Euer Rassismus schadet den Frauen, die ihr schützen solltet

Warum es auch heute nicht um die Opfer geht, wie der neu entflammte Rassismus vor allem Frauen schadet und sechs Dinge, die wirklich geschehen müssen. Ein Kommentar.

Nach der Kölner Silvesternacht, dem plötzlich entflammten Interesse an Gewalt gegen Frauen und der Debatte danach, bleibt noch eine Frage übrig: Ging es eigentlich jemals um die Frauen? Denn statt über Opferhilfe, Ausbau von Präventionsarbeit und Gewaltschutzeinrichtungen zu sprechen, wurde das Asylrecht verschärft, Abschiebungen beschleunigt, der Familiennachzug erschwert.

Und das trifft vor allem die, die wir angeblich beschützen wollten: Frauen und Mädchen. Bei einer Pressekonferenz des Vereins „One Billion Rising Austria“ (OBRA) Mitte Februar diskutierten Expertinnen darüber, welche Maßnahmen getroffen werden müssen, damit Frauen auf der Flucht wirklich geschützt werden und sexuelle Gewalt endlich der Vergangenheit angehört.

1: Frauenrechte endlich wirklich ernstnehmen


Auf dem Rücken traumatisierter Frauen an einer rassistischen Agenda weiter zu stricken, bringt uns nicht weiter. Die Straftaten der Kölner Silvesternacht haben leider vor allem eines zu Tage gebracht: blinden Rassismus, Hetze und Hass. Die Gewalt, die syrischen Männern vorgeworfen wird, wird von deutschen Männern weitergetragen und von der Politik gefestigt – auch gegen Frauen. 2015 gab es in Deutschland 924 Angriffe auf Flüchtlingsunterkünfte. Erst kürzlich wurde ein Brandanschlag im sächsischen Bautzen von Anrainern und Schaulustigen freudig bejubelt, rechte Parolen inklusive. Das Video ging durchs Netz. Die Frage bleibt: in was für einer Gesellschaft leben wir eigentlich, in der auf der einen Seite die Rechte von Frauen vermeintlich ernst genommen werden, um auf der anderen Seite mit Gewalt gegen genau diese Frauen zu reagieren? Und das Schlimmste daran: damit auch noch davon zu kommen, sich in sozialen Netzwerken damit zu brüsten und dabei von anderen bejubelt zu werden?

So weit ist es also bereits gekommen: wir beklatschen uns gegenseitig für Mordanschläge und Rassismus – weil „das wird man ja noch sagen dürfen“. Und das schadet nicht nur den Männern, die manche so gut zu kennen meinen, sondern auch den Frauen, die wir schützen sollten. Dass es das Klima in unserer Gesellschaft nachhaltig vergiftet und den Generationen von morgen nur Scherben hinterlässt, sollte ohnehin klar sein.

Aber wahrscheinlich ist es wie immer: fremd bleibt fremd. Und da ist auch wenig verwunderlich, wenn Berichte von Polizeibeamten und Sicherheitskräften publik werden, die Flüchtlingsfrauen belästigen oder vergewaltigen. „Fremde“ Frauenkörper werden seit Jahrtausenden unterdrückt, verfügbar gemacht und objektifiziert – und das ist im Falle der Millionen Frauen auf der Flucht leider nicht anders.

Zu einem ehrlichen Interesse an Frauenrechten gehört nämlich auch, dass Flüchtlingsfrauen geschützt werden und frauenspezifische Fluchtgründe anerkannt werden. Sie werden im Asylverfahren zu wenig berücksichtigt und in Flüchtlingsunterkünften wird auf die Situation schutzsuchender Frauen nicht genügend eingegangen – sie sind Belästigungen oft ausgeliefert und haben keine Rückzugsräume. Dann auch noch Molotow-Cocktails auf ihre Unterkünfte zu werfen, zeugt von vielem, aber sicher nicht von einer echten Beschäftigung mit Gewalt gegen Frauen.

2: Eine Debatte über sexuelle Gewalt – überall


Wer Gewalt gegen Frauen verhindern will, muss das Problem an der Wurzel packen: einem hierarchischen Geschlechterverhältnis, patriarchalen Strukturen und sexistischen Denkmustern. Und damit es nicht bei der Debatte bleibt: auf sexuelle Gewalt folgen noch immer viel zu selten echte Strafen. Nur 17 Prozent der angezeigten Täter von Vergewaltigungen in Österreich werden verurteilt. Nicht einmal jede fünfte Anzeige führt also zu einer Sanktion. So sieht die Realität aus: Vergewaltigung ist auch in Österreich noch immer ein Delikt, das meistens ohne Konsequenzen bleibt. Ganz zu schweigen von den vielen Frauen, die die Straftat gar nicht erst zur Anzeige bringen. Das ist beschämend für ein Land, das sich für seine Menschenrechte rühmt.

