"Es ist eine Sache, über mich zu lachen und eine andere, mir zu begegnen"

Im exklusiven wienerin.at-Interview spricht Natascha Kampusch darüber, was sie 20 Jahre nach der Entführung bewegt, warum die FPÖ sie "besonders lieb hat" und wie sie ihre Geschichte weitererzählen möchte.

„Denn genauso, wie der Täter überhöht werden musste, damit die Tat erträglicher wurde, muss das Opfer eine Rolle erfüllen. Entweder gebrochen bis zum Ende seines Lebens oder mit einem Erwartungsdruck belegt, an dem es nur scheitern kann.“*

Wir sitzen in einem kleinen Raum im Erdgeschoss, das Fenster ist gekippt. Davor bleiben immer wieder Menschen stehen, lächeln, winken oder starren die junge Frau an, die mir gegenüber sitzt. Ein Leben unter ständiger Beobachtung und permanenter Kontrolle – ein Leben, das sich die meisten Menschen nur schwer vorstellen können. Es ist das Leben von Natascha Kampusch.

20 Jahre ist ihre Entführung her, und selbst heute bleibt der "Fall Kampusch" eine einzige Endlosschleife, wie sie in ihrem 2016 erschienenen Buch "10 Jahre Freiheit" schreibt. Eine Geschichte, in der die Würde des Opfers nur eine Nebenrolle spielt, und in der Täter-Opfer-Umkehr eine noch nie dagewesene Dimension erlebt. "Die ganze Last seiner unbegreiflichen Tat trage ich auf meinen Schultern. (...) Ich muss erklären, wo ich nichts erklären kann, ich muss rechtfertigen, wo es nichts zu rechtfertigen gibt, einem Bild entsprechen, dem ich nicht entsprechen will. Es ist manchmal wie eine Pervertierung des Satzes von Wolfgang Priklopil: ,Du gehörst nur mir. Ich habe dich erschaffen'", schreibt Kampusch über ihre Jahre nach der Gefangenschaft.

Denn seit ihrer Selbstbefreiung im Jahr 2006 wurde und wird Kampusch immer wieder zur Zielscheibe und Projektionsfläche von Hass und Victim-Blaming. Egal ob es ihre Aussagen, ihr Äußeres, ihr karitatives Engagement ist – alles an ihr als Person wird von Medien, der Gesellschaft, auch der Politik instrumentalisiert, verdreht, skandalisiert, herabgewürdigt. Bis nur noch eine Hülle ihrer selbst übrig blieb. "In den Jahren der Gefangenschaft hatte ich das Gefühl, jemand habe mich ausgehöhlt und mir mein Leben entwendet. In den vergangenen Jahren hatte ich manchmal das Gefühl, als hätte man mir mein Ich-Sein genommen."

Es ist auch ein Fall beispielloser Respektlosigkeit der Medien. Und einer, der zeigt, wie sehr Opfer um ihre Glaubwürdigkeit kämpfen müssen. "Für einen Teil dieser Welt war ich ein Stück weit eine Provokation. Weil ich sie vielleicht überfordert habe mit der Art, wie ich mit meiner Entführung und der Gefangenschaft umgegangen bin." Heute versucht Natascha Kampusch all das hinter sich zu lassen, und ihre Stimme wiederzufinden. Die Kraft, die sie daraus zieht, steckt sie vor allem in Gutes. In erster Linie, um anderen Opfern Mut zu machen, und zu zeigen, dass es eine bessere Zukunft gibt. Mit der wienerin.at sprach die 30-Jährige über den harten Weg zurück ins Leben, die Folgen der #metoo-Bewegung und warum sie sich ihre politische Meinung nicht absprechen lässt.

Frau Kampusch, es scheint, egal, was Sie machen, Sie machen es laut mancher Medien, sogar Teilen der Justiz, Hasspostern – immer falsch. Warum glauben Sie, gibt es diese Vorstellung davon, wie sich ein "perfektes Opfer" zu verhalten hat, und wie haben Sie das im Laufe der letzten 12 Jahre erlebt?

