"Es ist total in Ordnung, jetzt auf der Couch zu sitzen, zu weinen und sich Sorgen zu machen“

Was macht die Corona-Isolation mit unserer Psyche? Wie können wir unserer Arbeit nachgehen, wenn wir uns gelähmt fühlen und von Sorgen geplagt sind? Wir haben bei Psychotherapeutin Dunja Voos nachgefragt.

Frau sitzt auf dem Bett und vergräbt Kopf im Kissen

Keine Unternehmungen mit Freund*innen, keine Kaffeepause mit Kolleg*innen, keine Besuche bei Verwandten: Um eine rasche Ausbreitung des Coronavirus zu verhindern, bleiben wir aktuell zuhause. Das bedeutet eine massive Einschränkung und Umstellung unseres Alltags. Welche Auswirkungen hat das auf unsere psychische Gesundheit?

Dunja Voos arbeitet als Psychotherapeutin und Psychoanalytikerin. Seit einigen Jahren bietet sie auch Online-Therapie an. Wir haben mit ihr darüber gesprochen, wie wir die psychische Belastung durch Isolation und Corona-bedingte Sorgen meistern können und welche Vor- und Nachteile die Therapie via Videochat haben kann.

WIENERIN: Wie wirkt sich die derzeitige Situation - insbesondere die Ausgangsbeschränkungen - auf unsere Psyche aus?

Dunja Voos: Es kann den Lagerkoller zur Folge haben, eine Zunahme an Aggression – man sitzt sich ständig auf der Pelle. Viele merken, wie sehr sie vom Alltag abhängig sind und verspüren erst einmal Überforderung. Bei vielen Menschen entsteht auch eine Art Lähmung. Das ist nicht überraschend: Immer wieder erzählen Leute, dass sie in der Zeit, in der sie arbeitslos waren, weniger geschafft haben als sonst. Klar, denken wir erst, wir könnten jetzt die Wohnung putzen, ausmisten, alles Mögliche tun. Bald merken wir aber, wir sind wie gelähmt und sitzen doch nur auf der Couch. Alles, was man sich vornimmt, hört ganz schnell auf, weil uns die Inspiration von anderen fehlt. Das schlägt aufs Gemüt.

Auch wird der Schlaf schlechter, weil man tagsüber weniger Ablenkung hat, weniger zu verarbeiten hat. Man muss erst einmal mit dieser Stille klar kommen und mit sich selbst. Für viele ist es nicht so leicht, mit sich allein zu sein. Wir wissen ja auch alle, wie schwer manchmal so ein Sonntag fallen kann. Besonders leiden jetzt natürlich die Alleinstehenden. Gerade die sagen ja oft, "Ich bin froh, wenn Weihnachten ‘rum ist“ oder "wenn der Sonntag vorbei ist“ und jetzt haben wir ja quasi Dauer-Sonntag, Dauer-Weihnachten.

Wie kann man mit dieser Lähmung umgehen?

Ich finde es wichtig, die Situation erst einmal anzunehmen, zu schauen, wie man sich fühlt und auf die Inspiration zu warten – quasi wie ein*e Künstler*in. Natürlich kann man dabei schon etwas Inspiration reinholen, etwa durch Bücher oder das Internet, und dann mal schauen, was einen anspricht. Manchen hilft es, mit einem neuen Projekt anzufangen, das sie schon immer mal machen wollten, sei es Harmonielehre auf dem Klavier lernen oder endlich mal auf vegetarisch umstellen und neue Rezepte probieren. Gerade Neues kann in so einer Situation helfen, neue Reize. Die Wohnung umstellen, zum Beispiel.

Für viele ist das Arbeiten im Home-Office noch sehr ungewohnt und eine große Herausforderung. Wie schafft man es, auch zuhause produktiv sein, gerade wenn man sich eher gelähmt fühlt?

