"Es gibt keinen gesunden Alkoholkonsum"

Eine unbequeme Wahrheit: Alkohol erfüllt viele Funktionen. Gesünder macht er uns aber nicht.

wie ungesund ist alkohol wirklich

Österreich ist ein Alkoholland. Das weiß man und hat es akzeptiert. Derzeit kommt auf 3,5 alkoholkranke Männer eine alkoholkranke Frau. Bei Jugendlichen liegt das Verhältnis schon bei 2:1 -Tendenz steigend. Schon heute trinken Jugendliche vor ihrem 15. Geburtstag regelmäßig Alkohol und haben erste Rauscherfahrungen. Nüchtern, so liest man, sei in den Generationen Y und Z "das neue betrunken" - für die breite Masse scheint das nicht zu gelten: Wer beim Sommerspritzer auslässt, wird eher schief angeschaut; vielen Frauen vorzugsweise auf den Bauch. Dabei hat die Abstinenz viele gesundheitliche Vorteile. Wir haben mit Michael Musalek, Ärztlicher Leiter des Anton-Proksch-Instituts, darüber gesprochen, was Alkohol mit Frauenkörpern macht, und die brennendsten (Gesundheits-)Fragen geklärt.

Die 8 wichtigsten Fragen zu Alkohol

1. Gibt es guten und schlechten Alkohol?

Jein. Trotzdem ist es nicht egal, welchen Alkohol man zu sich nimmt. Ethylalkohol ist der gängige Speisealkohol und allgemein gut verträglich. In jedem Alkohol sind aber auch Methylalkohole -das sind besonders schädliche Substanzen -und langkettige Alkohole enthalten. Michael Musalek: "Methylalkohol ist bei Bier und Weißwein am geringsten, bei Rotwein schon deutlich höher, und bei selbst gebrannten Getränken ist sowohl der Anteil des Methylalkohols als auch der Anteil der langkettigen Alkohole besonders hoch."

2. Warum verträgt man im Alter immer weniger?

Wer das 30. Lebensjahr überschritten und dann einmal ein Glaserl zu viel erwischt hat, weiß: Der Kater wird mit zunehmendem Alter nicht unbedingt leichter. Aber ist das unsere subjektive Wahrnehmung oder tatsächlich so? Tatsache ist: Je älter wir werden, desto langsamer erholen sich unsere Zellen. Und: Ein Kater ist nichts anderes als eine erste, leichte Alkoholvergiftung. "Das Gehirn reagiert mit den gleichen Erscheinungen, wie wenn Sie einen Schlag auf den Schädel bekommen", so Musalek. "Man wird hyperästhetisch, also licht-und wärmeempfindlich, ist emotional instabil und kann sich schlecht konzentrieren. Das ist nichts anderes als eine Funktionsstörung der Nervenzellen im Großhirn. Mit zunehmendem Alter ist die Regenerationsfähigkeit geringer und wir erholen uns langsamer." Das betrifft übrigens auch die Regeneration nach Schlafentzug oder starker körperlicher Anstrengung.

3. Vertragen Frauen wirklich weniger als Männer?

Ja, das ist eine genetisch bedingte Stoffwechselangelegenheit und hängt damit zusammen, dass Frauen den Alkohol schlechter abbauen. Musalek: "Leber, Bauchspeicheldrüse, Nervensystem, Magen-Darm-Trakt, Herz-Kreislauf-System, Haut, Knochen -es gibt praktisch kein System, das nicht durch Alkohol geschädigt wird. Diese Schädigung tritt bei Frauen schon bei geringeren Mengen auf als bei Männern. Das ist die schlechte Nachricht. Die gute Nachricht -wenn man so will -ist, dass man von geringeren Mengen mehr an Wirkung hat."

