Instagramaccount fängt unschuldig an. Sie ist einfach nur ein 13 Jahre altes Mädchen, das ins Smartphone plappert und ihr Leben mit der Welt teilt. Bis die Nazis ihre Stadt einnehmen.

Wenn sie nicht schlafen kann, macht Eva ein Video. "Wir sind vom Krieg umgeben, aber ich sehe immer die Sonne," sagt sie. Es wird schnell düster. Der Instagram-Account "Eva Stories" erzählt die Geschichte eines jungen Mädchens während dem Holocaust so, als hätte es Smartphones, das Internet und Instagram gegeben. 30 Story-Highlights, also zusammenhängende Sequenzen aus kurzen Videos und Fotos, zeigen dreieinhalb Monate in Evas Leben - von ihrem 13. Geburtstag im Februar bis zur Deportation nach Ausschwitz.

Wer war Eva?

Die Eva in dieser Geschichte gab es wirklich. "Evas Stories" basiert auf den Tagebüchern der ungarischen Jüdin Eva Heyman. 1944 wurde sie in den Gaskammern von Ausschwitz ermordet.

Der israelische Tech-Millionär Mati Kochavi und seine Tochter Maya haben die Tagebücher aufwendig für Instagram umsetzen lassen. Ohne staatliche Beteiligung - Kochavi hat die mehreren Millionen Dollar an Produktionskosten selbst aufgewendet. Über 400 Menschen waren an den Dreharbeiten in der Ukraine beteiligt. Eva Heymann wird von einer britischen Schauspielerin dargestellt.

Das Projekt solle besonders junge Isrealis ansprechen. Das Interesse am Holocaust lasse immer mehr nach, sagt Mati Kochavi in einem Interview mit Haaretz. Mit "Eva Stories" will er die junge Generation da abholen, wo sie sich sowieso aufhält: in sozialen Netzwerken. Die Erzählweise ist dabei sehr niederschwellig. "Es setzt kein Vorwissen voraus. Es erzählt, als würde man nichts wissen," wird Kochavi in der deutschen Tagesschauzitiert.

Kritik an Evas Stories

Die Reaktionen auf das fertige Projekt sind gespalten. Ein Lehrer nannte "Eva Stories" am Wochenende in der israelischen Zeitung Haaretz "geschmacklos". Auch online häuft sich die Kritik: Der Account trivialisiere den Holocaust, die Ermordung von sechs Millionen Juden sei schlicht kein Thema für eine oberflächliche Plattform wie Instagram, meinen zahlreiche NutzerInnen. Yad Vashem, das offizielle Holocaust-Gedenk-Zentrum Israels, gibt sich offener: Social Media zur Erinnerung an den Holocaust zu verwenden sei "legitim und wirkungsvoll", zitiert die New York Times ein Statement des Zentrums.

Kochavi selbst versteht die Kritiken nicht: "Warum ist es respektlos? So kommunizieren Menschen heute. Ich zweifle nicht daran, dass junge Menschen seriöse Inhalte konsumieren und sich darüber austauschen wollen", sagt er der New York Times.

Schaut man sich alle Stories von Eva an, dauert das circa 45 Minuten - und deckt im Schnelldurchlauf viele der Grausamkeiten des Holocauts ab: die Enteignung jüdischer Geschäftsleute, die Schließung von Schulen und Bildung von Ghettos, die Verfolgung jüdischer Intellektueller und die Deportation in Konzentrationslager. All das wird aus der Perspektive eines dreizehnjährigen Mädchen mit Mitteln von heute erzählt. Eva filmt stets im Hochformat. Anfangs noch mit dem für das Netzwerk so typischen Stickern oder Frageelementen und Hashtag. #nazisarehere steht da, als die deutschen Soldaten in Evas Heimatstadt Nagyvarad einmarschieren. Je düsterer die Atmosphäre, desto weniger verspielt sind die Stories. Im jüdischen Ghetto, im Zug ins Konzentrationslager gibt es keine lustigen Sticker mehr.

Das Wissen zum Holocaust

Evas Geschichte endet mit einer Großaufnahme ihres Gesichts im Zug nach Ausschwitz, wo sie wenige Monate später in einer Gaskammer sterben wird. Sie ist eine der 6 Millionen Jüdinnen und Juden, die im Holocaust ermordet wurden.

Der "Abspann" von "Eva Stories" fasst einige der Grausamkeiten des Holocausts noch in Zahlen zusammen. Auch das ist notwendig: Mehr als die Hälfte der Österreicher wissen nichts von der Zahl ermordeter JüdInnen und auch der Opfermythos lebt hierzulande weiter, wie eine aktuelle Befragung zeigt.

KritikerInnen bemängeln die Oberflächlickeit von Kochavis Projekt. Aber: Bisher haben sich allein mehr als drei Millionen Menschen das Teaservideo angeschaut. Und sie alle wissen nun vielleicht ein bisschen mehr als zuvor.

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