Natascha Kampusch: Es gibt die Vorstellung aufgrund von Erfahrungswerten. Wissen Sie, wie ich meine? Man weiß, wie Opfer sich meistens verhalten und man hat auch schon seit Jahrzehnten ein Rezept. Oft ist es aber nicht das, was man sich als Opfer wünschen würde und meistens hilft es nicht, sondern wühlt noch mehr auf, und ist oft auch Pro-Täter. Ich glaube, daher kommt dieses Bild. Viele Opfer verharren auch in dieser Opferrolle, weil sie keine anderen Angebote bekommen, sich selbst zu entwickeln, an sich selbst zu arbeiten.

Weil Sie sagen, es gibt bestimmte Muster, nach denen gehandelt wird: Wie hätten Sie sich denn gewünscht, dass in Ihrem Fall anders oder besser gehandelt worden wäre?

Natürlich hat man auch in meinem Fall probiert, mich zu einem Experiment zu machen. Da hab ich allerdings abgewunken, weil ich das nicht wollte. Wichtig ist, zu evaluieren, was benötigt die Person? Ich war ja nicht in einer familiär katastrophalen Situation, und insgesamt war es auch ein sehr spezifischer Fall. Die meisten Gewaltopfer sind ja Opfer ihrer eigenen Familien oder ihrer eigenen näheren Umgebung. Das sind zwei unterschiedliche Dinge. Es gibt so viele Opfer, dass ich nicht genau definieren kann, wie man jetzt mit Opfern umgehen sollte. Dieses Stereotyp, um noch einmal auf die Eingangsfrage zurückzukommen, kommt meiner Meinung nach eben daher, dass viele selbst eben Opfer sind oder waren, und das dann von sich wegschieben wollen. Sie brauchen deshalb andere Leute, die sie dann als Opfer stigmatisieren können.

Man hätte mir einfach die Zeit geben sollen, die ich gebraucht hätte. Bei der Familie in Amstetten – das war wieder ein ganz anderer Fall – hat man versucht, sie abzuschirmen und zu schützen, was in meinem Fall damals nicht gemacht wurde, weil es eine "Sensation" war und weil alle so erpicht darauf waren, irgendwie Anteil zu nehmen.

Sie schreiben in Ihrem Buch auch über den "Stempel des Gewaltopfers", über ihre Person als Projektionsfläche. Was projizieren Menschen in Ihre Person hinein?

Es wird gesagt, ich hätte keine Bildung, ich wäre eine "Sex-Sklavin". Oder: "Jemand wie diese Person ist vielleicht auch indoktriniert worden", ich hätte semi-kriminelle Energien, und dann gibt’s noch dieses "Warum geht man damit an die Öffentlichkeit und zieht nicht einfach weg?" – also dieser Versuch, mich mundtot zu machen. Das ist stark in diesem Stigmatisieren und in die Opferrolle-Drängen drinnen. Was auch gerne gesagt wird: "Finde dich damit ab. Bleib in dieser Position."

Würden Sie sagen, dass das vor allem Frauen passiert? Auch im Internet?

Natürlich passiert das vielen Frauen. Bei Männern kommt es nie so häufig vor, dass sexualisierte, verbale Gewalt im Spiel ist. Ich bin oft erstaunt, wozu diese User, Poster, Follower alle fähig sind. Anonym und doch nicht anonym.

"Ich war vor einem Feind geflohen und hatte mit einem Mal zig Feinde, in manchen Internetforen sogar Tausende Feinde", schreiben Sie in Ihrem Buch. Wie gingen und gehen Sie mit dem Hass um, der Ihnen im Internet entgegenweht?

Ich habe mittlerweile eine Technik entwickelt: Ich schaue mir an, wer die Person ist, mit wem sie im Netz verbunden ist, manchmal hat man vielleicht das Glück, dass man die eine oder andere Person - wenn man schon nicht den eigentlichen Hassposter zur Rechenschaft ziehen kann – zum Beispiel wegen Wiederbetätigung anzeigen kann, und dann hat man auch so etwas dagegen gemacht. Ich sehe jedenfalls nicht untätig zu.

