Eva Glawischnig im Talk

Interview Reihe. Bis zur Nationalratswahl fragen wir jeden Monat den Spitzenkandidaten/die Spitzenkandidatin einer Parlamentspartei: "Was tut ihr für die Frauen?"

Sie fuhren zum internationalen Frauentag am 8. März eine Plakatkampagne, auf der heimische Spitzenpolitiker als Frauen gestylt waren mit dem Slogan: „Frauen an die Spitze". Wer hat sich als erster beschwert?
Von den Parteichefs niemand. Ich glaub, dass die damit schon professionell umgehen, dass man politische Fragen auch mit Ironie behandeln kann. Das war ja unser Anliegen. Das Thema um das es geht, ist ein sehr ernstes, nämlich die politische Repräsentanz von Frauen. Im Parlament ist es besonders schlimm mit 27 Prozent.

Der Frauenanteil im Parlament ist seit 2002 sogar gesunken.
Eben, und das, obwohl es auch immer wieder das Versprechen gegeben hat, mehr Frauen in die Politik zu holen. Die SPÖ wollte 40%, die ÖVP 30%, aber diese „Quoten" werden nicht erreicht. Ich finde das nicht in Ordnung.

Wie hoch ist der Frauenanteil bei den Grünen?
Wir haben 20 Abgeordnete:10 Frauen und 10 Männer.

Bei den neu gegründeten Parteien wie den Piraten und NEOS, herrscht Frauenmangel, dem diese Parteien allerdings aktiv begegnen wollen. Hatten die Grünen anfangs auch dieses Problem?
Die erste Clubchefin, Freda Meissner-Blau, ist mit sieben Männern ins Parlament eingezogen. Wir haben daraus unsere Konsequenzen gezogen. Wir haben ein Reißverschlusssystem und wir haben Halbe-Halbe in den Gremien. Ich halte die Ansage, dass man keine Frauen findet, für eine Ausrede

Was sagen Sie Kritikern von Quotensystemen?
Dass es unglaublich viele Quotensysteme gibt. Da muss jemand aus dem Vorarlberg und aus Tirol in der Regierung sitzen. Und es muss jemand von der Steiermark dabei sein. Bürgermeister müssen fix im Parlament vertreten sein, die Bauern müssen ihre Vertretung haben, die Bünde ... alle haben Sie Quoten und fixe Quotenplätze! Und ausgerechnet bei den Frauen haben sie keine Quoten und wehren sich gegen „Quotenmeierei"? Das ist doch eine Mogelei.

Warum ist es so wichtig, Frauen „dabei" zu haben?
Es geht nicht darum zu behaupten, dass Frauen die besseren Politikerinnen oder Chefs seien. Es geht darum, möglichst ein Abbild der Gesellschaft im Parlament sitzen zu haben, nicht nur „Bauern und Beamte". Und da sollte die Bevölkerungsmehrheit sichtbar sein. Ich glaube, dass die Parteistrukturen nach wie vor die Platzhirsche und „Ortskaiser" bevorzugen. Ich bemerke ja auch bei uns, dass sich für unsere Listenplätze mehr Männer als Frauen bewerben.

Manche Kritiker bezeichnen die Grünen abfällig als „Frauenpartei".
Das verstehe ich nicht, denn es geht ja um eine riesige Gerechtigkeitslücke. Es gibt kaum ein Land in der EU, in dem der Einkommensunterschied so groß ist. Wie oft hat es schon geheißen: „Jetzt kommt der Ausbau der Kinderbetreuungseinrichtungen"? Daneben haben wir das dichteste Autobahnnetz Europas. Da gab es kein Problem mit dem Ausbau.

Es gibt zurzeit das einkommensabhängige Kinderbetreuungsgeld. Was würden Sie daran ändern?
Es ist im Moment dermaßen kompliziert, dass du einen Steuerberater brauchst, um dich zurechtzufinden. Es gibt kein Land, das ein so komplexes System hat. Wir würden es radikal vereinfachen und versuchen es zu verkürzen. Also die Zeit, die man de facto vom Job wegbleibt, zu reduzieren. Allerdings geht das nur, wenn die Kinderbetreuung flächendeckend auf hohem Niveau ausgebaut ist. Und es muss einkommensabhängig sein, denn das ist sichtlich der größte Anreiz, um auch Väter zu motivieren, weil das Familieneinkommen eine der zentralen Fragen ist.

Welche Chancen sehen Sie da, dass dieses Modell umgesetzt werden kann? Was tun Sie dafür?
Es braucht wohl neue Mehrheiten im Parlament, um den Ausbau der Kinderbetreuung voranzubringen. Außerdem ist Kinderbetreuung nicht nur eine Frage der Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Kinder wollen mit anderen Kindern spielen - lernen. Dazu braucht es eine gute Frühpädagogik. Das wird oft übersehen.