4. Ist das tägliche Glas Rotwein wirklich gut für uns?

Ganz klar: Nein. Es gibt keinen guten Alkohol und man wird vom viel zitierten Glaserl Rotwein auch nicht gesünder. Laut dem Experten ist die Empfehlung absurd und geht auf eine Fehlinterpretation zurück: "Es gibt Studien, die zeigen, dass geringe Mengen Alkohol gesünder machen beziehungsweise dass er Inhaltsstoffe enthält, die Krankheiten verhindern. Diese Substanzen, die das Risiko für Herzinfarkt oder Schlaganfall herabsetzen, wurden im Rotwein tatsächlich nachgewiesen. Nicht dazugesagt wurde, dass Sie Gallonen von Rotwein trinken müssten, um überhaupt irgendeine positive Wirkung zu haben. Da bekommen sie vorher eine Leberzirrhose, bevor sie einen Herzinfarkt oder Schlaganfall verhindern." Fazit: Das Glaserl Rotwein kann ein Genussmittel sein, aber nicht mehr. "Es gibt einen nicht schädigenden, aber einen gesunden Alkoholkonsum gibt es nicht."

5. Wirkt Alkohol bei Frauen anders?

Alkohol wirkt immer zuerst euphorisierend, angstlösend, entspannend, enthemmend. Diese Wirkung ist grundsätzlich bei Frauen und Männern gleich. Danach kommt meist die depressive Phase. "Zuerst hat man Spaß und alles ist lustig. Dann werden Probleme gewälzt und später glauben alle, in eine intellektuelle Phase einzutreten, und diskutieren gerne die Probleme dieser Welt. Das ist aber nichts anderes als die depressiogene Wirkung des Alkohols", erklärt Musalek. Auch längerfristig genommen kann Alkohol Depressionen auslösen.

6. Ist Alkohol in der Schwangerschaft wirklich so schlimm?

Ganz klar: Ja! Alkohol ist plazentagängig und das Kind hat keine Möglichkeit, den Alkohol abzubauen. Die Organe sind gerade erst im Entstehen und anfällig für Missbildungen. Musalek: "Nur weil Frauen das Glas Wein vielleicht nicht spüren, heißt das nicht, dass das Kind nichts davon spürt. Dem Körper ist auch egal, ob man weiß, dass man schwanger ist, oder nicht -die Schädigung tritt so oder so auf, wenn man trinkt." Frauen, die eine Schwangerschaft planen, sollten deshalb am besten auf Alkohol verzichten.

7. Wie viel Alkohol ist zu viel?

"Die in der Fachliteratur angegebenen 24 Gramm reinen Alkohols pro Tag bei Männern und 16 Gramm bei Frauen sind eigentlich Hausnummern. Bei diesen Mengen kann man aber davon ausgehen, dass man keine körperlichen Schädigungen davonträgt", so Musalek. Der Mythos, dass es immer auch auf Gewicht und Körpergröße ankomme, ist übrigens falsch. Auch die berühmte "Unterlage", also das Essen vor dem Feiern, um danach mehr trinken zu können, bringt nicht viel. "Die Aufnahme des Alkohols in den Körper erfolgt dann später und man hat den Rausch, wenn man schon schläft, aber die Schädigung ist gleich stark", erklärt Musalek. Man bekommt den Rausch in diesem Fall also nur nicht mit.

8. Ab wann ist Alkoholkonsum nicht mehr unproblematisch?

Jede/r von uns hat andere Trinkgewohnheiten, aber diese Regel gilt für alle: In dem Moment, wo man jeden Tag trinkt und schon mehrfach versucht hat, weniger oder gar nichts zu trinken, und es nicht geschafft hat, sollte man hellhörig werden. "Da hilft es auch nichts, wenn ich mich in der Fastenzeit zwei Wochen lang zusammenreiße. Man sollte jede Woche unter der Woche mehrere alkoholfreie Tage haben", so Musalek. Auch die Frage, ob man Wirkungstrinken oder Genusstrinken betreibt, sollte man bei sich selbst sehr genau beobachten. Problematischer Alkoholkonsum beginnt schleichend und schneller, als man denkt. Genieße ich den After-Work-Drink wirklich oder brauche ich ihn, um überhaupt entspannen zu können?"Sehr häufig ist das Wirkungstrinken verdeckt durch ein Genusstrinken. Da muss man ehrlich zu sich selbst sein. Wenn jemand jeden Tag Alkohol braucht, ist es eher kein Genussmittel mehr. Wir essen ja auch nicht jeden Tag Austern oder Schnitzel", so Musalek.

 

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