Im Internet wurde ich als „Hure“ beschimpft, man müsse es mir mal „ordentlich besorgen“, weil das hätte dieser „Klemmi“ wohl nicht richtig hinbekommen. „G’fallen tät der des doch, der Schlamp’n!“ In der U-Bahn tuschelten Leute hinter mir her, dass ich weggesperrt gehörte und der Öffentlichkeit meinen Anblick ersparen sollte.
von Natascha Kampusch im Buch "10 Jahre Freiheit"

Das heißt, Sie gehen richtig systematisch vor. Würden Sie das auch anderen raten, weil manche blockieren die Hassposter und lassen die Sache damit gut sein?

Es ist für die Psyche mal ganz gut, dass man das stummschaltet und blockiert. Je nachdem wie man das in der spezifischen Situation möchte – entweder man möchte sich nur selbst schützen, was vollkommen legitim ist, oder man hat das Gefühl, man möchte auch andere Frauen davor schützen, dann sollte man die Nachricht auf jeden Fall melden.

Spüren Sie auch die Gegenbewegung, also steigende Solidarität und Zivilcourage im Internet?

Durchaus. Das Internet bietet ja nicht nur Leuten, die sich völlig negativ und destruktiv äußern, eine Plattform, sondern auch den Leuten, die das Gute und Schöne in der Welt wollen. Und da fühle ich mich natürlich auch mehr unterstützt als in der "realen" Welt. Weil ich ja nie in die Köpfe der Leute, die ich auf der Straße sehe, hineinschauen kann.

Sie beschreiben in Ihrem Buch auch Situationen, die Ihnen auf der Straße passiert sind. Besonders grausam sind da die "Kampusch-Witze", über die Sie berichten. Begegnen Sie dem noch immer in der Öffentlichkeit?

Nein, ich denke, das traut sich niemand mehr. Es kommt natürlich darauf an, wo ich unterwegs bin, aber im Großen und Ganzen ist das kein Thema mehr.

Fragen Sie sich manchmal, was passiert wäre, wenn man Ihnen einfach von Anfang an geglaubt hätte?

Im Grunde genommen hat mir die Polizei ja von Anfang geglaubt. Es wurden Tests gemacht – es stand sehr schnell fest, dass ich mit meinen Eltern verwandt war, ich wusste es, meine Eltern wussten es, nun wusste es auch die Polizei. (lacht) Dieses Glauben oder Nicht-Glauben ist stark von den Medien aufgebauscht worden, und es gab dann diese Phase, wo es auch in die öffentliche Meinung übergetreten ist. Am Anfang war es noch Anteilnahme, Mitgefühl, tiefe Bewegtheit. Und dann plötzlich wurde es zu "Ja, aber sie hat das sicherlich alles selbst geplant" oder "Ja, aber die Mutter ist doch irgendwie schuld, sie hat sie zwar jetzt nicht umgebracht, wie wir die ganze Zeit geschrieben haben, aber sie ist trotzdem irgendwie involviert, und die Schwester auch, und vielleicht der Vater, und überhaupt ist alles nur eine Verschwörung."

Ich denke, wenn die Medien das von Anfang an anders gemacht hätten, wäre auf jeden Fall viel Positives entstanden. Ich hätte mehr Projekte machen können, hätte anderen Leuten stärker helfen können, zum Beispiel in der Männerberatung und im genderpädagogischen Bereich: die Täter davon abzuhalten, Täter zu werden.

Glauben Sie, Ihre Geschichte, würde heute, im Jahr 2018, anders bewertet werden – oder zumindest weniger sexistisch?

