"Es muss gestritten werden"

Gendern, Umwelt, Impfung - mehr denn je brauchen wir eine Streitkultur. Medienexperte Bernhard Pörksen erklärt, warum.

Warum eine Streitkultur vielleicht gar nicht so schlecht ist

In seinen Büchern "Die große Gereiztheit" (Carl Hanser Verlag, € 22,70) und "Die Kunst des Miteinander-Redens" (Carl Hanser Verlag, € 20,60) skizziert er das Bild einer Gesellschaft, die sich zunehmend polarisiert - trotzdem bleibt der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen ein Optimist. Wie wir eine bessere Streitkultur finden können und warum wir die Streitpunkte manchmal auch überbewerten, erklärt er im WIENERIN-Interview.

WIENERIN: Es ist ein bisschen paradox: Einerseits entsteht der Eindruck, die Gesellschaft würde nur streiten, andererseits erleben wir aber kaum persönliche Konfrontationen mit Andersdenkenden. Wie kann das sein?

Bernhard Pörksen: Man muss unterscheiden - wir leben alle in mehr oder minder homogenen Sozialwelten, sind aber medial mit jeder Menge Verschiedenartigkeit konfrontiert. Die Folge ist eine diffuse Polarisierungsfurcht in vielen europäischen Staaten, wie Umfragen belegen.

Entspricht dieses Spaltungsgefühl also überhaupt der Realität?

Das Spaltungsgefühl ist ganz wesentlich medienvermittelt. Wir kommen uns im digitalen Dorf zu nah, sehen ganz direkt, wie unterschiedlich wir denken und reden. Große und kleine Ideologien, Banales, Berührendes und Bestialisches - alles wird blitzschnell öffentlich. Frühere Medien waren wie Kerzenlicht, das Netz ist wie Neonlicht. Diesen Sichtbarkeitsschock haben wir noch nicht verkraftet.

Was sind die Gefahren dieser Entwicklung?

Die Gefahr ist die Daueraufregung - eine große Gereiztheit und permanente Verstörung, die sich aus einer noch unverdauten Medienerfahrung ergibt.

Wer profitiert eigentlich davon?

Populisten. Jene, die einfache Lösungen versprechen. Die Überforderung und das Bombardement mit verstörenden und verunsichernden Informationen befördern die Suche nach einfachen Wahrheiten.

Was sind denn die Charakteristika der großen öffentlichen Streitthemen unserer Zeit? Welche Arten von Themen sind das und warum emotionalisieren sie uns so sehr?

Es gibt zwei Muster. Zum einen stößt man auf das Reizthema des Moments, es wird von den Aktualitäten und den Stimmungen des Augenblicks bestimmt - die Ukrainekrise, die Migration, der Klimawandel oder die Pandemie. Hier lässt sich wenig Grundsätzliches sagen. Zum anderen aber werden Metathemen hochgezogen, die von der Debatten-und Gesprächskultur selbst handeln - politische Korrektheit, Safe Spaces, Cancel Culture, ein angeblicher Tugendterror der Linksliberalen. Das heißt, wir reden permanent darüber, wie und ob wir miteinander reden.

Was steckt hinter der Neigung zur Metadebatte?

Wenn Regeln schwinden, Hierarchien wegfallen und Kontexte kollabieren, entsteht ein offener Raum, und man fragt sich: Wie und mit wem eigentlich noch sprechen? Eine Art der Reaktion darauf besteht in dem Versuch, wieder Pflöcke einzuschlagen, Grenzen zu ziehen, sinnvolle oder weniger sinnvolle Tabus zu errichten.

Wie viel Streit braucht eine Gesellschaft? Was ist eine Gesellschaft, in der nicht gestritten wird? Ist das überhaupt erstrebenswert?

Um Gottes willen, nein! Eine Demokratie lebt vom engagierten, aber auch fairen Streit. Und der Streit ist eine Art Labor des Denkens und Handelns, weil hier - noch ohne Umsetzungstest - Alternativen sichtbar werden. Es muss gestritten werden, unbedingt. Effektive Streitvermeidung gibt es nur unter diktatorischen Bedingungen.

Oft hat man das Gefühl, das Ziel von Debatten sei es, das Gegenüber zu überzeugen oder zumindest zum Schweigen zu bringen. Ist das ein sinnvolles Ziel?

Nein. Vor allem geht es um die Anstrengung des Verstehens, nicht um das Spiel des Überzeugens, das dem anderen seine Irrtümer nachweisen will. Nicht die Widerlegung ist das Ziel des Miteinander-Redens, sondern das Erkennen des anderen in seiner Andersartigkeit, vielleicht auch in seiner Fremdheit.

Wie kann man am konstruktivsten mit Andersdenkenden diskutieren?

Indem man Verstehen, Verständnis und Einverständnis unterscheidet, so der Vorschlag von Friedemann Schulz von Thun in unserem gemeinsamen Buch Die Kunst des Miteinander-Redens. Verstehen sollte man den anderen immer, selbst wenn man ihn als Gegner begreift. Aber ob man einverstanden ist -das ist eine ganz andere Frage. Mir selbst hilft dieses Dreierschema, um meine eigene Dialogbereitschaft zu klären.

Wie kann ich es denn schaffen, eine andere Meinung zu respektieren, wenn sie mir eigentlich komplett widerstrebt?

Das ist schwer. Aber es hilft, die störende Meinung und die aus meiner Sicht falsche Position strikt von der Person zu trennen. Diese Person verdient unbedingt Respekt, auch wenn ich ihre Auffassung vielleicht mit guten Gründen ablehne.

 

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