Erste große Studie: 3,6 Prozent der Frauen wurden im Lockdown von ihrem Partner vergewaltigt

In Deutschland gibt es nun die ersten Ergebnisse einer repräsentativen Umfrage, die das, wovor Frauenorganisationen zu Beginn von Corona gewarnt haben, nun leider bestätigen: Isolation führt zu deutlich höheren Zahlen bei körperlicher Gewalt und Vergewaltigungen.

Häusliche Gewalt in Isolation

Mitte März schlugen Frauenrechtsorganisationen Alarm: Der Lockdown ist eine Ausnahmesituation, Betroffene von häuslicher Gewalt bräuchten erweiterte Möglichkeiten zur Hilfe und Unterstützung. Denn Zuhause ist nicht für alle ein sicherer Ort.

Das zeigte sich an dem Anstieg der Anrufe bei Frauenhelplines (>>> wir berichteten), der aber auch nur die Spitze des Eisbergs sichtbar machte. Weil nicht alle Opfer Anzeige erstatten (können) oder Hilfsangebote nutzen (können), bleibt die tatsächliche Dimension im Dunkeln.

Erstmals repräsentative Zahlen für Deutschland

Eine Studie der Wissenschaftlerinnen Janina Steinert, Professorin für Global Health an der TUM (Technischen Universität München), und Dr. Cara Ebert vom RWI (Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung) veröffentlichte nun erstmals repräsentative Zahlen zu häuslicher Gewalt während Corona in Deutschland. Sie zeigen: 3,1 Prozent der Frauen in Deutschland wurden in der Zeit der Corona-Isolation zu Hause Opfer körperlicher Gewalt. 3,6 Prozent wurden von ihrem Partner vergewaltigt, in 6,5 Prozent der Haushalte wurden Kinder gewalttätig bestraft.

Insgesamt wurden rund 3.800 Frauen im Alter von 18 bis 65 Jahren im Zeitraum zwischen 22. April und 8. Mai 2020 – also zur Zeit der strengsten Kontaktbeschränkungen – nach ihren Erfahrungen befragt. Die Studie sei hinsichtlich Alter, Bildungsstand, Einkommen, Haushaltsgröße und Wohnort repräsentativ für Deutschland.

Auch emotionale Gewalt: Partner kontrollieren Kontakte der Frauen

Die Wissenschaftlerinnen fragten zudem, ob die betroffenen Frauen Hilfsangebote kennen und diese während Corona genutzt haben: 48,2 Prozent der Opfer kannten die Telefonseelsorge, 3,9 Prozent hatten dort angerufen. 32,4 Prozent kannten das Hilfetelefon "Gewalt gegen Frauen", 2,7 Prozent hatten das Angebot genutzt bzw. nutzen können, denn 3,8 Prozent der Frauen fühlten sich von ihrem Partner bedroht. 2,2 Prozent gaben an, das Haus nicht ohne seine Erlaubnis verlassen zu dürfen. In 4,6 Prozent der Fälle reguliert der Partner die Kontakte der Frauen mit anderen Personen – auch digital über Messenger-Dienste.

"Wenn Frauen durch ihre Partner intensiv kontrolliert werden, können sie telefonische Beratungsangebote nur schwer nutzen. Hilfe sollte deshalb auch online angeboten werden, per Chat, Messenger und E-Mail", empfiehlt Studienautorin Ebert. "Die bestehenden Hilfsangebote müssen zudem besser in der Öffentlichkeit beworben werden, zum Beispiel durch große Plakate in Supermärkten und Apotheken sowie durch Onlineanzeigen."

Risikofaktoren: Finanzsorgen und Quarantäne

Aus der Studie lassen sich außerdem Risikofaktoren herausfiltern. Die Zahl der Opfer stieg sowohl bei Frauen als auch bei Kindern, wenn:

  • sich die Befragten in häuslicher Quarantäne befanden. Die körperliche Gewalt gegen Frauen lag dann bei 7,5 Prozent, die körperliche Gewalt gegen Kinder bei 10,5 Prozent.
  • die Familie akute finanzielle Sorgen hatte: körperliche Gewalt gegen Frauen: 8,4 Prozent, körperliche Gewalt gegen Kinder: 9,8 Prozent.
  • eine*r der Beiden aufgrund der Pandemie in Kurzarbeit war oder den Arbeitsplatz verloren hatte: körperliche Gewalt gegen Frauen: 5,6 Prozent, körperliche Gewalt gegen Kinder: 9,3 Prozent.
  • eine*r der Beiden Angst oder Depressionen hatte: körperliche Gewalt gegen Frauen: 9,7 Prozent, körperliche Gewalt gegen Kinder: 14,3 Prozent.

Diese Risikofaktoren müssen laut Studienautorinnen bei einer möglichen zweiten Welle der Pandemie unbedingt berücksichtigt werden: "Es sollten Notbetreuungen für Kinder geschaffen werden, die nicht nur Eltern in systemrelevanten Berufen zur Verfügung stehen", so Janina Steinert. "Da Depressionen und Angstzustände das Gewaltpotential erhöhen, sollten psychologische Beratungen und Therapien auch online angeboten und ohne Hürden genutzt werden können. Frauenhäuser und andere Stellen, die Hilfen anbieten, müssen systemrelevant bleiben."

Zur Studie: Eine kleinere Umfrage der Wissenschaftlerinnen war im April in das regelmäßige "COVID-19 Snapshot Monitoring (COSMO)", in dem mehrere Forschungseinrichtungen die "psychologische Lage" in Deutschland analysieren, eingeflossen.
Die Studie wurde gefördert von der Dr. Hans Riegel-Stiftung und der Joachim Herz Stiftung.

 

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