Erwin Wagenhofer über Neoliberalismus und männlichen Machbarkeitswahn

Erwin Wagenhofer hat mit "We Feed the World", "Let’s Make Money" und "Alphabet" eine provokante Film-Trilogie zum Zustand der Welt geschaffen. Im Gespräch kritisiert er den Neoliberalismus, ortet aber vor allem eine echte Trendwende in der Gesellschaft.

WIENERIN: Ihr Film "We Feed the World" kam vor ­genau zehn Jahren in die Kinos. Sie haben ­damals den rücksichtslosen Umgang mit ­Lebensmitteln beleuchtet. Ich habe das Gefühl, der Film ist heute so aktuell wie 2005. Wie erleben Sie als Filmemacher das?
Erwin Wagenhofer: Filmemachen hat ja mit Fragenstellen zu tun. Und alle drei Filme waren für mich eine Auseinandersetzung mit den Fragen ­unserer Gesellschaft in der jetzigen Zeit – einmal am Beispiel von Umgang mit Nahrung ("We Feed the World"), dem Umgang mit Geld ("Let’s Make Money") und dem Umgang mit der nächsten Generation ("Alphabet"). Und hinter der Paradeiser, dem Geldschein oder der Schule kann man eine Haltung sehen.


Welche Haltung sehen Sie?
Eine Haltung, die unser System seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges geprägt hat. Die Wirtschaft, die wir haben, war früher eine Kriegswirtschaft. Wir sind ­gewachsen, dann kam ein Krieg, dann musste man ­alles wieder aufbauen und ist gewachsen – bis zum nächsten Krieg. Nach dem Zweiten Weltkrieg haben sich dann ein paar sehr gescheite Menschen, wie Konrad Adenauer oder Robert Schuman, hingesetzt und gesagt: „So etwas wollen wir nie wieder.“ Und damit das nicht mehr passiert, werden wir uns wirtschaftlich verbünden – das war der Anfang der Europäischen Union. Es ist gelungen, aber irgendwann in den 1980er-Jahren, als die Welt wieder aufgebaut war, hätte man das System umstellen sollen. Stattdessen ist der Neoliberalismus gekommen. Thatcher und Reagan haben uns erklärt, dass wir keine Alternative dazu haben. Die Folgen: Statt der früheren Fremdausbeutung haben wir jetzt die Selbstausbeutung.

Heute habe ich das Gefühl, dass die Sehnsucht nach weniger Selbstausbeutung immer stärker wird. Wir haben etwa mit Frauen gesprochen, die Bäuerinnen geworden sind. Einfach, um ein gutes Leben führen zu können ...
Ja, unsere Herausforderung im positiven Sinn ist heute eben eine andere als jene, vor der sich die Nachkriegsgeneration sah. Dort stand das Materielle im Vordergrund. Wir aber müssen den nächsten Schritt tun, denn es gibt noch etwas anderes im Leben. Wir müssen über Empathie reden, über Liebe. In dem Wort kommt Leben, aber auch Leiden vor – und mit dem muss man sich auseinandersetzen, dann geht es uns besser. Die Leute, die sich schon auf den Weg gemacht haben, wie diese Bäuerinnen, denen geht es auch besser. Unsere Welt steht jetzt an einer Weggabelung, zwei Haltungen liegen da: eine heißt Angst, die andere Befreiung. Die Angst ist derzeit noch viel stärker, und auch der Wandel Richtung Befreiung erzeugt Unsicherheit. Aber wir brauchen gar keine Angst zu haben. Ich weiß, dass ein anderes Leben möglich ist.


Wie können wir das gute Leben denn lernen?
Wir haben derzeit noch ein völlig falsches Menschenbild. Wir gehen davon aus, dass der Mensch faul ist, von allein gar nichts tut, deshalb enorm viel Druck braucht, Konkurrenz und Wettbewerb. Wir haben von uns also ein sehr grausliches Bild. Wenn wir aber anfangen mit unserer Gabe, die in jedem Menschen ganz individuell angelegt ist, zu leben, diese wertzuschätzen und damit auch zu wachsen, dann können wir zu einem Moment kommen, in dem wir etwas geben können. Im Kleinen kennt das jeder: Wenn man einem Menschen, der einem wichtig ist, etwas schenkt und der freut sich – dann sind wir von dem Moment überwältigt. Und genau für diese Momente arbeiten etwa diese Bäuerinnen, die sagen: Wir wollen einen anderen Wein haben oder ein anderes Gemüse ...


Also geht es wieder um Haltung. Wie soll man aber so eine Haltung entwickeln?
Haltung kann man nicht unterrichten, man kann sie nur vorleben. Und darum ist es toll, dass Menschen beginnen, das vorzuleben. Das alte System, geprägt vom männlichen Machbarkeitswahn, verlangt nach einem Wandel. Wir alle müssten wieder mehr auf die weibliche Seite schauen – auch wir Männer. Und damit meine ich nicht nur Weichheit, sondern vor allem mehr zu spüren. Ich muss nicht alles messen, ich spüre hinein und weiß, ob es passt oder nicht.


Und was spüren Sie? Wird Ihr nächster Film weiblicher?
Vielleicht mache ich einen Film über das Schöne, weil ich spüre, dass es das zwar überall gibt, aber fast nicht mehr gesehen wird ...

 

Aktuell