Vielen hilft es, sich eine To Do-Liste für den Tag mit genauen Uhrzeiten zu schreiben. Dabei finde ich es wichtig, auch Außenreize einzubauen. Wenn ich mir einen Stundenplan mache, dann schreibe ich auch auf: Zwölf Uhr einkaufen im Supermarkt, 16 Uhr beste Freundin anrufen, 17 Uhr mit Kolleg*innen telefonieren, sodass ich mir Punkte setze, wo ich auch mit anderen Menschen zu tun habe. Es ist wichtig, dass ein Kontakt nach außen da ist, weil sonst auch schnell die Selbstdisziplin fehlt. So schafft man eine Verbindlichkeit. Der Kontakt zu anderen ist auch weiterhin unerlässlich – trotz Kontaktsperre.

Kontakt zu halten, ist natürlich für junge Leute, die ohnehin viel übers Internet kommunizieren, deutlich einfacher als für ältere Menschen. Was hilft ihnen in dieser schwierigen Phase?

In erster Linie, sich regelmäßig zum Telefonieren verabreden. Wenn man jeden Tag mit der besten Freundin zur selben Zeit spricht, gibt das einen Ankerpunkt. Aber auch Sinnesreize können helfen, etwa ein Fußbad mit speziellen Badekügelchen oder sich was kochen, was gut schmeckt und gut duftet, um die Sinne anzuregen. Oder sich feste Essenszeiten setzen oder bestimmte Fernsehsendungen, die man gerne guckt, als Strukturhilfe nutzen.

Man muss sich diese Zeit erlauben, zu trauern und ratlos zu sein.

von Dr. med. Dunja Voos

Was viele Leute gerade ein bisschen einschüchtert oder lähmt, ist wohl auch, nicht genau zu wissen, wie lange das alles noch andauert. Was würden Sie diesen Menschen sagen?

Ich habe da letztens was Schönes von einem Zukunftsforscher gelesen: Man soll sich Geschichten in der Vergangenheit ausdenken. Meist ist es ja so: Die Zukunft macht uns Angst und die Vergangenheit gibt uns Sicherheit. Und wenn wir jetzt hier sitzen und sagen, wir wissen nicht, wann wir wieder 'normal' leben werden, so hat dieser Zukunftsforscher gesagt, soll man sich einfach vorstellen, man wäre schon zehn Jahre weiter und würde auf die Zeit von heute zurückblicken. Was man sich dann für Geschichten erzählen würde. Also wir können ja schon ziemlich sicher sein, dass das Ganze in zehn Jahren vorbei ist. So kann man sich gedanklich herantasten.

Man hat ja weiterhin einen gesunden Menschenverstand und jeder weiß ja auch, man kann jetzt nicht ewig die Wirtschaft stillstehen lassen. Mir selbst hilft es auch immer, seriöse Fernsehsendungen zu schauen, wo Forscher*innen zu Wort kommen, die echt Ahnung haben, um auch das Gefühl zu haben, gut informiert zu sein.

Für viele Menschen sind wohl auch gerade die vielen, ständig eintrudelnden Nachrichten und Neuigkeiten zu Corona eine gewisse Belastung…

Gut auf sich hören, ist da wichtig. Wenn man gerade Lust hat, Nachrichten zu hören, dann kann man sich das reinziehen, aber irgendwann kommt dann auch das Signal "jetzt ist es gut". Dann ist es wichtig, auch darauf zu hören. Meistens hat man ja auch Angst vor dem Moment der Stille, wenn man das alles wieder abdreht. Dann müssen wir uns daran erinnern: "In fünf Minuten wird es mir besser gehen, wenn ich jetzt ausmache". Was meist ganz gut klappt ist, wenn man sich das häppchenweise einteilt. Überhaupt finde ich es immer wertvoll sich in so langen Zeiträumen, wo man nicht genau weiß, was passiert, kleine Etappen zu setzen. Also in Häppchen etwas zu lernen, häppchenweise fernsehen. So wird einem alles nicht zu viel und man hat einen nächsten Ankerpunkt. Daran kann man sich ganz gut langhangeln.

Was macht es mit einem, wenn die Arbeit und somit der strukturierte Tagesablauf plötzlich wegfällt? Was können wir tun, um daheim nicht 'durchzudrehen'?

