Es geht nicht mehr

Wenn Liebe durch Depression ein Ende findet. Ein Mann erzählt über die Trennung von seiner Freundin.

Martin, 36, hat sich von seiner depressiven Freundin getrennt

Zwei Jahre lang steckte ich in einer On/Off-Beziehung – meiner Meinung nach gab es die Hochs und Tiefs nur wegen der Krankheit. Als wir ein Paar wurden, war von Depressionen keine Rede. Doch ich merkte schnell: Ihr Nervenkostüm lag blank. „Die Frau ist wahnsinnig mühsam, aber sexy. Das stehe ich schon durch“, beruhigte ich mich anfangs. Zumal es keine Phasen gab, in denen sie tagelang nur im Bett lag. Nie habe ich so viel gelacht wie in dieser Beziehung. Doch am nächsten Morgen konnte die Stimmung gekippt sein – und sie mir vorwerfen, ich demütige sie. Dann zweifelte sie mich und die Beziehung plötzlich an.

Dass sie krank sein könnte, habe ich erst spät bemerkt. Ich habe die Symptome für Depression lange nicht sehen wollen: Doch es wurde immer schwieriger, für sie einen Zustand der Zufriedenheit herzustellen. Eines Abends hatte sie mich in stundenlangen Diskussionen mal wieder derart in die Enge getrieben, bis ich sagte: „Du bist ja verrückt.“ Sie ohrfeigte mich – und ich gab ihr eine Watsche, dass es nur so schallte. Oh mein Gott, ging mir durch den Kopf, was hab ich getan? Ich kam mir vor wie ein Verbrecher. Sie warf mich raus. Am nächsten Tag hat sie sich selbst in die Psychiatrie eingewiesen.

Zweieinhalb Monate war sie dort, über eine Freundin richtete sie mir aus, ich könne sie besuchen – aber nur, wenn ich die Beziehung fortsetzen wolle. Ich war zu feig, sagte mir, nein, aus der Nummer bist du raus. Gleichzeitig musste ich dauernd an sie denken, fragte mich, bist du jetzt ein Arschloch oder nicht. Wochen später hatte ich einen Nervenzusammenbruch: Ich spürte, ich möchte mich entlasten, ich will heulen. Als ich damit anfing, flossen die Tränen wie wild, eine dreiviertel Stunde lag ich auf dem Boden, zitterte, kam nicht hoch.

Als sie aus der Psychiatrie zurückkam, telefonierten wir, trafen uns auch wieder – und der ganze Zirkus ging von vorne los. Durch ihren stationären Aufenthalt hatte sich nichts an ihrem Verhalten geändert. Nach einer unseren elendigen Diskussionen wurde mir klar: Ich kann jemanden lieben, aber das heißt nicht, dass ich mit dieser Person auch unbedingt eine Beziehung führen kann. Das war das Ende. Strategien, um mich selbst zu schützen, hatte ich nicht. Wozu mich verändern? Ich bin ja kein böser Mensch, wollte für sie das Beste.

"Jede Bewegung kam mir ungeheuer vor anstrengend vor. Und sinnlos. Essen, trinken, Zähne putzen - wozu eigentlich?
Karen Duve in Taxi

"Mir ist heiß und zu der Angst hat sich mein Freund, die schwere Pferdedecke Traurigkeit gesellt. Sie wickelt sich ganz eng um mich herum. ich bekomme keine Luft, ich ersticke an mir"
Sarah Kuttner in Mängelexemplar

"Ich will überhaput nichts, ich will nur noch, dass das Gefühl weg geht. Es ghet nicht darum, dass ich mir wehtun will, sondern darum, dass es nicht wehtun soll."
David Foster in Unendlicher Spaß.

Heute weiß ich, ich bin kein Held.
Mittlerweile reagiere ich extrem schnell auf Vorwürfe, weil ich mir so viele von ihr anhören musste. Klar habe ich ihr auch Grenzen aufgezeigt. Ich hab sie gebeten, mich nicht immer nur infrage zu stellen. Dass sie selbst mal etwas Schönes für die Beziehung und für mich tun möge. „ Koch mir doch als Überraschung eine gute Suppe", sagte ich mal, und da funktionierte es auch. Doch letztlich haben diese Mechanismen nicht ausgereicht, mich zu schützen. Dass ich von ihr ständig infrage gestellt wurde, dass es nie genug war, sie immer mehr einforderte, hat dermaßen an meiner Substanz gezehrt, dass es einfach nicht mehr ging. Man kann es auch so sehen: Sie ist an den Falschen geraten. Sie hätte jemanden gebraucht, der ihr Sicherheit gibt."

Das sagt die Expertin: „Ich weiß nicht, wer von beiden mir mehr leidtut. Sicher ist, dass alle zwei dringend Hilfe bräuchten. Für sie scheint es einfacher zu sein, sich Unterstützung zu suchen. Für Frauen ist das oft leichter. Mit fachlicher Hilfe wird sie bestimmt lernen, welche Rolle die Symptome einer Depression für ihr Verhalten spielen und wie sie Probleme besser bewältigen kann. Aber sie wird auch lernen, dass nicht alles, was man mit sich und anderen erlebt, durch eine Erkrankung zu erklären ist. Der Mann könnte auch Hilfe brauchen, um im Nachhinein die Erfahrung dieser Beziehung zu verarbeiten und für sich zu nutzen. Das geschilderte Paar und viele andere in schwierigen Liebesbeziehungen hätten von einer gemeinsamen Therapie profitieren können."

 

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