Ich denke, dass es jetzt noch schlimmer wird. Wir sind gerade an einem Punkt, wo alle ein wenig in eine bessere Richtung tendieren, aber innerlich schon etwas Anderes wollen – und ich wüsste nicht, ob es nicht noch schlimmer wäre als damals.

Wie erklären Sie sich diesen Widerspruch, dass Menschen zwar meinen, sie würden die Gewalt, die ihnen widerfahren ist, ganz abscheulich finden – im gleichen Atemzug aber reproduzieren sie selbst Gewalt, in Form von Hass im Netz?

Diese Leute wollen ihre Gewalt loswerden und versuchen so zu tun, als würden sie etwas Nettes sagen wollen, um gleichzeitig etwas Böses zu sagen. Dieses "Hörts doch auf mit dieser Gewalt, mich kotzt das schon an" – da ist ja dann auch wieder die Gewalt drinnen. Teilweise vielleicht auch mit eigenen Schuldgefühlen kämpfend. Sie wollen nicht dauernd auf ihre eigenen Charakterschwächen hingewiesen werden.

Auf Twitter kommentieren Sie auch politische Geschehnisse, zuletzt etwa sahen sie die Pläne einer berittenen Polizei kritisch. Die Folge: jede Menge Hasspostings. Glauben Sie, dass Frauen im Netz, und insbesondere Ihnen, eine politische Meinung abgesprochen wird?

Ja, ich glaube, dass man Frauen grundsätzlich die politische Meinung abspricht. Früher war das halt gang und gäbe und keiner hat sich darüber aufgeregt. Ich will jetzt nicht sagen, dass es Männerzirkel oder so etwas gibt – aber es wird eben noch gesagt: "Ihr habt es doch eh so gut, was beschwert ihr euch überhaupt" und "Ihr braucht da auch nicht so groß mitreden, weil ihr habt keine Ahnung. Das ist politisch, und international, und bla bla." Aber in Wahrheit haben Frauen viel mehr Ahnung, weil sie sich viel mehr informieren, Frauen haben grundsätzlich auch größere Sorgen um die Zukunft wegen ihrer Kinder, und wegen sich selbst. Je gesünder die Gesellschaft ist, je gerechter es zugeht, desto sicherer können sich auch Frauen im öffentlichen Raum fühlen. Man hat immer gesehen, wenn solche Dinge gekippt oder eskaliert sind, es hat zuerst Frauen oder auch Homosexuelle getroffen. Man fängt zuerst an, den Feind fertigzumachen, und dann fängt man an, die Gesellschaft innen auch nochmal zu zerlegen.

Passen Sie nach solchen Ereignissen auf, was Sie später sagen – zensieren Sie sich selbst oder versuchen Sie das nicht zu tun?

Ich habe mich jahrelang immer selbst zensiert, weil ich wusste, dass meine Aussagen immer wieder fehlinterpretiert wurden und bin ganz gut damit gefahren. Aber: In manchen Angelegenheiten juckt es mich doch, eine Äußerung zu tätigen. Und ich bin immer mutiger, weil ich auch sehe, dass es andere Menschen gibt, die ähnlicher Meinung sind.

Warum ist es Ihnen persönlich wichtig, gegen Hass im Netz aufzustehen und karitative Projekte zu unterstützen?

Es ist wichtig zu zeigen, dass man auch anders kann. Viele tendieren ja auch dazu, sich in einer Opferrolle zu sehen – ich muss ja so viel arbeiten, mir wird nichts geschenkt – ich denke das sind First World Problems. Und ich glaube, dass man, wenn man etwas Anderes zeigt, auch viele Leute glücklich machen kann. Und zwar nicht nur die Leute, denen man etwas spendet, sondern auch jene, die nichts anderes wüssten, als sich noch ein Auto zu kaufen, oder auf Urlaub zu fahren.

Haben Sie das Frauen*volksbegehren unterschrieben?

Ich habe es auf jeden Fall noch vor.

Über die Missbrauchsfälle des ÖSV haben Sie auf Twitter geschrieben: "Wie hat unsere Gesellschaft Männer damals erzogen, dass das dabei rauskam?" Haben Sie eine Antwort auf diese Frage gefunden?