Meinen Sie, dass sich nicht nur im Betreuungssystem sondern auch in der Kinderpädagogik einiges ändern muss?
Genau. Wir brauchen österreichweit allgemein gültige elementar-pädagogische Standards. Viele bemühen sich ja unglaublich. Ich verbeuge mich vor den KindergartenpädagogInnen. Und ich finde nach wie vor, dass es eine Sauerei ist, wie niedrig sie bezahlt werden. Ich werde immer gefragt, ob ich möchte, dass KindergartenpädagogInnen gleich bezahlt werden wie etwa Lehrende auf einer Pädak oder Fachhochschule. Und dann sage ich: Ja. Ich finde, dass hier die gleiche Arbeit geleistet wird. Es gibt aus den USA Studien, dass die eine gute Frühförderung im Kindergarten für das Lebenseinkommen eines Menschen der bestimmende Faktor ist.
Es braucht zudem dringend ganztägige Schulen, in denen es eine vernünftige Abfolge von Freizeit, Sport, Lernen und Lernen gibt, dafür aber dann keine Hausübung und keine Nachhilfe. Dass Eltern mit ihren Kindern am Abend zuhause Chemie und Mathematik lernen müssen, dafür hab ich kein Verständnis mehr.

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Sie setzen sich für die Frauenquote. Wie wäre es mit einer Männerquote in Berufen, in denen es sehr wenige Männer gibt?
Gute Idee. Bei den KindergartenpädagogInnen haben wir unter ein Prozent, wenn überhaupt. Da muss man bei der Ausbildung ansetzen. In Skandinavien gibt es viele männliche Pädagogen. Ich hab das Glück in unserem Kindergarten einen Pädagogen zu haben. Das ist sehr wertvoll. . Ich bin zudem dafür, dass sie auf der Hochschule ausgebildet werden.

Brauchen wir einen stärkeren gesellschaftlichen Wandel?
Wir brauchen generell eine größere Familienfreundlichkeit. In Skandinavien werden die Männer um 17 Uhr 30 im Büro gefragt, ob sie zuhause Probleme haben, wenn sie noch da sind. Da herrscht eine andere Kultur. Dort ist es Normalität, dass du eine work-life-balance auch wirklich lebst. Alleine schon durch die Karenz-Modelle, die für Männer attraktiv sind. Das bringt schon einiges.

Wie finanziert man das alles?
Bei den Lehrberufen wird ja schon länger darüber diskutiert, die Einstiegsgehälter zu erhöhen und dafür über den Lebenslauf nicht so ansteigen zu lassen wie das jetzt der Fall ist. Es gibt ganz dramatische Unterschiede zwischen den älteren Lehrenden und JungeinsteigerInnen... Selbstverständlich muss man auch neues Geld in die Hand nehmen. Für eine Kinderbetreuung mit hoher Qualität rechnen wir mit 400 bzw. 500 Mio. Euro. Nur zum Vergleich: Wir haben beim Bankenpaket sechs Milliarden aus der Steuerkassa gezahlt und davon die Hälfte nur für die Kärntner Hypo, die ja mit der Finanzmarktkrise wenig zu tun hat, sondern ein korruptes System als Ursache gehabt hat. Wenn man diese Ressourcen zur Verfügung hätte ... Haben wir aber leider nicht. Daran sieht man wie die Größenordnungen verteilt sind.

In Fragen der Frauengleichstellung wird auch von einer Backlash-Bewegung gesprochen. Spüren Sie das auch? Was kann man tun um einer möglichen Rückwärtsbewegung entgegenzuwirken?
Ich habe den Eindruck, wenn du bei der Frauenpolitik und der Frauengleichstellung nicht dauernd in Bewegung bleibst, dann rollst du den Berg wieder zurück. Einerseits hat die ganze Wirtschafts- und Finanzmarktkrise wieder traditionelle Gedanken befördert. Wir haben Verschrottungsprämien gefördert, wir haben versucht mit alten Rezepten diese Krise zu bekämpfen. Ich habe mit Frauen gesprochen in Regionen, in denen die Männer den Job verloren haben und auf einmal klar geworden ist, dass sie mit dem sogenannten Zusatzeinkommen die Familien nicht ernähren können. Die Krisenbewältigung ist auf Kosten der Frauen und der Frauenpolitik gegangen. Da hat man alles weggeschoben und ist wieder zu den traditionellen Rezepten übergegangen. Dazu kommen die rechtspopulistischen Parteien, die wie jetzt in Italien wieder, stark sind. Was Berlusconi macht - das ist eine Beleidigung aller Frauen. Wenn ich ihm begegnen würde und nicht überzeugt gewaltfrei wäre, tät‘ ich ihm am liebsten eine runterhauen.

Die Altersarmut wird bei Frauen rapide steigen weil die alle in Pension gehen die in Teilzeit gearbeitet haben. Wie kann man Frauen erklären, dass sie wieder früher arbeiten gehen sollen?
Am wichtigsten ist der Ausbau der Kinderbetreuung, wie ich schon gesagt habe. Und die Einstellung gegenüber berufstätigen Frauen mit Kindern sollte sich ändern. Das Wort „Rabenmutter" gibt es etwa im Französischen nicht, das gibt's nur im deutschen Sprachgebrauch.