Auch, wenn man plötzlich nicht mehr in die Arbeit geht, ist diese innere Uhr ja trotzdem noch wach, daher würde ich versuchen, mich weiterhin danach zu richten: Also aufstehen wie immer und wenn ich um acht Uhr merke, eigentlich säße ich jetzt am Arbeitsplatz, könnte man zum Beispiel einen Online-Kurs besuchen oder etwas lernen, das einen interessiert.

Aber: Natürlich kann ich das jetzt so schön daherreden. Fakt ist: Der Frust ist oft so groß, dass erst mal eine ganze Trauerzeit nötig ist. Es ist total in Ordnung, jetzt auf der Couch zu sitzen, zu weinen und sich Sorgen zu machen. Manchmal geht es einfach nicht anders. Ich finde, man muss sich diese Zeit erlauben, zu trauern und ratlos zu sein – das hat auch seinen Sinn, denn der Körper und die Seele brauchen erst mal wieder Kraft. Irgendwann kommt bei den meisten von selbst der Punkt, wo man zum Weitermachen motiviert wird.

Menschen, die ihre Therapeuten nicht mehr sehen können, nicht mehr mit ihnen einem Raum sein können, sind teilweise unfassbar verzweifelt.

von Dr. med. Dunja Voos

Welche Auswirkungen hat die derzeitige Situation auf Menschen, die nun nicht mehr wie bisher ihre Therapiesitzungen besuchen können? Ist Online-Therapie eine gleichwertige Alternative?

Menschen, die ihre Therapeut*innen nicht mehr sehen können, nicht mehr mit ihnen einem Raum sein können, sind teilweise unfassbar verzweifelt. Ich denke, in dieser Zeit wird uns auch nochmal bewusst, was es ausmacht, wenn zwei Körper in einem Raum sind. Ich halte viel von Online-Therapie, wenn zum Beispiel ein*e Deutsche*r in Australien lebt und sagt, ich möchte eine Therapie mit einer*m deutschsprachigen Therapeut*in machen und daher von Anfang an eine Online-Therapie wählt – dann ist das eine super Sache. Sie*Er kennt es nicht anders und ist daran gewöhnt.

Wird man jetzt aber von einer "persönlichen" Therapie in eine Online-Therapie "reingeworfen" – ist das sehr, sehr schwer zu verarbeiten. Manche gewöhnen sich ein bisschen mit der Zeit, aber viele eben nicht. Inzwischen, nachdem ich das auch eine Zeit lang intensiv gemacht habe mit Online-Therapien, finde ich es umso wichtiger, die Patient*innen persönlich zu sehen und glaube, dass einige Psychotherapeut*innen das gerade beobachten.

Warum? Worin liegt der Unterschied?

Studien zeigen: Wenn man körperliche Schmerzen hat und damit allein ist, tut das sehr weh. Sobald aber eine nahe stehende Person den Raum betritt, gleichen sich Atmung und Herzschlag von den beiden an und der Schmerz lässt nach. Das weiß man vom körperlichen her, aber es ist mit Sicherheit auch mit der Psyche so, weil der Schmerz ja auch eine psychische Verarbeitung hat. Ich glaube, das wird jetzt erst durch die viele Online-Therapie klar: Wenn mein*e Patient*in beispielsweise nervös wird und mir gegenüber sitzt, dann sehe ich vielleicht, wie der Fuß auf einmal wackelt. Wenn ich Patient*innen nur am Bildschirm sehe, dann fehlen mir ganz wichtige Körperinformationen. Dass wir uns tief in die Augen sehen können, ist ja dann auch nicht richtig möglich. Das schmerzt die Patient*innen unfassbar – wenn die vorher das körperliche gewohnt waren und das dann entfällt.

Für viele ist ein Online- oder Telefonkontakt auf jeden Fall immer noch besser als nichts, aber einige, die vorher "normale" Therapie erlebt haben, sagen auch: "Nein das finde ich so schrecklich, dass ich lieber ganz pausiere". Die warten dann lieber bis das Ganze vorbei ist und man sich wieder persönlich sehen kann.

 

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