Ich erinnere mich an Skiurlaube aus der Kindheit. Es war total üblich, dass der Wirt der Kellnerin unter’s Rockerl gegriffen hat, dass Menschen sich viel, viel herausgenommen haben. Wenn man sich Filmklassiker aus den 80ern ansieht…

„Das ist jetzt ein bisschen komisch, machen wir eine kurze Pause“, sagt Frau Kampusch. Vor dem Fenster steht ein älterer Mann, der sie anstarrt. „Jetzt ist er weg.“

…wenn man sich diese Filme ansieht, die früher als total romantisch gegolten haben, findet man überall dieses Macho-Mäßige. Die Frau kann nicht mitreden, die Frau muss gerettet werden, eine Frau ist das Dummchen.

Wenn Männer um die 40 auf 15- bis 16-jährige Mädchen treffen, ist das keine gute Kombination. Früher hätte man noch gesagt: "Sie sind selber schuld, sie sind zu aufreizend angezogen." Aber: Es ist eine Sache, ob sie aufreizend ist, und eine andere Sache, ob die alten Knacker darauf einsteigen und vielleicht auch ein System daraus machen. Und junge Frauen bewusst ausnützen und missbrauchen.

Das Traurige ist, dass ich wegen meiner tatsächlichen oder nach außen hin sichtbaren „Stärke“ kritisiert wurde. Dass man Zurückhaltung mit „etwas verheimlichen“ verwechselte. Und sich nicht die Mühe machte zu differenzieren, dahinterzublicken. Stattdessen war ich zunehmend mit Sätzen konfrontiert wie „Wer so spricht, wer die Dinge so differenziert betrachtet, kann nicht genug gelitten haben.
von Natascha Kampusch im Buch "10 Jahre Freiheit"

"Indem man Tätern, wie das auch bei Josef Fritzl geschehen ist, Etiketten wie „Monster“ oder „Bestie“ anheftet und sie somit vom Normalen in eine „übermenschlich-grauenvolle“ Dimension hebt, erhofft man sich vielleicht eine Art Absolution." Erscheint dieser Satz aus Ihrem Buch im Zuge der #metoo-Bewegung wieder passend?

Ich finde schon, weil im Grunde genommen sind es einfach die Opas, die Väter, die Brüder, Söhne von jemandem. Sie nützen ihre Macht aus. Es trifft so viele Menschen in dieser Gesellschaft. Wenn man jedem einen schwarzen Punkt auf die Stirn kleben würde, würde man staunen, wen man so auf der Mariahilferstraße trifft.

Gibt es etwas, das Sie den Millionen Frauen, die Erfahrungen mit Gewalt teilen und öffentlich machen, sagen möchten?

Ich hoffe, es kommt eine Zeit, wo das alles besser wird. Und ich denke, es gibt da sehr viele weibliche Ressourcen in der Geschichte, es gab ja nicht nur patriarchal gefärbte Gesellschaften. Mit dem Bekanntwerden dieser ganzen Situationen und Fälle können ja auch weitere Fälle vermieden werden.

Weil wir beim Thema Gewalt sind: In Ihrem Buch schreiben Sie auch über das "innere Gefängnis", das der Täter bei Ihnen geschaffen hat. Können Sie das näher erklären?

Ich vergleiche das gerne mit wilden Tieren, die gefangen und domestiziert werden, und die dann nicht mehr wissen, dass sie eigentlich über Ressourcen verfügen, die sie in sich tragen. Ein Pferd könnte sich locker losreißen, macht es aber nicht, weil es von klein auf so trainiert wurde. Ein Vogel könnte einfach wegfliegen, macht er aber nicht. So ist es auch mit Hunden, er könnte Menschen relativ rasch überwältigen, und trotzdem winselt er vor der Tür und lässt sich alles von ihnen bieten.