Wie soll die berühmte Work-Life-Balance nun funktionieren? Es gibt ja den Vorwurf: Jetzt wolle man statt der Doppelbelastung der Mütter diese auch auf die Väter übertragen, und am Ende sind alle belastet und unglücklich. Was sagen Sie zu diesem Vorwurf?
Also der These, dass unser Arbeitssystem insgesamt den Menschen an den „Rand" bringt und „ausbeutet", kann ich schon was abgewinnen. Ich bin für eine Arbeitszeitverkürzung. Und man muss über Lebensarbeitszeitmodelle diskutieren. Aber dass Frauen wieder zuhause bleiben sollen, weil jetzt auch die Männer belastet sind, das wäre völlig absurd.

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Sind Sie für eine Erhöhung des Pensionsalters bei Frauen?
Wir haben ja diese schrittweise Angleichung. Ich hoffe aber, dass es nicht schneller passiert. Denn nach wie vor ist die Diskriminierung am Arbeitsmarkt spürbar: Für Frauen ab 50 wird es viel schwieriger einen Job zu finden. Hier das Pensionsalter zu erhöhen, schafft nur neue Probleme. Da sind dann viele Leute noch länger arbeitslos, bevor sie in Pension gehen. Das ist sehr frustrierend. Wenn man das Gefühl hat, die Gesellschaft erwartet es von mir zu arbeiten, aber ich kann nicht, weil ich keine Arbeit bekomme. Übrigens gilt das Problem auch für Jugendliche.

Was soll man stattdessen machen?
Wir würden die Pensionsreform so gestalten, dass du eine Grundpension hast, die jedenfalls ein Schutzschild gegen Armutsgefährdung ist - vollkommen egal, wie viele Jahre man in Teilzeit oder was auch immer gearbeitet hat. Die Schweizer haben dieses Modell. Dafür haben sie bei den Höchstpensionen einen Deckel. Wir haben teilweise sehr hohe Höchstpensionen, vor allem im älteren Beamtenbereich: Der Staat soll keine höhere Pension zahlen als die ASVG-Höchstpension.

Was sollen wir tun?
Ich kann mir gut vorstellen, dass man mittelfristig solche Modelle lebt, wo du eben vor der Familiengründung eine intensive Berufsphase hast und dir Zeitguthaben ansparen kannst und dann eine Phase in der Mitte des Lebens, in der man eine Familie gründet und es ein bisschen flexibler handhaben kann. Solche Lebens-Arbeitszeitmodelle finde ich spannend.

Welches Frauenthema beschäftigt Sie am meisten?
Die Einkommensschere ...

... die von manchen Kritikern als Mythos beschrieben wird ...
Ich bin sehr glücklich, dass profil das „rosa Handtaschl" bekommen hat*. Es ist ein komplexes Problem und nicht einfach zu lösen. So wie es jetzt geregelt ist, ist das alles viel zu schwach. Wir haben immer wieder Auseinandersetzungen mit der Frauenministerin deswegen. Sie fordert viel und macht viele Vorschläge, aber sie setzt sich nur mit sehr wenigen Dingen durch. Da gibt‘s dann Kompromisse wie bei der Einkommenstransparenz, wo aber nur der Betriebsrat reinschauen darf. Das wird uns nicht weiterhelfen. Ich glaube, da braucht man schon mehr Radikalität.

Welche konkreten Vorschläge haben Sie?
Eine Maßnahme für die Privatwirtschaft: Wollen Unternehmen weiterhin öffentliche Förderungen bekommen oder bei öffentlichen Ausschreibungen mitmachen und öffentliche Verträge erhalten? Dann müssen sie im Bereich der Gleichstellung eine Bilanz machen und jedes Jahr versuchen, ein Stückchen besser zu werden. Das betrifft Gleichstellung in Führungspositionen, im oberen Management oder vielleicht auch mehr Männer im Sekretariat. Und ich würde mir wünschen, dass die Niedriglohnbranchen z.B. der Handel genauer angeschaut werden. Aber in den Gewerkschaften sitzen in den oberen Positionen meist Männer, die zu wenig tun.


Überall, wo eine starke Gewerkschaft ist, funktioniert es. Müssen Pflegerinnen und Kindergärtnerinnen sich organisieren?
Ja, denn da gibt es keine starke gewerkschaftliche Vertretung. Die Kindergartenpädagoginnen haben aber mit dem sogenannten Kindergartenaufstand einiges an Aufmerksamkeit erlangt. Ihre Forderungen wurden teilweise gehört und anerkannt - aber bei weitem nicht so, wie wenn etwa die Metaller mit Streik drohen.

Welcher Anteil Ihrer Wählerschaft sind Frauen?
Wir werden von mehr Frauen gewählt als von Männern.

Glauben Sie, werden die anderen Parteien in Ihren Kampf um Stimmen auch auf die Frau als Wählerin kommen?
Ich beobachte es immer wieder, dass zum Schluss im Wahlkampf ein paar Zuckerln angeboten werden. Ein Maßstab ist zu schauen, wie die Parteien selbst mit ihren Frauen umgehen. Wenn eine Partei nur einen sehr geringen Frauenanteil hat, dann kann mit Sicherheit davon ausgegangen werden, dass Frauenanliegen bei ihr nicht gut aufgehoben sind.

 

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