3: Lasst die Frauen reden und gebt ihnen Schutz


Wie so oft bei Debatten über Migrantinnen, wird auch über Frauen auf der Flucht immer nur geredet, anstatt sie selbst zu Wort kommen zu lassen. Damit sie aber den Mut haben, über das Erlebte zu berichten, brauchen sie sichere Räume und Vertrauenspersonen. Doch Fakt ist: in fast ganz Österreich haben Asylwerberinnen nicht einmal Zugang zu Frauenhäusern, sagt Maria Rösslhumer, Geschäftsführerin des Vereins Autonome Österreichische Frauenhäuser. Das zeugt wiederum von der Heuchelei dieser Debatte und bestärkt die Forderung: Frauen auf der Flucht, Asylwerberinnen und deren Kinder müssen ohne bürokratische Hürden in alle Frauenhäuser aufgenommen werden können.

4: Wir brauchen eine sensible Medienberichterstattung


„Organisierte Massenvergewaltigungen in Flüchtlingsheimen“: Schlagzeilen wie diese aus der Tageszeitung „Österreich“ sehen wir zuhauf. Und immer fehlt eines: die Wahrheit. Tatsächlich geht es im Artikel nämlich darum, dass weibliche Flüchtlinge vom Sicherheitspersonal missbraucht worden sein sollen. Das einzige Ziel der irreführenden Schlagzeile ist daher: Hetze und Panikmache gegen männliche Flüchtlinge. Wenn wir nicht endlich respektvoll, differenziert und hassbefreit über Menschen (!) auf der Flucht berichten, dann werden wir da nicht mehr hinauskommen – aus unserem braunen Sumpf.

5: Mehr Ressourcen für Präventions- und Täterarbeit


Ulrike Lunacek, Viszepräsidentin des Europäischen Parlaments fordert etwa eine verbindliche Richtlinie zur Bekämpfung jeder Art von Gewalt gegen Frauen. Dazu gehört: Unterstützung der Mitgliedstaaten bei der Prävention, ein System der Datensammlung über Gewalt gegen Frauen. Dass Gewalt gegen Frauen als Verbrechen im Vertrag über die Arbeitsweise der EU verankert wird, eine EU-weite Strategie eingeführt und der Beitritt der EU zur Istanbul-Konvention festgesetzt wird – einem Übereinkommen des Europarats zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt. Das sind Dinge, über die geredet werden muss. Und nicht darüber, ob Menschen auf der Suche nach Schutz eine Nummerntafel umgehängt wird, weil menschenverachtende „Obergrenzen“ eingeführt werden.

6: Mehr Mittel für die Ausbildung interkultureller Kompetenz


Zu guter Letzt braucht es einfach Menschen, die sich auskennen. Menschen, die Frauen und Mädchen auf der Flucht besondere Aufmerksamkeit geben, ihnen zur Seite stehen und professionelle Unterstützung bieten. Der Ausbau von Schulungs- und Fortbildungsprogrammen in der Exekutive, in der Justiz und in den Unterbringungseinrichtungen ist dringend erforderlich.

Denn Übergriffe auf Flüchtlingsquartiere und Diskussionen über Zäune, Obergrenzen und restriktiven Familiennachzug werden nicht dazu führen, dass Gewalt gegen Frauen verhindert wird. Ganz im Gegenteil. So wird sie vor allem eins: weiter wachsen.

Mehr Gewalt: Frauen, die Opfer von Gewalt wurden, leiden unter psychischen Langzeitfolgen, Depressionen bis hin zu Selbstmordgedanken und ihrer sozialen Isolation.

Auf sich allein gestellt: Angst vor Gewalt und sexuellen Übergriffen, Hunger und Krankheit, dem Verlust von Angehörigen und einer ungewissen Zukunft prägt die Flucht.

Das Leben im Flüchtlingslager: schlecht beleuchtete Lager, kein Schutz vor Übergriffen, keine Rückzugsräume, unhygienische Sanitäranlagen, die nicht nach Geschlechtern getrennt sind. Manche Frauen versuchen daher sich mit extremen Maßnahmen zu schützen, zum Beispiel indem sie nichts mehr essen und trinken, um nicht auf die Toilette gehen zu müssen, so ein Amnesty International Bericht.

Quelle: UNO-Flüchtlingshilfe

Österreichweit kostenlos rund um die Uhr anonym, vertraulich und mehrsprachig: 0800 222 555

 

Aktuell