"Ich wollte mir meine Vergangenheit, vor der ich ohnehin nicht davonlaufen konnte, ein Stück weit zurückholen. Die Deutungshoheit über das, was ich erlebt habe." Ist Ihnen das gelungen, die Deutungshoheit über Ihre eigene Geschichte zurückzuholen?

Schon. Natürlich gibt es immer Leute, die irgendwelche seltsamen Arbeiten und Bücher über mich schreiben und geschrieben haben. Was mich immer wundert: Wo hat man diese Informationen her? Und woher nimmt man auch die Zeit, sich mit diesen stupiden Theorien auseinanderzusetzen? Sollten diese Menschen das lesen, empfehle ich einfach: Werdet lieber Kochbuchautoren.

Wie fühlen Sie sich, wenn Menschen Ihre Geschichte vereinnahmen?

Es ist kein gutes Gefühl. Egal ob es seltsame Bücher sind oder nicht besonders lustige Kabarettprogramme. Ein Beispiel: „TSCHÜSS - das war der ORF!“ im Kabarett Simpl. Da wurde eine dickere, unsympathische Frau dafür gecastet, mich zu spielen – und einer hat den Christoph Feurstein gespielt. Ich ging damals am Simpl vorbei und alle Menschen schauten mich total betreten an – zu diesem Zeitpunkt wusste ich nicht, was los ist. Aber später ergab es natürlich Sinn. Weil es ist eine Sache über mich zu lachen, aber mir dann in echt zu begegnen, hat die Menschen doch bestürzt.

Über Ihr Alter schreiben sie: "Weder jung noch alt, ich hänge irgendwie zwischen den Zeiten." Welches gefühlte Alter haben Sie derzeit, würden Sie sagen?

Ich habe unlängst ein Ö3-Interview gegeben, und da hat Frau Stöckl gemeint: "Man könnte meinen, sie spricht mit der Weisheit einer 70-Jährigen." (lacht) Ich muss sagen, dass das lange gestimmt hat, aber was mir hilft, ist, dass viele Menschen in meinem Alter mit der Erfahrung nachgezogen sind. Drastisch war es, als ich selbst 19, 20 Jahre alt war. Ich habe damals beobachtet, wie viele Menschen noch sehr in ihrem jugendlichen, arglosen Dasein des Noch-nicht Enttäuscht-Worden-Seins leben. Wie anders sie waren als ich.

Wie wichtig ist es in diesem Kontext auch, sich der Diskriminierung bewusst zu werden, die in der Gesellschaft existiert?

Diskriminierung existiert in einem Umfeld, wo die Leute in eine gewisse Richtung gehen, und jeder, der in eine andere Richtung geht, wird ausgeschlossen. Gerade in Gesellschaften, die sich militarisieren, die so einen Drill erfahren, ist es wieder so, dass Leute, die die sanfte Seite repräsentieren – Homosexuelle, KünstlerInnen – dass man auf die als Erstes lostritt und sie diskriminiert, weil man "das ja nicht brauchen kann" in der Situation. Es kann auch in einer Firma passieren, wenn jemand aufgrund seiner Andersheit gemobbt wird.

Haben es junge Menschen in dieser nach Leistung orientierten Gesellschaft schwer, ihren Weg zu finden?

Ich denke schon. Ich vermute aber auch, dass wir es mit dem Individualismus übertrieben haben. Und zwar in eine Richtung, dass jeder egoistisch sein muss, jeder dieselbe Kaffeemaschine zuhause haben muss, und jeder sich mit Gillette rasiert. Das bewirkt aber, dass es diese Herzlichkeit, das liebevolle Aufnehmen von anderen Menschen nicht mehr gibt. Dieses "Schau, wir sind doch alle gleich. Wir sind alle Menschen." Dass es schwierig ist, sich selbst zu finden, weil man nicht mehr angenommen wird. Jeder schaut in seine Richtung. Und dazwischen liegt überall Kommerz.

Das erinnert eigentlich stark an Instagram. Sind sie auf der Plattform angemeldet?

Ich werde bald auf Instagram sein und schauen, dass ich das anders gestalte, weil es bringt ja nichts, das tausendste Foto eines Frühstücks-Croissants oder eines hippen Glases zu posten.

Sie haben eine eigene Schmuckkollektion gestartet. In ihrem Buch beschreiben Sie Handarbeit als Weg, um zu Ihnen selbst zu finden. Wie ist Ihnen die Idee gekommen, Schmuck zu kreieren?

Ich wollte immer schon etwas schaffen, das ich den Leuten mitgeben kann. Ich habe privat mit der Goldschmiede-Ausbildung begonnen und meine Liebe zum Schmuck entdeckt.

"Es ist eine Sache über mich zu lachen, eine andere mir in echt zu begegnen."

Etwas, das sich durch Ihr Buch zieht, ist die respektlose Medienberichterstattung – vor allem der Boulevardmedien. Wie haben Sie überhaupt noch den Willen, mit Journalistinnen und Journalisten zu reden?

Weil mich die Auseinandersetzung und der Diskurs interessiert. Und weil ich das den Leuten und Journalisten, die sich wirklich und ehrlich damit auseinandersetzen wollen, nicht verwehren möchte. Aber natürlich: Es hat bereits vor meiner Selbstbefreiung begonnen, dass man Gerüchte in die Welt gesetzt hat, dass man diesen Fall zum Politikum machte, dass das Ganze einfach völlig aus dem Ruder geriet.

Wie sehen Ihre Zukunftspläne aus? Werden Sie sich auch weiterhin für karitative Projekte einsetzen?

Es kommt immer so viel auf mich zu, zeitlich ist zum Beispiel ein Studium momentan nicht so realisierbar. Karitative Projekte wird es auf jeden Fall geben. Gerade in diesen Zeiten werden Förderungen und Unterstützer von solchen Projekten immer weniger. Es ist wichtig, dass jeder ein kleines Tröpfchen dazugibt.

Weil sie sagen, die Förderungen werden weniger. Auch einige Frauen- und Gewaltschutzvereine sind derzeit von Kürzungen betroffen. Was würden Sie sich denn frauenpolitisch von dieser Regierung wünschen?

Ich würde mir wünschen, dass sie nicht so einen altmodischen Kurs fahren wie vor 40 Jahren, sondern dass sie ganz einfach auf das, was jetzt ist, Rücksicht nehmen, dass sie gute Sachen nicht "verschlimmbessern". Es ist gerade so als hätte man die ganze Zeit einen Gips getragen, und jetzt würde man sich dann wieder frisch das Bein brechen.

Besonders interessant ist, dass sich immer wieder FPÖ-Funktionäre und –innen zu Ihrem Fall geäußert haben. Entweder bei Verschwörungstheorien oder kürzlich, als sie die berittene Polizei kritisiert haben. Warum gerade aus dieser Partei?

Die haben mich halt besonders lieb (lacht). Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass das halt Leute sind, die sich nicht so darum scheren, ob das jetzt politisch korrekt ist, was sie sagen, sondern einfach nur Stimmung machen. Und dass das deshalb auch in deren Programm und zu deren Politjargon passt.

„Freiheit beginnt in der Seele und arbeitet sich nur langsam von innen nach außen.“

Sie hatte geglaubt, mit ihrer Selbstbefreiung beginne ein völlig neues Leben voller Energie und Chancen. Stattdessen wurde sie immer wieder dazu gezwungen, in ihre dunkle Vergangenheit einzutauchen. Jetzt erzählt Natascha Kampusch erstmals, wie schwer sie es hatte, ihre Rolle zu finden – und warum sie den Glauben an das Gute im Menschen trotz allem nicht verloren hat. Das bewegende Buch einer mutigen Frau, die immer wieder die Kraft findet, ihr Leben in die Hand zu nehmen.

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Zitat aus dem Buch "Natascha Kampusch: 10 Jahre Freiheit"

 

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